Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 27 (7.7.1899)
- Article
- Ein berühmter jüdischer Bildhauer
- Date
- 1899-07-07
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 27 „Die Welt“ Seite 15 leisten würde? Wie im Nebel, noch verhüllt durch unklares Wissen und Wollen, traten ganz neue Gestalten vor sein Auge, welche er festzuhalten, mit Geist und Leben zu erfüllen gedachte, Boten einer höheren Weltanschauung und doch menschlich wahr und natürlich. Wie sollte er sich aber durch den Nebel zur Sonnenklarheit emporringen? In seiner Autobiographie erzählt er, wie er in den stillen, taghellen, die Phantasie mächtig erregenden Sommernächten Petersburgs um die Kunstakademie herumgegangen sei, die Fäuste geballt, und sich gefragt habe, wo die wahre, lebendige Kunst eigentlich zu finden sei. Aber weder der Sternenhimmel, noch die dunklen Fluten der Newa, die zu seinen Füssen rauschten, waren imstande, ihm seine Zweifel zu lösen und die Fragen, welche ihn quälten, zu beantworten. Verzweiflungsvoll habe er die mächtige, steinerne Sphynx am Newa-Ufer angestarrt und nicht gewusst, was er beginnen sollte. Ihn beschäftigten damals verschiedene religiöse Aufgaben, „Die Heilung des Tobias“ und der „Judaskuss“, den er als Relief darstellte. Bald darauf versuchte er einen Stoff zu gestalten, dessen Ausführung bedeutungsvoll in sein Leben eingriff, indem er ihm zunächst eine schwere Enttäuschung bereitete, aber gleichzeitig auch alle Kraft, die in ihm steckte, zur Bethätigung .brachte und ihn dadurch zum Meister heranreifen liess. Es war dies das Schicksal jener spanischen Juden des Mittelalters, die man gezwungen hatte, zum Ghristenthume überzutreten, die aber im Herzen dem Glauben ihrer Väter treu blieben und ihre religiösen Feste heimlich nach wie vor feierten. In einem Entwürfe zu einein Relief, stellte Antokolsky eine Versammlung dieser Marannen dar, die beim Feiern des Passahfestes überrascht und von jähem Schreck erfasst werden, wie sie den Inquisitor mit seinen Schergen, auf der Treppe gewahr werden. In der Wand brachte er an dieser Seite ein Fenster an, durch welches das Licht in den Innenraum einfiel und die Ueberraschten magisch beleuchtete. Dieser Lichteffect, war ein origineller Einfall, welcher der Phantasie des jungen Künstlers alle Ehre machte. Aber alle, welche das Werk sahen, fielen aus.Neid erbarmungslos darüber her. Man liess sich gar niclifdarauf ein, über die Sache ruhig zu sprechen, sondern verurtheilte den Schöpfer der Skizze als einen Menschen, der an krankhaften Einbildungen leide und alles anders als die fiebrigen behandle. Auch die Professoren wollten von dem absonderlichen Menschen, welcher die Kühnheit hatte, über die Durchschnittsbegabung hinauszuragen, nichts wissen — mit Ausnahme eines einzigen, der aber gerade zu jener Zeit starb. Antokolsky begab sich mit seinem Unglückswerke zu seiner Familie nach Wilna und liier erlebte es ein tragikomisches Schicksal. Die Magd bediente sich desselben als Hühnerstall, und begriff nicht, weshalb diese Art von Verwendung nicht die richtige sein sollte. Sie erwiderte auf die Vorwürfe, die man ihr darob machte, in aller Gemüthsruhe, dass man das Ding ja wieder reinigen könne. Antokolsky kehrte nach dieser Episode im Jahre 1868 der Heimat den Rücken und gieng nach Berlin. Der Eindruck, welchen die Stadt auf ihn übte, war kein besonders günstiger. Wir dürfen eben nicht vergessen, dass Berlin damals etwa die Hälfte der jetzigen Bevölkerungsziffer aufwies und sich auch sonst nicht zu seinem Vortheile von den übrigen Hauptstädten Europas unterschied. Der Umschwung zur wahrhaft : weltstädtischen Entwicklung erfolgte erst mehrere Jahre später. Auch die Museen