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Die Welt · 1899-06-30 · 26 (30.6.1899) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
26 (30.6.1899)
Article
Echte und unechte Thränen
Date
1899-06-30
Page
7 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 26 „Die Welt46 Seite 7 Leben zurück, dass ihre Kinder zu ihrem Grabe heinikehren): die gaben sich damit als Glieder des jüdischen Volkes zu erkennen. Dagegen diejenigen, die sich über die Kunde nicht freuten, ihr böswilligen Unglauben entgegenbrachten, ja sich völlig geberdeten wie unnatürliche Kinder, unwillig über die Heimkehr der Mutter und gegen die Aufhebung der Verschollenheitserklärung protestierend: die mögen welchen Zusammenhang immer mit dem Judenthume behaupten, zum jüdischen Volke gehören sie nur eben so wie die unnatürlichen Kinder zur Familie gehören. Auch im Falle der versagten Liebe und Ehrfurcht kann Mutterschaft und Kindschaft nicht aufgehoben werden. Aber das durch seine echte und sozusagen praktische Trauer neuconstituierte jüdische Volk steht fest zusammen. Mit neugeschärften Sinnen erkennt es, dass das Judenthum von heute in einer ähnlichen Phase seiner Geschichte hält, wie die Stadt Jerusalem am siebzehnten Thammus: einen Schritt vor dem Untergange! Damit es nich zu einem neunten Ab des Judenthums komme, mit welchem verglichen der Verlust von Stadt und. Land als ein ersetzbarer Schaden erscheint, muss das jüdische Volk sich als treue Besatzung organisieren. Wer nicht, am Wiederaufbaue mitarbeitet, die Waffe in der einen, die Mauerkelle in der anderen Hand, dessen Name wird in der Zukunftsgeschichte Israels nicht genannt und dessen Thränen werden auf der Wage, die nach gerechtem Masse Ehre u d Ruhm zuwägen wird, als zu leicht befunden werden. Bernhard Fuchs. Die Woche. Wien, 27. Juni 1809. In Ungarn ist bekanntlich der Antisemitismus völlig unbekannt. Wenn man einen Magyaren, der vielleicht sogar über eine nicht gewöhnliche Bildüng verfügt, fragt,was denn das sei, der „Antisemitismus“, so wird der Interviewte ein fragendes Gesicht machen und sich dann nachdenklich an die Stirne greifen : „Antisemitismus — Antise — irgendwo half ich das Wort schon gelesen — Antise — warten Sie, ich werde gleich mal im Lexikon nachschauen! —" Ein Beispiel für die Immunität Ungarns gegen den Antisemitismus drang erst kürzlich wieder in die Oeifentlichke.it. Ein Magyare, der nur von einer belanglosen Nebenlinie seiner Familie her einen kleinen jüdischen Einschlag im Blute hat, nämlich von mütterlich-väterlicher Seite, bewarb sich um Aufnahme in das ungarische Landescasino. Das Gesuch des Voliblutjuden wurde sogar durch einen Director des Clubs befürwortet, aber die kleinen, nicht allzu ahnenreichen Edelleute des Gentryclubs, die dem Juden wahrscheinlich wegen seines uralten, tausendjährigen Stammbaumes neidisch wären, statteten ihn mit einem geräumigen Korbe aus. ln der Wiener antisemitischen Presse ist jetzt häufig in spalten hingen Artikeln vom ..Verband christlicher Radfahrer4 die Rede. Die Radler organisieren sich auf judenfeindlicher Grundlage, und so können die Juden mit einiger Besorgnis der Zukunft entgegensehen. Ein ängstlicher jüdischer Familienvater hat, als er von der bedrohlichen Radfahrer - Organisation las, das Zeitungsblatt erschrocken aus der Hand gelegt und hat in väterlicher Fürsorge sofort für seine Kinder eine grössere Menge englischen Pflasters angekauft; jetzt hält er jeden Abend nach dem Nachtmahl, im Kreise seiner Lieben Vorlesungen aus einem Büchlein: „Die erste Hilfe hei Unglücks fällen'-. Die Wiener Leopoldstadt und Judengasse dürfte sich über kurz