Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 26 (30.6.1899)
- Article
- Echte und unechte Thränen
- Date
- 1899-06-30
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die Welt!* Nr. 26 Es wird aber eine beachtenswertere Gruppe von Leuten geben, die uns nicht der Heuchelei, wohl aber einer suggestiven Uebertreibung, einer unfreiwilligen Selbsttäuschung zeihen werden. Es ist nicht möglich, werden sie sagen, dass ein Todter, der vor achtzehn Jahrhunderten im fernen Osten verblich, über den gewaltigen Zeitraum von achtzehn Jahrhunderten im fernen Westen sich ehrliche Leidtragende erhalten konnte! Eure Trauer mag eine a u frichtige sein, eine natürliche ist sie nicht. Was sind das für abgegriffene Schmerzen, die von so vielen Generationen weitergegeben wurden, und die den Transport in einen anderen Erdtheil auszuhalten hatten? Ist es möglich, dass ein noch so gewaltiges Erbe an Schmerz unversehrt blieb auf der Wanderung der Enkel durch so viele, heterogene Culturen, von denen nicht einmal die Keime vorhanden waren in dem Boden, der die ersten, die echten Thränen um den Fall Jerusalems aufsaugen durfte? Nicht die zeitliche und die räumliche Entfernung allein, sondern die ungeheure Verschiedenheit der Cultur und der Lehensbedingungen machen den jüdischen Europäer verdächtig, für den der siebzehnte Thammus und der neunte Ab in seiner Gefühlsaussage etwas anderes sind als historische Daten und Gelegenheiten zu geschichtlicher Betrachtung. Es kann aber einer, so meinen wir, durch die blühende, der Gegenwart volle Stadt, in der er geboren und erzogen worden, schreiten, des machtvoll viel verschlungenen Lebens sich freuend, in das sein persönliches Schicksal mitverwoben ist — und plötzlich wirfc das „historische Datum“ eine Vision in seine Seele, die bis zur Schmerzhaftigkeit deutliche Vision der keuchend ringenden und mannhaft fallenden, der schauerlich verwüsteten Stadt. Oder vielleicht mahnt ihn gerade durch den Gegensatz das Bild der unentrinnbaren modernen Cultur, dessen er Strasse auf, Strasse ab in tausend Einzelheiten inne wird, an jene untergegangene, die an Würde und Entwicklungsfähigkeit der letzten, feinsten von uns Lebenden ebenbürtig war. Wie in einem gut denkbaren Märchen war es dann: dass einer Augen hätte, dieU zu gewissen Zeiten für alles Trübe und Dunkle überempfindlich würden und allonthalben die Verwesung aufspürten, die hinter dem Lebendigen lauert und vom Lebendigen erst überwunden werden musste. Durch den sprossreichen, grünen Bodenteppich schaute der Mann in die -Särge der Todten, und durch die Wände eines com fortab] en Neubaues dränge sein Blick etwa bis zur armen, verwaisten Tempelmauer, die man die Klagemauer nennt. Das wäre ein trübes, weinendes Märchen, und nur eine an Schauern genährte Phantasie verliehe seinem Helden die unselige Gabe. Aber das jüdische Volk — denn dieses ist der Mann mit den zeitweilig dunkelseherischen Augen — hat das zweifelhafte Geschenk nicht aus der Phantasie eines grausamen Märchendichters empfangen, sondern aus einem realeren Titel: dem seiner ununterbrochenen, höchst lebendigen Leiden. Uns, die seit fast zwei Jahrtausenden als umgekehrte Peter Schlemihle über die Erde fliehen, um den Hass loszuwerden, der uns schier wie der eigene Schatten überallhin folgt, uns, die unter den leidenden Völkern der Erde die Virtuosen des Volksschmerzes sind — uns sollte doch zuzutrauen sein, dass wir um den Fall der theuren Stadt, der so alt ist wie unser Unglück, ehrlich trauern und dass unsere Trauer eine natürliche. Ach, glaubt es nur: es ist bittere Wahrheit, dass wir in den sommerlichen Tagen des siebzehnten Tliamus und des neunten Ab durch den glanzvollsten Sonnenschein hindurch in die fernabliegende Finsternis schauen, die die Stätte der wehen Geburt unseres Elends war! Aber das ist es ja: Für uns sind die Traue rtage Jerusalems noch keine