Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 27 (7.7.1899)
- Article
- Der Fels, aus dem Du gehauen bist.
- Date
- 1899-07-07
- Page
- 7 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315824-3388954--13684-3389074- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Kr. .27 „Die H Welt« Seite 7 äiner Weise zu gestalten, dass wir von ihm bessere Erfolge als bislang erwarten können. Zu welchen Hoffnungen uns ein in der angegebenen Weise modificierter Religionsunterricht berechtigen kann, geht schon zur Genüge aus dem bereits Gesagten hervor. Die jüdische Jugend wird — um es kurz auszudrücken — ihre Nationalliteratur kennen. Das wird der praktische Erfolg sein. Aber nicht allein das. Der Unterricht in der hebräischen Sprache und Literatur wird sie mit einem Zweige eines eigenartigen, vom indoeuropäischen wesentlich verschiedenen Sprachstammes bekannt machen: des semitischen. Da wird sie neue Sprach- und Dichtungsformen kennen lernen, die ihren völkerpsychologisehen Bi ick erweitern können. Die Sprache der Naivität der Bibel wird dem Knaben zum Herzen dringen, der Jüngling wird begeistert werden durch die erhabenen, seraphischen Verse eines Jesaias, die herzzerreissenden Klagelieder eines Jeremias werden den nationalen Funken in seinem Herzen entflammen, und. wonach der philosophisch veranlagte junge Mann sucht, das wird er vielleicht in dem tiefsinnigen Buche Hiob finden. Und was das Wichtigste ist: die Männer der Bibel werden zu ihren Nachkommen in ihrer eigenen Sprache reden und ihnen sagen, was man thun soll und thun muss, um sich selbst zu achten und sein Volk zu lieben. Nur so kann uns und unseren Kindern der schmachvolle Vorwurf erspart bleiben: ‘"p"'1 “IIS „Den Fels, aus dem Du gehauen bist, hast Du vergessen.“ Ein Leitfaden durch die Irrgänge des Dreyfushandels. IV. Vermuthlich in der Erwägung, dass die angeblichen Geständnisse Dreyfus’, die wir unter der Rubrik a) der nachträglichen Beweise behandelt haben, denn doch nicht überzeugend wirkten, haben die Ankläger Dreyfus’ eine Masse von Schriftstücken aus früherer und späterer Zeit zusammengesucht, die offenbar die Mängel in der bisherigen Beweisführung ausfüllen sollen. Wir bezeichnen sie als: b) Die nachträglich zusammengestellten Beweise. Die nachträglich zusammengestellten Beweise der Schuld Dreyfus’ sind in einem geheimen Dossier gesammelt, das insgesammt 393 Stücke zu enthalten scheint. Hauptmann Cuignet hat sie auf Befehl des jetzigen Kriegsministers Frey einet aufs neue geordnet und numeriert und dann dem Cassationshofe vorgelegt und erläutert. Da mau annehmen muss, dass sich Cavaignac zu dem nachträglichen Beweise der Schuld Dreyfus’, den er am 7. Juli 1898 vor der Kammer zu führen suchte, die beweiskräftigsten Stücke ausgesucht hatte, so seien diese hier zuerst betrachtet. Es sind folgende drei Schriftstücke : 1. Ein Brief Schwartzkoppens au Panizzardi (Nr. 391), der im März 1894 im Nachrichtenbureau ein gegangen sein soll. Er.lautet: „Gestern Abend habe ich endlich den Arzt holen; lassen, der mir verboten hat, auszugehen. Da ich also morgen nicht zu Ihnen kommen kann, bitte ich Sie, vormittags zu mir zu kommen, denn D . . . hat mir viele interessante Sachen gebracht und wir müssen die Arbeit theilen. da wir nur zehn Tage Zeit haben.“ Dieses Schriftstück ist, wie Hauptmann Cuignet selbst vor der Criminalkammer nachweist, gefälscht. Man hatte das schon vermuthet, weil dieser Brief, obwohl das Nachrichtenbureau ihn vom März 1894 datiert hatte, den Richtern Dreyfus’ nicht vorgelegt worden, also offenbar bis zum Process noch nicht vorhanden war. Cuignet sagt nun aus, dieses Schriftstück sei dem General Gonse erst im August oder September 1896. in dem Augenblick, als der Artikel des „Eclair“ (cet animal de D.) erschien und die Fälschung Weyler eingieng, eingereicht worden; in diesem Brief aber sei offenbar ein Wort ausradiert und an die Stelle dieses Wortes, sei der Buchstabe D mit drei Punkten dahinter eingesetzt worden. Cuignet ist der Ansicht, ohne sie jedoch beweisen zu können, dass diese Fälschung Henry oder du Paty zur Last fällt. 