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Die Welt · 1899-06-30 · 26 (30.6.1899) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
26 (30.6.1899)
Article
Mein Debut in Palästina
Date
1899-06-30
Page
9 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 26 „Die A Welt“ Seite 9 Ich musste nun das Wort ergreifen und sprach, hingerissen von der Empfindung, die mich den ganzen Abend bewegt hatte, etwa Folgendes: „So wie der Jude, gegen Osten gewendet, sein Gebet verrichtet, so entwickelt sich unser Leben mit gegen Osten gewendeter Seele; unsere ganze Existenz ist ein grosses Gebet für die Zukunft des jüdischen Volkes. Unsere nächsten Freunde leugnen, dass es eines gebe, viele Millionen heimatloser und rechtloser Brüder aber, deren physische und moralische Leiden auch unser Empfinden aus dem Gleichgewichte brachten, bis sie in dem Worte ..Zion" Kraft und Halt fanden, sie sagen uns, dass es ein jüdisches Volk gibt. Wenn unser Volksthum der Welt nicht klar ist, dann muss es deutlicher in die Erscheinung treten, wir müssen aus den Trümmern der Vergangenheit und aus den Ueberresten, die zwischen fremden Völkern versprengt sind, ein Volk formen, ehe sie in Elend verkommen, damit es Palästina verlange, ihnen allen nach rücke und ihrer Arbeit die letzte Weihe und den vollen Wert verleihe. Und in dieser Arbeit von allen Seiten beengt und bedrängt, verleumdet und angefeindet, setzen wir alles aufs Spiel, denn wir vertrauen auf die Kraft des jüdischen Volkes, das genau sowie jedes andere Volk seine Landwirte, seine Ackerbauer und seine geschulten Arbeiter haben muss, wenn es nicht verderben und verkümmern soll. Die Arbeit, die Sie hier vollbracht haben, sie gibt uns Kraft und Zuversicht-, und wenn mein Herr Vorredner gesagt hat, dass die jüdischen Colonisten stolz sind auf die Zionisten, so haben wir alle Ursache zu entgegnen, dass wir mit Stolz auf sie hin weisen, die unter Mühsal und Entbehrung schwerster Art hier aus Dünen und Morästen Gärten und Aecker schufen. Wenn cs auch lange dauern mag, bis unser Ziel erreicht sein wird, arbeiten Sie ruhig fort, trotzen Sie nach wie vor jedem Ungemach und lassen Sie sich von dem Bewusstsein erheben, nicht gewöhnliche Bauern zu sein, sondern Sendboten des Schicksals, das Sie ausersehen hat, eine grosse geschichtliche Begebenheit ins Rollen zu bringen, die R ii c k k e h r d e s j (i d i s c h e.n Volkes nach Palästina! AIle, die an diesem Werke theilnehmen, Ihre Beamten und jene, die dieses Werk mit grossen Summen gefördert haben, sie alle schreiben ihre Namen in die Bücher unserer Geschichte ein. und darum soll keiner von uns oder von Ihnen in kleinlicher Weise durch Enttäuschungen, Entbehrungen oder persönliche Verluste sich abhalten lassen, dem grossen Werke weiter zu dienen. Und als ich dann durch die dichtgedrängte Menge hinschritt, da suchte nun jeder mir ein Wort des Dankes zuzurufen, junge Frauen und ehrwürdige Matronen, alte Colonisten und junge Leute, sie riefen mir ihr „Danke!" zu oder flüsterten es leise, fast verschämt vor sich hin. An der Thüre stand eine Gruppe von Männern. Ich hatte sie während der ganzen Vorlesung beobachtet, wie sie unbeweglich, gleich Bildsäulen, die Thüre flankierten und zur Tribüne hinaufschauten. Der Fez auf dem Kopfe und der tiefe, fast monumentale Ernst der bronzefarbenen Gesichter hatte mir verrathen, von wannen sie kamen: es waren Juden aus dem Y einem unter denen die hebräische Sprache lebendig geblieben seit ihrer Vertreibung aus der Heimat, und die ausser ihrer Muttersprache nur noch arabisch verstehen. Sie sind blutigen Verfolgungen entronnen und aus dem Süden Arabiens zahlreich in die alte Heimat zurückgekehrt; die Colonisten verwenden sie nach Möglichkeit auf dem Felde, namentlich aber bei Stein- und Strassenarbeiten. Anderthalb Stunden lang waren sie in dem überfüllten Saale gestanden und hatten den Worten gelauscht, die sie nicht zu verstehen vermochten, oder doch : sie hatten verstanden, sie wussten, was mich zu ihnen geführt hat, und sie verstanden die Empfindung, die uns verbindet. „Schalam adoni, Friede, mein Herr!" riefen sie mir zu, als ich aus der hellbeleuchteten Halle ins Dunkel hinausirat, und ich hätte ihnen gerne zu gerufen: ,,Fr i e d e, Ihr Friedlosen, das ist es, was wir Buch suchen und was wir Euch zu erringen hoffen!