Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 26 (30.6.1899)
- Article
- Mein Debut in Palästina
- Date
- 1899-06-30
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „Die H Welt“ Nr. 26 auf dem Boden, von dem man sie vor achtzehnhundert Jahren gewaltsam entfernt hat, auf dem Boden ihrer Väter, den sie verehren und in Liebe bearbeiten. Vergessen ist all der Hohn, mit dem wir Zionisten in Europa verfolgt werden, verziehen alle Nörgelei und aller Zweifel; was wir erwünscht, ersehnt, erhofft, es lebt, es ist erfüllt, die Probe ist vortrefflich ausgefallen! Wo immer ich zwischen Castinie und Katfcra, Wadie- Chanin und Bischon le Zion Juden zu sehen bekam, war es mir, als ob man jedem einzelnen dafür danken müsste, dass er lebt und in diesem Leben seinen Platz so vorzüglich auszufüllen vermag. Jüdische Bauern — fast scheint es ein Widerspruch, und manchem Kolonisten klingt die Zusammenstellung heute unangenehm ins Ohr; in der Erinnerung taucht der betrunkene Muschick auf, der russishe Bauer, dieses von Gott und Welt vernachlässigte Menschenkind, der noch Generationen durchwandern muss, ehe er den Weg zur Cultur gefunden haben wird. Solche Bauern sind unsere Juden nicht, aber sie verstehen vermöge der vielgeübten Intelligenz ihren Beruf ganz vortrefflich — sie sind zumeist musterhafte Landwirte — aber dabei voll Culturhunger. Unsere Colonisten, die haben in Bischon le Zion ein geräumiges Volkshaus errichtet, eine hohe Halle mit einer Orchestergallerie, auf der wohlgeschulte Beamte. Bofchschild’sche Arbeiter, Angestellte und Colonisten, Koppelman heisst ihr verdienter Dirigent, ein- bis zweimal in der Wo che ernste oder froheWeisen ertönen lassen. Derselbe Baum enthält auch eine Bibliothek*), zahlreiche Zeitungen in deutscher, französischer, russischer und polnischer Sprache, hebräische und solche im Jargon. Es werden Vorlesungen über Landwirtschaft, Hygiene, über reine Bildungsthemata abgehalten, an die sich Discussionen knüpfen. Nachdem ich eine Woche hindurch täglich die Arbeit beobachtet hatte, sollten wir auch eine Feierstunde gemeinschaftlich verleben: der „Vaad“ (Comite) kündigte mich als Vorleser an. Auf diese Weise hofften wir, eine grosse Anzahl von Colonistenfamilien im Volkshause zu vereinigen. Es war der letzte Abend, den ich in Palästina verleben sollte; .wir wanderten durch die Werkstätten der Kellereien: die Kessel, die geschmiedeten Eisenstücke, die riesigen Bottiche und Fässer, die dort von Judenhänden fertiggestellt worden sind, diese prosaischen Dinge, ebenso wie die aufragenden Palmen, die glänzenden Orangen- und Esrogimbäume, die stark duftenden Geraniumpflanzen und all das Leben und Treiben, die schwer beladenen Kameele, deren heiserer Buf durch die Lüfte gellte, die Eselinnen, auf denen kleine Jungen von anderen Colonien herangeritten kamen, das alles, verschönt durch die matte Glut des untergehenden Sonnenlichtes, sie erfüllten meine Seele mit wehmüthiger Freude. Die Dämmerung war rasch im Abenddunkel verschwunden. Im Hause meiner Gastfreunde rüstete man zum Auszug ins Volkshaus. — Wie dieser Abend und jedes seiner Vorkommnisse mir lebendig in Erinnerung blieben; die zarte Hausfrau, die mit liebevoller Kraft eine Schaar heranblühender Kinder leitet, dralle Mädchen und prächtige Knaben. Man spricht russisch, hebräisch, französisch und deutsch und man achtet darauf, dass jeder Sprache ihr Recht werde; nur im Jargon, dieser vierten Weltsprache, ist es gestattet, die Idiome zu vermengen. — Und wie sie alle um den Gast besorgt sind. *) Wir empfehlen allen jüdischen Autoren, aber auch den christlichen, die unserer Sache freundlich gegenüberstehen, der Bibliothek des Volkshauses ein Exemplar ihrer Werke zu widmen, ebenso wie der Nationalbibliothek in Jerusalem, von der wir in diesem Blatte auch noch sprechen werden. Nochmals