wirkten auf ihn nicht so stark als die Petersburger Eremitage, obwohl er im Einzelnen manches Bedeutende anerkannte. Allein die antikisierende Richtung widersprach seinem Empfinden und mit allegorischen Figuren wusste er nichts anzufangen. Selbst das Denkmal des alten Fritz von Rauch befriedigte ihn nicht, weil er das Missverhältnis zwischen dem figurenreichen Piedestal und dem Standbild als störend empfand. Zu alledem gesellte sich noch ein persönliches Unbehagen, da er an verschiedene Thüren vergeblich klopfte. Er fand sogar taube Ohren, als er sein Talent zur Holzschnitzerei bei einem Drechsler verwerten wollte. Einmal passierte es ihm auch, dass er wegen seiner unansehnlichen Kleidung für einen Menschen gehalten wurde, vor dem man sich in Acht nehmen müsse. Tief beschämt kehrte er wieder nach Petersburg zurück. Er hatte sein von allen Seiten angegriffenes Relief, welches die Juden beim Passahfeste darstellte, in kleinerem Massstabe noch einmal in Wachs und Holz ansgeführt, und als er es jetzt ausstellte, erhielt er bereits eine Prämie, die ihm als Beweis dafür dienen konnte, dass er sein Ziel doch nicht ganz verfehlt hatte. Da er überdies einige Aufträge bekam, fühlte er sieb zum Schaffen angeregt. Seine wahre Grösse offenbarte sich zum erstenmale in den Standbildern Iwans des Schrecklichen und Peters des Grossen. Die Gestalt Iwans des Schrecklichen, in dessen Schloss mit byzantinischer Ueppigkeit gefeierte Orgien und geistliche Ceremonien in düsterer, klösterlich-asketischer Umgebung nebeneinander liergiengen, hat etwas Fascinierendes. In des That haben sich die ^Künstler mit keinem russischen Herrscher soviel beschäftigt, wie mit ihm. Der hagere Despot im Mönchsgewande, mit der Adlernase, den kleinen durchdringenden Augen, dem Sanuntkäppchen, den knöchernen Fingern, welche den berühmten eisernen Stab umklammern, mit dem er seinem Sohne den Schädel gespalten, das grosse Kreuz auf der Brust und die aufgeschlagene Bibel auf den Knien, ist in der Malerei, in der Sculptur und in der Poesie verewigt. Der, welcher bei Lebzeiten nichts als Furcht und Zittern eingeflösst, ward im Spiegel der Vergangenheit und der Kunst Gegenstand einer, wenn auch schaudererfüllten Bewunderung. Gleich wie das Licht ein undurchsichtiges Stück Kohle durchdringt und es in einen Diamanten verwandelt, so bemächtigt sich die Kunst zuweilen der dunkelsten Tiefen des Lebens, verklärt sie und erhebt sie, wie Gogol sagt, zu „Perlen der Schöpfung“. Kein Wunder daher, dass dieser Dämon in Menschengestalt auch unseren Bildhauer anzog. Er musste freilich unendlich viel Mühsal überwinden, bevor sein Vorhaben auch nur die geringste Beachtung fand. Dazu kam, dass er infolge einer heftigen Erkältung lebensgefährlich erkrankte und Sorgen und Entbehrungen aller Art durchzumachen hatte. Endlich hatte er sein Standbild soweit fertig modelliert, um damit vor die Öffentlichkeit treten zu können. Obwohl sich sein kleines Atelier in dem Gebäude der Kunstakademie selbst befand, vermochte er jedoch seine Lehrer nicht dazu zu bestimmen, dass sie sich zu ihm hinauf bemühten. In seiner Verzweiflung wendete er sich an den damaligen Vicepräs identen der Akademie, den Fürsten Gagarin, und dieser empfieng von der Arbeit einen so günstigen Eindruck, dass er der Grossfürstin Maria Nikolajewna, Herzogin von 'Leuchtenberg, der damaligen Präsidentin der Akademie, von der glücklichen Entdeckung Mittheilung machte. Diese tlieilte nicht nur die Bewunderung des Fürsten, sondern bewirkte auch, dass ihr Bruder, Kaiser Alexander II., den Wunsch äüsserte, das Werk, von dem er soviel Rühmliches gehört hatte, selbst in Augenschein zu nehmen. Der Kaiser erschien auch wirklich eines Nach«