historischen Daten geworden. Wenn es uns in der Gegenwart an unseren jetzigen Wohnstätten gut gienge. wenn wir ein Los hätten, wie etwa die aus England ausgewanderten Puritaner auf dem Boden ihrer neuen Heimat, so hätten vielleicht diese Tage für uns lediglich den Wert und ule Geltung von historischen Gedenkzeiten. Wir aber verspüren den Fall Jerusalems, als wär's gestern gewesen, und am eigenen Leibe, als wären wir die niedergerungene Besatzung. Für uns ist jeder Tag des Jahres ein siebzehnter Thammus, ein neunter Ab, und so zahlen wir durch achtzehn Jahrhunderte unaufhörlich Kriegskosten. Wenn wir es selbst vergessen wollten, die Völker lassen es uns nicht vergessen, dass wir nur Fremdlinge sind, und wenn sie uns in einem Umschlag der Laune, auf deren Dauer hauend wir unsere Häuser aus Stein auf- ‘ zuführen gewagt, die Grenze weisen, so verfehlen sie selten, uns auf die Richtung, die wir nach ihrer Meinung am ' besten einschlügen, mit ausdrücklichem Spotte aufmerksam ' zu machen. Keine Gelegenheit wird ausseracht gelassen, uns durch Schläge — und nicht eben durch die ehrenden des Schwertes — zu Musterpatrioten der alten Heimat zurittern. So haben wir das ganze Jahr Anlass zur Klage, und die officiellen Trauertage entbehren der immerhin tröstlichen Gedanken an überwundenes Leid. Es sind keine wirklich historischen Daten, und Erinnerungstage sind es nur inso- 'ferne, als sie uns an den Ursprung unserer Schmerzen erinnern. An ihnen fassen wir das jeder Abwechslung bare Los vieler Tage in stereotype Formeln, an ihnen überrieselt frisch vergossenes Blut die halb Vertrockneten Blutspuren der Vergangenheit, an ihnen verkündet die Synagoge die Reprise des uralten Stückes, und die „frischen Kräfte“ übernehmen die Rollen, die von den nach Rom geschleppten judäischen Sclaven er eiert worden. Und es ist wahrlich ein Stück von der Art, die der Theaterjargon ein richtiges Schauspielerstück nennt, weil die Rollen dem Spielenden auf den Leib passen und die Acteure sich darin wie Agierende geberden dürfen. Kein Zweifel, die Thränen, die am siebzehnten Thammus über dem uralten Stücke, „Das Sterben Jerusalems“ betitelt, fliessen, sind ehrlich geweint und steigen aus tiefverwundeten Herzen in die Augen. Der trotz alledem daran Zweifelnde verwechselt offenbar das jüdische Volk mit jener Clique von Lippenbetern, denen der Name Jerusalems längst zu Schall und Rauch geworden, und die, eindringlich befragt, kaum zu sagen vermöchten, worüber sie denn eigentlich trauern. Doch nicht über den so späten Fall Jerusalems, der den Beginn der Missionsthätigkeit unverantwortlich lang hinausschob? Es gibt aber ein untrüglic h es Kriterium für Echtheit und Unechtheit der T r a u e r. Städte sterben nicht wie Menschen. Sie erstehen wieder zum Leben. Das heisst: nicht i mm er. Sondern n u r dann, wenn in de r T r a u e r um ihren Tod nie ausgesetzt ward, und vor allem: wenn diese Trauer eine echte war. Hier also die einfache Probe : wessen Klage um Jerusalem von Herzen kommt, der muss von Herzen Jerusalems Wiederaufbau wünschen! Wer aber diesen Wiederaufbau nicht wünscht, ihm wohl gar entgegenarbeitet .... Der Schluss ist auch von einem, durch das Fasten geschwächten Denker leicht zu ergänzen. Aber nicht wir sind es, die über die Aufrichtigkeit seiner Thränen das Urtheil sprechen. Es ist schliesslich weder eine appetitliche Arbeit, noch wäre es unser Geschmack, auf Grund dieser Probe Scheidungen vorzunelimen. Aber diese Scheidungen vollziehen sich von selbst. Als vor drei Jahren die Kunde kam: die verschollene Stadt rege sich und begebe sich auf die Heimkehr ins Leben — seit dieser Zeit weiss die Welt, dass es ein jüdisches Volk gibt und wo es zu suchen ist. Nämlich, diejenigen, die sich der Kunde freuten und der heinikehrenden Verschollenen ein Stück Weges entgegengiengen (man muss wissen; todte Städte kehren auf die Weise ins