Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 26 (30.6.1899)
- Article
- Ein Leitfaden durch die Irrgänge des Dreyfushandels
- Date
- 1899-06-30
- Page
- 12 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 12 „Die H Welt“ Nr. 26 noch sehr bemerkenswert ein Brief, den D r e y f u s am 31. December. also sechs Tage vor dem angeblichen Geständnisse, an seinen Rechtsanwalt Maitre Demange geschrieben hat. Der Anfang lautet: „Der Major du Paty kam heute, am 3 1. December 189k um 5V2 Uhr abends nach Verwerfung meiner Berufung zu mir, um mich im Aufträge des Ministers zu fragen, ob ich nicht vielleicht das Opfer meiner Unbesonnenheit geworden sei, ob ich nicht einfach hätte lockspitzelri (amorcer) wollen und mich dann in eine verhängnisvolle Falle verwickelt hätte. Ich habe ihm geantwortet, dass ich nie Beziehungen mit irgendeinem Agenten oder Attache gehabt habe, dass ich mich nie mit Bockspitzelei (amorcage) abgegeben habe, dass ich unschuldig sei.“ Tribüne. Sehr geehrte Redacfcion! Die neuen Bergpolizeivorschriften haben bekanntlich den Ruin vieler Arbeiter herbeigeführt, und es sind auch schon von verschiedenen Seiten Actionen ein geleitet worden, um für die Boryslawer Arbeiter Hilfe zu schaffen. Nun sind aber auch bei uns in der Solotwiner Umgebung einige hundert Arbeiter, die bis jetzt in den Erdwachsgruben von Dzwiniacz. Starunic und Molotkoxv beschäftigt gewesen, durch die Einstellung genannter Gruben brotlos geworden, und das Elend ist so schrecklich, dass man kaum imstande ist. ein Bild davon zu entwerfen. Die Einwohner unseres kleinen Gebirgsstädtchens Solotwina sind bereits ohnehin durch zweimalige Feuersbrunst ganz verarmt, ihr einziger Erwerbszweig war die Arbeit in den hiesigen, den Dzwiniaczer-, Starunier- und Molotkower Erdwachsgruben, wo sie als Aufseher und Arbeiter ihr karges Brot verdienten. Es ist -nicht möglich, Ihnen ein treues Bild von dem dämm er und Elend, das unter diesen Arbeitern jetzt herrscht, zu entwerfen, und doch kümmert sich niemand um diese trostlosen Verhältnisse. Ihr Seufzen und Aechzen verhallt in dieser von aller Welt entfernten und unbeachteten Gebirgsgegend. Um diesem Elend nach Möglichkeit zu steuern, haben wir hier ein Hilfscomite geschaffen, mit der Aufgabe, das Wohlwollen und die Barmherzigkeit aller Menschenfreunde wachzurufeil und diesen arbeitsfähigen, verhungernden Arbeitern Arbeit zu verschaffen oder Geldspenden für sie entgegenzunehmen, damit sie mit etwas Geld versehen, aus wandern können, und nicht vor unseren Augen mit Frau und Kindern verhungern. Das Hi 1 fs-C om ito in S o 1 o t w i n a. G a J i z i e n. z u r Untertüt-zung der arbeitslose n j ü d Ischen A r beit e r d e r D z w iniaczer-, S t a r u n i e r u n d Molotko w er Erd w a e h sgr üben: Weltchronik. Die russischen Rabbiner werden bloss auf drei Jahre gewählt und können nach Ablauf dieser Zeit ohne jeden Anspruch auf Pension entlassen werden. Infolge dessen sind sie der Willkür der Gemeindevorsteher preisgegeben und befinden sich in einer sehr prekären materiellen Lage. Diesen Missstand besprechen mehrere russische Rabbiner in einer der jüngsten Nummern des „Woschod“. Rabbiner Dr. (i i nzbc r g aus C h e rson schlägt einen allgemeinen Kabbinercongress vor, der über“ einen Modus berathen soll, wie die Lage der russischen Rabbiner günstiger gestaltet werden könnte. Die Juden in Bulgarien. Zur Zeit der letzten Volkszählung, die im Jahre 1893 vorgenommen wurde, betrug die Zahl der jüdischen Bewohner Bulgariens 28.307 Seelen. Die grosse Mehrzahl davon erscheint auf die Stadtgemeinden vertheilt und zwar zählten: Sofia 7000, Philip popel und Rustschuk je 3000 jüdische Seelen, während der Rest in den Städten Varna, Burgas, Silistria, Lo mp a 1 an k a etc., und blos eine ganz winzige Anzahl auf dem flachen Lande wohnte. Seit dem Jahre 1893 hat sich indess die jüdische Einwohnerschaft von Bulgarien ungefähr um 3000 Personen vermehrt, indem zahlreiche Familien aus