spreche ich meine Besorgnisse aus, dass nur ein kleiner Theil der Colonisten mich verstehen würde, denn nicht alle sind des Deutschen mächtig, und wenn nur jene kommen, die Freude haben an deutschen Werken, dann wird es wohl recht leer sein in der grossen Volkshalle. — Doch da kommt der Hausherr, der recognoscleren gegangen war-, die stämmige Gestalt voll Stolz und Freude und doch im Gesicht etwas Aengstlichkeit: der Saal ist nämlich zu voll, so voll, wie vielleicht nie vorher, die ganze Colo nie ist versammelt sammt Frauen und Kindern, Knechten und Mägden, denn sie sind ja alle ein Stamm, eine Familie, sie arbeiten zusammen und feiern zusammen ihre Feste. Das Orchester spielt die Ouvertüre zur „Jüdin“ von Halevy, dann das „Kol Nidre“; in diese Stimmung hinein passt vorzüglich meine Novelle „Die todte Frau“, deren Inhalt den Lesern der „Welt“, in der sie erschienen war, bekannt sein wird. Ein jüdisches Ehepaar lebt in einem niederöst.erreichischenjDorfe,assimiliert sich in Sprache und Gewohnheit vollkommen mit dessen Bewohnern und lebt wunschlos mit den Bauern, mit denen er und seine Frau sich befreundet fühlen. Plötzlich starb die Frau, da wollte man ihr nureinen Platz hinter der Heeke des Friedhofes geben, dort, wo die Selbstmörder oder wanderndes Gesindel verscharrt werden. Der Mann entfüjirt seine Frau diesem Schimpf und fährt nächtlicherweise mit'ihr hinaus in die Fremde, seiner Todten eine Heimstätte zu suchen. Diese Menschen, vor denen ich las, die alle in erhöhtem Masse das durchgekämpft und durchgelitten hatten, was ich in dieser Erzählung niederzulegen versuchte, sie alle, ob sie nun die deutsche Sprache meisterten oder stammelten, sie verstanden nicht nur Satz und Wort, sondern auch all das, was an Leid und Empfindung in diesen Schilderungen verborgen liegt. — Ich las langsam, so dass den Verständigeren Zeit blieb, schwierigere Worte oder Wendungen rasch zu erläutern. So blieb mir auch Zeit, die Gesichter meiner Hörer zu beobachten; wie sie aufhorchten, und wie jeder Satz, jedes Wort von ihnen gierig eingesogen wurde, jeder Hinweis auf die Erlösung aus der Heimatlosigkeit, auf ihr altes Vaterland, dem sie leben, machte ihre Mienen leuchten, ihre Augen flammen. Zwischen mir und meinem Publicum gieng, wie ein elektrischer Strom, die Empfindung inniger Liebe und tiefsten Dankes; sie dankten mir, dass ich zu ihnen gekommen war, der ich durch meine Arbeiten bewiesen hatte, ihrer gedacht zu haben, noch ehe ich sie kannte, und ich hatte ihnen zu danken für all die Kraft, die mir aus ihrem Wesen entgcgenströmte. Nach diesem ernsten Theil spielte das Orchester ein Musikstück des Kapellmeisters, „Jordan-Gallopp“ genannt. Das ebenfalls in der „Welt“ erschienene Feuilleton „Talmud Kessuwa 110 b“ beschloss die Vorlesung. In diesem Stück, noch mehr wie in dem vorhergehenden, wurde jede Pointe verstanden, jeder Scherz bejubelt und, besonders bei der Anführung der Talmudsteile, die besagt, dass die Weigerung des einen Ehetheiles, nach Palästina auszuwandern,, einen Scheidungsgrund involviere, brach ein Jubel los, dessen Bedeutung mir noch am selben Abend erklärt wurde: In einer Nachbarcolonie lebt nämlich thatsächlich eine Frau, die mit ihren Söhnen nach Palästina zog, um mit ihnen dort Ackerbau zu treiben, deren Mann aber, weil er sich weigerte, die Familie zu begleiten, von ihr rechtmässig geschieden wurde. Nach beendeter Vorlesung dankte ein Comitemitglied und sprach zugleich die Hoffnung aus, dass es den Zionisten gelingen möge, grosse praktische Erfolge zu erzielen. „Wir sind stolz auf Sie,“ führte er aus, „die Sie sich bemühen, die Aufmerksamkeit unserer Brüder auf dieses Land, die Heimat unserer Väter zu lenken. Und je mehr Kinder unseres Stammes sich mit uns vereinen, desto sicherer sind wir, dass unser Beginnen ein richtiges gewesen ist.“