Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 27 (7.7.1899)
- Article
- Der Fels, aus dem Du gehauen bist.
- Date
- 1899-07-07
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die der Grund des Uebels zu suchen? Das letztere ist der Fall. E's^könnte im Laufe voll 12—13 Jahren Schulzeit bei der usuellen wöchentlichen Stundenanzahl Grassartiges in der -nationalen Geistesbildung der Schuljugend geleistet werden, wenn nur der Unterrichtsmodus ein anderer wäre. Wie wird die Religion in den Schulen unterrichtet? Ohne Kenntnis der Sprachformen und Regeln der hebräischen Grammatik übersetzen die Schüler kleine Bruchstücke des ethischrituellen und poetischen Theiles der Bibel ins Deutsche. Die historischen Partien lernen sie vorwiegend in deutscher Sprache kennen durch die sogennannte Religionsgeschichte. Beides ist ganz wertlos. Um in den Geist einer Literatur ein drin gen und den Gehalt derselben an Poesie und Ethos würdigen zu können, genügt es nicht, deren Producte in UebErsetzungen zu lesen oder sie ganz mechanisch aus der einen in die andere Sprache zu übertragen. Nur ein poetischer Kopf wie Schiller verstand die feinen ästhetischen Nuancen eines Homer, Hesiod und Sophokles ohne Kenntnis der griechischen Sprache. Eine dichterische Phantasie erschaut mit ihrem Divinationsvermögen imponderable Feinheiten auch in einem fremden Idiom. Welchen Wert aber das Studium einer Literatur in einer mit ihrem Geiste nicht harmonierenden Sprache hat, können wir an der classischen Bildung der Realschüler ermessen. Die Qualität und Quantität dieser Bildung ist fast gleich Null — eine Thatsache, die allgemein bekannt. Was Wunder also, dass unsere Abiturienten soviel von der in der Schule ihnen eingedrillten hebräischen Literatur und jüdischen Geschichte im Gedächtnis behalten, wie ein Mensch ohne musikalisches Empfinden von einer Arie, die er einmal gehört. Die „Bibel im Urtext" hat noch ihr gutes Theil zum Indifferentismus, ja Widerwillen der Schuljugend gegen all das, was man „Religion“ zu nennen beliebt, beigetragen. Einen Text übersetzen zu müssen, ohne dessen Sprache zu verstehen, ist nicht nur eine unfruchtbare, wertlose Mühe, sondern auch eine anstrengende Arbeit, die den Geist schwächt und das Herz kalt lässt. Was kann nun geschehen? Jedermann, der die eben gerügten Fehler als solche anerkennt, wird auch leicht die Hilfsmittel angeben können. Um die Jugend mit dem hehren Geiste der hebräischen Poesie vertraut zu machen, sie mit Selbstbewusstsein und Muth zu erfüllen durch die Idealbilder jüdischen Geistes und jüdischer Kraft, ist es nothwendig, dass sie ihre Nationalliteratur nur in der Sprache ihrer Ahnen kennen lerne. Und dazu bedarf es keiner Vermehrung der Unterrichtsstunden. Denn der Aufgabe des hebräischen Unterrichtes, die Jünglinge in den Stand zu setzen, auf Grund ihrer in der Schule erworbenen Kenntnisse in der hebräischen Sprache und Literatur, diese selbstständig mit Lust und Freudestudieren zu können, wird man auch bei der jetzt für diesen Unterricht verwendeten Zeit gerecht werden. Erreicht doch der Lehrer der griechischen Sprache dieses Ziel, obwohl für das Studium dieser Disciplin in der Mehrzahl der sechs Schuljahre 4 Stunden per Woche bebestimmt sind — ein Zeitmass, das dem für den hebräischen Unterricht festgesetzten, einer wöchentlich zweimaligen Unterrichtsstunde durch 12—13 Jahre gleichkommt. Und die Bedingungen eines Erfolges sind hier bedeutend günstiger als dort. Denn erstens ist die althebräische Literatur nicht so umfangreich wie die griechische. Und zweitens wird doch die j üdische Jugend hebräische Literatur in hebräischer Sprache lernen. Selbst der Jude, der seiner Nation schon ganz entfremdet ist, muss sein Herz mächtig schlagen fühlen beim Klange seiner Sprache, bei den erhabenen Melodien und göttlichen Weisen seiner Dichter. Und die jüdische Jugend ist reich an poetischem Empfinden. Beweis: Die verhältnismässig grosse Anzahl junger jüdischer Dichter und Feuilletonisten. Nur der ganz rationelle Modus des