2. Das schon mitgetheilte Schriftstück ce Canaille de D. (Nr. 25). Wir haben-diesen Brief schon kennen gelernt, er war das r hauptsächlichste der Beweisstücke, die den Richtern” Dreyfus’ insgeheim vorgelegfc wurden; wir haben auch erfahren, dass Cuignet selbst ihn als Beweis gegen Dreyfus preisgibt und sich der Meinung Picquarts anschliesst, der behauptet, dass er keinerlei Bezug auf Dreyfus habe. Derselben Meinung hatte übrigens schon Cavaignac, wenn auch etwas verclausuliert, vor dem Cassationshof Ausdruck gegeben, obschon er dieses Stück noch ein halbes Jahr vorher dem Lande als Hauptbeweis unterbreitet hatte. Andere Gründe sprechen dafür, dass auch dieses Schriftstück in der vorliegenden Form wahrscheinlich gefälscht, dass der Satz mit ce canaille de D. eingeschoben ist. Denn Schwarzkoppen hat Panizzardi gegenüber behauptet, er habe die Wendung ce canaille de D. nie geschrieben, und Panizzardi sagt, ihm sei ein Brief Schwartzkoppens, der diesen Ausdruck enthielt, nie zugegangen, auch habe er selbst den Ausdruck nicht gebraucht. Ferner ist es ganz unglaublich, dass Schwartzkoppen oder Panizzardi die fehlerhafte Wendung ce canaille de D. gebraucht haben sollte, zumal da das Wort „die Canaille“ auch im Deutschen wie im Italienischen weiblichen Geschlechtes ist. Ebenfalls verdächtig ist der Fehler si-joint statt ci-joint. Aus der Fälschung Henrys — es ist das nächstfolgende 3. Schriftstück Cavaignacs — können wir ersehen, wie der Fälscher, ohne selbst eine fremde Sprache zu kennen, sich bemüht, das Französisch eines Ausländers nachzuahmen. An dem Ungeschick, womit er das that, erkannten einsichtige Leute alsbald nach der Veröffentlichung durch Cavaignac dieses Beweisstück als Fälschung, und es liegt nahe, dass nun die Freunde Dreyfus’ dieselbe ungeschickte Hancl auch in dem ce canaille und dem si-joint wioderfinden wollen und glauben, dass der Satz: Si-joint 12 plans directeurs de Nice que ce canaille de D. m’a donnes pour vous nachträglich eingeschoben sei. 3. Der angebliche Brief Schwarzkoppens an Panizzardi vom October oder November 1896, in dem der Name Di eyfus vorkommt. Cavaignac, der es am 7. Juli 1898 zum ersten male im Wortlaut mittheilte, gibt denText folgend ermassen:„J’ailuqu’un depute Inter pelle sur Dreyfus. Si . . . (ici un membre de phrase que je ne puis lire), je dirai que jamais j’avais des relations avec ce juif. C’est entendu. Si on vous demande, dites comme qa, car il faut pas que on suche jamais personne ce qui est arrive avec lui.“ Ohne Berücksichtigung der zahlreichen Sprachfehler in diesem sonderbaren Französisch, heisst das in der Uebersetzung: „Ich habe gelesen, dass ein Deputierter über Dreyfus interpellieren will. Wenn . . . (hier folgt ein Satzglied, das man nicht lesen kann), so werde ich sagen, dass ich nie Beziehungen zu diesem Juden gehabt habe. Das ist abgemacht. Wenn man Sie fragt, sagen Sie dasselbe, denn nie darf jemand erfahren, was mit ihm geschehen ist.“ Es ist die von Henry eingestandene Fälschung, die im Zola-Process von Henry, Pellieux, Gonse und Boisdeffre als echt bekräftigt wurde und die jetzt Cuignet trotz des Geständnisses Henrys mehr du Paty de CI am als Henry zur Last legen möchte. Ungelöst ist bis jetzt die Frage, ob die Generäle Boisdeffre und Gonse schon im Zola- Process und ob der damalige Kriegsminister Cavaignac schon am 7. Juli 1898, als er diesen Brief zuerst veröffentlichte. wussten, dass er gefälscht war. Wie erinnerlich, überreichte Henry dem General Gonse seine Fälschung am 2. November 1896, nachdem Gonse wenige Tage vorher sich vom Oberstlieutenant Picquart das geheime Dossier hatte ausliefern lassen. Man hat daraus, sowie aus ihrer ganzen Bedenken erregenden Haltung im Dreyfushandel und aus der Thatsache, dass sie von diesem angeblich überzeugenden Schriftstück dem Oberstlieutenant Picquart ebensowenig Kenntnis gaben wie von den Geständnissen, mit Recht oder Unrecht den Schluss gezogen, dass die Generäle Gonse und Boisdeffre Mitwisser des Verbrechens Henrys waren. Was Cavaignac an geht, so soll diesem dem Figaro zufolge sein Verwandter du Paty vor der Rede vom 7. Juli seine Bedenken an der Echtheit des Schriftstückes geäussert, Cavaignac aber mit den Worten: „Bekümmern Sie sich um Ihre eigenen Sachen“, ihm die Thüre gewiesen haben. Somit beruhte das, was der Kriegsminister Cavaignac am 7. Juli 1898 Frankreich gewissermassen als Extract der Schuldbeweise aus dem geheimen Dossier vorlegte,, auf zwei Fälschungen und einem der Fälschung verdächtigen Schriftstück, das zudem keinerlei Bezug auf Dreyfus hat. Bei dieser Gelegenheit sei nochmals die Rolle erwähnt, die das zweite Schriftstück Cavaignacs (ce canaille de D.) in den Rettungsversuchen für Esterhazy spielte. Es war bekanntlich das befreiende Stück (document liberateur), wie unzweifelhaft aus der Angabe des Berichterstatters in dem Process Esterhazy, des Majors Ravary, hervorgeht. Weshalb konnte dieses Stück, das sich gar nicht auf Dreyfus bezog, dys also auch keinen Beweis cler Schuld Dreyfus’ enthielt, für Esterhazy „befreiend“ wirken, als Mathieu Dreyfus ihn bezichtigte, der Verfasser des Bordereaus zu sein?