Rumänien, Oesterreich-Ungarn und der Türkei eingewandert sind. Mit Ausnahme von 3500 „Aschkenasim“, die deutsch und jüdisch-deutsch sprechen, sind die bulgarischen Juden „Sephardim“. d. h. spanisch-portugiesischer Herkunft und haben das Spaniolische, einen altcastilischen Dialect mit türkischen, italienischen und französischen Beimischungen, zur Muttersprache. Die bulgarische Landessprache ist lediglich der jüngsten Generation, insbesondere denjenigen, die eine Schule mit bulgarischer Unterrichtssprache besucht haben, geläufig. Die ökonomische Lage der bulgarischen Juden ist geradezu erbärmlich; mehr als die Hälfte von ihnen lebt in drückendster Armuth. Für den regen Bildungstrieb der bulgarischen Jaden, legen die drei in spaniolischer Sprache erscheinenden jüdischen Zeitungen des Landes, glänzendes Zeugnis ab. Zwei davon erscheinen in Sofia, nämlich das Organ des Landescomitt^s der bulgarischen Zionisten „El D i o“ und die conservative „Verdad“, während das dritte Blatt, die Monatsschrift „E 1 A m i g u d e 1 P o p o 1 o“, in Rustschuck herausgegeben wird und auch eine Beilage in bulgarischer Sprache enthält. Die refusisrte Mariska. Vor kurzem war in den Blättern die Nachricht verbreitet, dass die durch ihre extravaganten Manieren bekannte ungarische „Schriftstellerin“ Mariska S I m 1 i zum jüdischen Glauben übertreten wolle. Thatsächlieh hat sie den Budapester Rabbiner Dr. Samuel Kohn ersucht, er möge sie in die jüdische Gemeinde aufnehmen, sie wurde jedoch — wie „B. Hirt." meldet — von Sr. Ehrwürden mit dem folgenden Schreiben abgewiesen : „Fräulein Mariska J. S i m I i, Kaschau. Die Judenheit nimmt nur solche Leute auf, welche aus reiner Ueberzeugung übertreten, ich kann diese Ueberzeugung aber in einer solchen Person nicht voraussetzen, die.wieSie schreiben, den jüdischen Glauben erst jetzt studieren will. In solchen Fällen sage ich den betreffenden gewöhnlich: „Bleiben Sie dort, wohin Sie durch Ihre Geburt gekommen sind.“ Dasselbe empfehle ich auch Ihnen. Mit besonderer Hochachtung Dr. Kohn. Ein Heim für jüdische Arbeitermädchen wurde zu Beginn dieses Monats in New-York eröffnet. Die Anstalt ist eine Stiftung der sei. Baronin Hirsch lind hat den Zweck, armen jüdischen Mädchen, die einem Erwerbe nachgehen müssen, in ihren arbeitsfreien Stunden eine behagliche Heimstätte zu bieten, wo sie gute Pflege, Zerstreuung und geistige Ausbildung finden können. Das „Clara de Hirsch-Heim“ — so heisst die woblthätige Anstalt — ist sehr geräumig und mit allem Comfort, ausgestattet. Es finden sich darin grosse Gesellschafts-, Musik- und Clubräume, ein Turnsaal, eine Lesehalle mit einer reichhaltigen Bibliothek und vielen Zeitschriften, grossartige Badezimmer etc. Ausserdem erhalten die Schutzbefohlenen der einzigartigen Woliiiährtsstiftung je nach ihren Anlagen und Neigungen Unterweisung in allen häuslichen Verriehtungen, in der Handarbeit, im Rechnen, in der Stenographie, im Maschinenschreiben und in verschiedenen anderen Fertigkeiten. Ein Mädchen, das wöchentlich von (> Dollar aufwärts erwirbt, geniesst alle diese Vergünstigungen für 2 Dollar die Woche, während ein Mädchen, dessen Verdienst geringer ist, derselben Beneficien unentgeltlich theilhaffig wird. In ihrem Testamente hat die Baronin Hi rsch zur Vergrösserung des Stiftnngscapitaies dieses Mädchenheims 000.000 Dollar ausgesetzt. Eine peinliche Scene antisemitischer Roheit trug sich in Wien beim Leichenbegängnisse des plötzlich verstorbenen Übercantors Josef Goldstein zu. Als sich der Leichenzug von der Tempelgasse zur Praterstrasse bewegte, stockte au. einige Minuten der Verkehr wegen der zahlreichen Menschenmenge, die hinter dem Sarge schritt. Ein Kutscher wollte aber keine Rücksicht auf den Leichenzug nehmen, hieb in seine Pferde und fuhr vorwärts in den Zug hinein. Hierbei that er auch laut eine unfläthige Aeusserung gegen die Juden. Mehrere Theilnehmer an dem Leichenbegängnisse, welche diese Aeusserung hörten, geriethen durch dieselbe in