Religionsunterrichtes, der bisher üblich war, hat das Kunststück zustande gebracht, unsere Jugend angesichts Welt*4 Nr. XI ihrer eigenen Literatur empfindungsarm zu machen. Und nicht zum geringen Theil ist ihm auch die Schuld an der bis vor kurzer Zeit unter der jüdischen Studentenschaft herrschenden Assimilationssucht zuzuschreihen, einer Sucht, dib nur durch das mächtig wirkende Beispiel grösser, anerkannter Geister gedämpft werden konnte. Also, die hebräische Literatur in hebräischer Sprache! Ja, werden manche superkluge Jugendbildner sagen: „Wie isf es denn möglich, die zarte Jugend in die profunden Geheimnisse der hebräischen Grammatik, Stilistik und Metr|k einzuführen? Hat sie denn an den classischen Sprachen nicht genug, dass wir sie noch mit einer weder literarisch noch praktisch nützlichen Sprache überbürden?“ Gehet hin und sehet — ist meine Antwort — dass man dies selbst mit den mangelhaften Unterrichtsmitteln vermag. Und die Jugend ^empfindet solch ein Studium nicht nur nicht als Last, sondern als angenehme Arbeit. Ganz natürlich. Bei empfänglichen Gemüthem ist Liebe zu einer Disciplin die nothwendige Folge ihres sprachlichen und sachlichen Verständnisses. In Wien sind einige Religionslehrer zu dieser Einsicht gekommen, haben den mechanischen Religionsunterricht, der nur ein Nachäffen von Worten erheischt, über Bord geworfen und an Stelle desselben eine auf rationeller Grundlage aufgebaute, auf Grammatik und Stilistik basierende Unterrichtsmethode eingeführt. Haben nun die genannten Lehrer trotz der unzureichenden Lehrmittel einen sehr befriedigenden Erfolg aufzuweisen, um wieviel günstiger wird das Resultat sein, wenn neue Unterrichtsmittel geschaffen werden. Einer solchen Aufgabe werden sich die Herren Religionslehrer, unter denen es eine grosse Anzahl pädagogisch und wissensshaftlich geschulter Männer gibt, gerne unterziehen, im Bewusstsein, durch ein solches Werk für das Judenthum Grosses geleistet zu haben. Die hebräischen Bücher, die dem Unterrichte dienen sollen, müssen dem Verständnisse und der Auffassungskraft der verschiedenen Altersstufen der Jugend an gepasst sein. Uebungsbücher mit einer Auswahl passender, dem geistigen Horizonte der Schuljugend angemessener Bibelstellen sollen die Grundlage des Unterrichtes bilden. Natürlich ist es nothwendig, dass die ausgewählten, den Stoff der Uebungsbücher bildenden Bibe1 verse sich an jenen Theil der Grammatik und Stilistik anschliessen, der für die entsprechende Classe bestimmt ist, denn ist auch in unserem Falle die-Möglichkeit eines Anschauungsunterrichtes ganz ausgeschlossen, so muss man wenigstens dafür Sorge tragen, die abstracten Elemente der Sprache, grammatikalische Formen und Regeln, durch das anschauliche, weil menschlich natürliche Bibelwort lebendig zu machen. Der gesammte Unterrichtsstoff könnte so vertheilt werden, dass auf die Volksschule und die unteren Ulassen der Mittelschule, bezw. die Bürgerschule, Grammatik, Pentateuch und der historische Theil der Bibel entfiele, in den höheren Ulassen sollten Stilistik und der poetische Theil gelehrt werden. Das Geschichtliche ist dem für Sagen und Märchen empfänglichen Sinne des Knaben angemessener als das Poetische, welches wieder der geistigen Regsamkeit und der leicht beweglichen Phantasie des Jünglings mehr entspricht. Allerdings dürfte man sich nicht nur auf eine Uebersetzung aus dem Hebräischen ins Deutsche beschränken. Es müssten vielmehr auch RetroVersionen gepflegt werden, und zwar wenigstens in dem Umfange, der ein sicheres Verständnis des Gelesenen und ein tieferes Eindringen in den Bau der Sprache ermöglicht. Ohne mich weiter in eine lange Erörterung aller nothwendigen Details einzulassen, will ich nur noch die Bemerkung hinzufügen, dass das Verfahren in den classischen Sprachen für unseren Fall als Muster dienen kann. Ueberhaupt soll dieser Vorschlag nur den Gedanken zu einer Reform des Religionsunterrichtes angeregt haben. Die hierzu berufenen Persönlichkeiten werden schon Mittel finden, um den Unterricht in