“ Der vorchristliche jüdische Gnosticismus. Von B. Wachstein. (Schluss.) Und nun wollen wir einige der wichtigsten Quellen anführen, auf welche Friedländer seine Abweichung von der üblichen Meinung basiert. Philo in seiner allegorischen Auslegung der Bibel bemerkt zur Stelle in Genesis Cap. V. „Gott sagte zu Abraham: ich werde Deinen Namen gross machen, das verstehe ich dahin, dass, so wie es ein Vorzug ist, ehrbar und gut zu sein, so fördersarn ist es auch zu scheinen — — -Ein guter Ruf wird nur denen zutheil, die die nationalen Gesetze und Geb r ä u c h e hoch halten und nicht wage n, d a r a n z u ändern.“ (Phil, de mig. Ahr. M I 450.) Wir sehen also deutlich Philo gegen die antinomistisclien Grundsätze kämpfen. Wir erfahren aber bald noch mehr, wir erfahren, dass er nicht an der Hand des Bihelverses an einen eventuellen möglichen Uebergriff der allegorischen Methode denkt, sondern dass er bestimmte Träger dieser Richtung im Auge behält. „Fs gibt aber Leute“ — fährt er fort — „welche die geschriebenen Gesetze für Sinnbilder geistiger Lehren halten, letztere mit aller Sorgfalt aufsuchon, ersten.* aber verachten“ — — — Wenn auch dem Gebot der Sabbathfeier der tiefere Sinn verborgen ist, dass Gott allein Thätigkeit, der Greatur aber Leiden zukoimne, so dürfen wir auch keineswegs die Vorschriften bezüglich seiner Heiliglialtung verletzen —-Und wenn die Beschneidung im Grunde nichts anderes als die Entfernung jeder Leidenschaft, Wollust und aller gottlosen Gedanken bedeutet, so dürfen wir darum doch nicht den anbefohlenen Brauch missachten.“ Der Bestand einer antinomistischen Partei, welche das Geremonialgesetz unter Anwendung der allegorischen Methode aufgelöst, Beselineidung, Sabbath, Festtage abgeschafft, sich selbst ausserhalb des Vorbandes des nationalen Judenthums gestellt, gebt unzweideutig hervor. Friedländer bleibt bei dom Nachweise nicht stehen, dass es im allgemeinen antiuomistisclie Parteien in vorchristlicher Zeit gegeben, sondern sucht im einzelnen nachzuweisen, was die gnostisclien Parteien der Kannten, Ophiten, Setboiten und Melchisedekianer, die man als christliche Haeretiker ausgegeben hatte, um das Ungeheuer der Haeresie von der Wiege des Ghristentlmms zu verscheuchen, zur Bildung desselben beigetragen haben. Wir erfahren vom Kirchenlehrer Epipli aues über die guostische Seele der Melchisedekianer: „Die Melchisedekianer halten diesen Molchisedek für eine grosse Dynamis. Sie versetzen ihn in unnahbare Höhen und behaupten, dass er nicht bloss eine Dynamis sei, sondern auch höher stehe als der Messias, weil er der Fürst der Gerechtigkeit sei, darum sei er auch von Gott eingesetzt; worden im Himmel als ein pneumatisches Wesen und als Sohn Gottes.“ Soweit Epiphanes. Und nun der Alexandriner Philo über den Melchisedekcultus: „Wenn jemand nach der Ursache der Welt fragt, so kann man ihm mit vollem Recht antworten, dass sie in der Güte und Gnade Gottes gelegen sei — — — — — Ebenso machte Gott den Melchisedek, den König von Salem, den König des Friedens zu seinem Priester, ohne dass vorher seine Tugenden gepriesen waren, sondern, weil er ihn zuerst zu einem Fürsten des Friedens —-gemacht hatte. — —*—- Dieser König ist der wahre Logos. Er ist der Priester Logos, dessen Erbtheil der Seiende ist.“ Nun hören wir, was im Hebräer-Brief über den Melchisedekcultus überliefert wird: „Dieser Melchisedek war ein König zu Salem, ein Priester Gottes, des Allerhöchstem dem 6807

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