oder lang eines äusserst regen Radfahrverkehres erfreuen, und selbst einem schlechten Physiognomiker wird es dann möglich sein, unter den Fussgängern die Juden von den Christen leicht zu unterscheiden. Diejenigen Fussgünger, die infolge anprallender Fahrräder fast unausgesetzt auf der Erde liegen werden, wird man dreist als Juden bezeichnen können. ' * * Auch in Persien, wo Fahrräder und. andere Culturerningenschaften noch nicht so eingebürgert sind, wie bei uns. scheinen die Juden von der einheimischen Bevölkerung nicht, allzu brünstig geliebt zu werden, ln Teheran hat die zoroastlicli-sociale Kaufmannschaft versucht, den jüdischen Hausierern das dornenvolle Handwerk zu legen. Der gütige Schall hat jedoch seinen jüdischen Untcrthanen erlaubt, auch weiterhin in Persien zu hausieren und ihnen dadurch einen grossen Alp von der Brust genommen. Die armen persischen Juden waren nämlich schon von einer (juälenden, fatalen Vorstellung gefoltert: Am Ende werden wir gar gezwungen sein, nach dem cultivierten Westen answandern und uns dort — etwa unter den hochcivilisi erteil Wienern — unser bitteres Brod verdienen zu müssen. Wir haben heute folgenden bezeichnenden Dialog belauscht: — Schrecklich! In Versailles haben sie den Rabbiner auf der Gasse überfallen und verletzt. — Den Rabbiner? Warum? Du Esel, was ist das für eine dumme Frag*- $ Dreyfus wird dieser Tage den theueren Boden seines geliebten Vaterlandes betreten. Auch, in Frankreich wird der Excapitän unter dem Schutze bewaffneterWächter in sicherer ZelLe sitzen, wie auf der Teufelsinsel. Auf der Teufels insei hat man ihn vor seinen Freunden beschützt, in Frankreich beschützt man ihn vor seinen Feinden. Beide Gruppen haben dem Dreyfus zu einer Verschärfung seiner Haft verholten, „die einen mit ihrer Liehe, die andern mit ihrem Hass". Erwin Rosenberge r. Mein Debüt in Palästina. Von H. York-Steiner. in Palästina halten sie Generalprobe; das Stück heisst: „Die Rückkehr der Juden in ihre Heimat". Während die Regisseure diesseits des mittelländischen Meeres mit Hohn überschüttet werden, weil sie, wie ihre Gegner sagen, ein Stück aufführen wollen, das noch gar nicht geschrieben ist, probieren sie drüben ganz ernsthaft, und die Acteure setzen beim Spiele Hab und Gut, Kraft und Leben ein. Aeusserlich stellt sich die Scene als ein ländliches Idyll dar: Hunderttau sende von sorgfältig gepflanzten und zugeschnittenen Reben, gepflegt von fleissigen Männern, weite Felder mit zahlreichen Ackergäulen, hinter denen schwarzhaarige Männer die Pflugschar führen, Plantagen von Mandelbäumen, Oliven, hie und da ein Orangengarten, aus dessen dunklem Grün die goldglänzende Frucht sich drängt, von den Hügeln leuchten weithin weisse Steinhäuser, zwischen denen der rasch gedeihende Eucalypthus in die Lüfte ragt, — und doch meint dieses ländliche Spiel etwas . Tiefes, Ernstes, Weihevolles, sein geheimer Sinn wächst ins Epische, greift ans Herz, packt die innerste Empfindung und erschüttert jeden Nerv dessen, der die innere Grösse des Vorganges zu erfassen vermag. Jene Männer, die mit schwieligen Händen den Boden bearbeiten und den Ackergaul leiten und die Reben pflegen, sie hantierten vor wenigen Jahren mit irgendwelchem Kram in Charkow oder Warschau, dieselben Leute, die nicht wussten, wie die Sonne hinter dem Berge auftauche und wie die Th au tropfen auf dem Grase schimmern, die Bewohner der dumpfen Ghetfci, denen man durch neunzehnhundert Jahre nicht nur das Recht der Berufsbestimmung entzogen hatte, sondern fast alle Rechte des freien Menschen, sie leben heute als Bauern

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