Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 26 (30.6.1899)
- Article
- Zwei Frauen
- Date
- 1899-06-30
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die A Welt" Nr. 26 des Clericalismus und des Monarchismus. Doch man kann die schlechtesten Volksinstincte nicht leichter aufstacheln, die dunkelsten Pläne nicht rascher ins Werk setzen, als mit dem Aufrufe zum Kreuzzuge gegen die Juden. Und da sass nun unseligerweise dieser Jude Alfred Dreyfus im Infonnationsbureau des Generalstahes — was war bequemer, als die grosse Verschwörung mit seiner Hinopferung einzuleiten, das Volk und die Armee mit jüdischem Blute gleichsam zu verkitten? Die Verschwörung ist aber nicht überwunden, weil der Jude nun doch noch vom Opferaltare hinweggenommen werden soll, auf dem er schon halb vernichtet war. Und vollends den Optimismus, als ob nunmehr von Frankreich ein grosses Beispiel zugunsten der Juden gegeben würde — wer vermöchte ihn verständigermassen zu theilen? Frau Godard wird auch nach der Dreyfus-Aera eine edle Seltenheit sein. Wir meinen sogar, sie wäre es schon gewesen, als noch alle Welt in Frankreich die Freistatt der Juden, ihr natürliches Asyl, und in den Menschenrechten von 1789 die Bürgschaft ihrer Gleichheit erblickte. Wenn wir Juden uns nicht selbst betrügen wollen, so dürfen wir die Affaire Dreyfus nicht aus den Gesichtspunkten der französischen Ministerkrisen und Parteigegensätze, des Streites um die Staatsform oder um die Macht der Kirche beurtlieilen; für uns ist sie die traurige Bestätigung, dass auch am Ende des neunzehnten Jahrhunderts das Schicksal der Juden kein freundlicheres geworden, selbst dort nicht, wo es noch scheinbar am meisten durch Gesetz und Geschichte vor feindseliger Willkür geschützt zu sein schien. Vor Frau Godard neigen wir dankbar und ehrfürchtig das Haupt. Aber immer müssen wir doch von ihr hinweg und auf Lucie Dreyfus blicken, auf diese unvergleichlich getreue, heroische Frau, in der sich das Geschick des Judenthums wie in einer erhabenen Statue verkörpert. Sie hat geglaubt, als alle schwankten; sie hat gelitten, was nie vor ihr ein anderes Weib gelitten, und sie hat gekämpft gegen eine Wejt von Lüge, Gewalt und Unbarmherzigkeit. Geglaubt, gelitten, gekämpft! Und noch zuletzt, eine Stunde vor dem Siege, haben sie ihr in Rennes ein Kämmerlein versagt, von dem aus sie still und zitternd den Augenblick der Erlösung mitleben wollte. Nichts kann jüdischer sein als dieses Frauenbild, es ist ganz und gar Sinnbild. Wahrhaftig, auf dem figurenreichen Gemälde, welches von der Dreyfus-Sache den Menschen in der Erinnerung bleiben wird, hat die Gestalt der Frau Godard gefehlt. Helden und Schurken, Weise lind Narren wimmeln durcheinander, ein Picquart und ein Esterhazy, ein Scheurer-Kestner und ein Drumont, ein Zola und ein Bochefort. Man sieht Heroisches und Verruchtes, List, Doppelzüngigkeit und Gewalt, Muth, Männerstolz und Hingebung. Das menschlich Anheimelnde und Beruhigende repräsentiert die Bürgersfrau aus Rennes. Wir denken uns, es müsste für einen Maler eine Gruppe von unwiderstehlichem Reize sein: Frau Lucie Dreyfus, mit dem tragischen Zuge des Schmerzes im Antlitze, und neben ihr die freundliche seelenvolle Frau Godard mit dem Lächeln edler Befriedigung um den klugen, beredsamen Mund. Lucie Dreyfus hat Unterkunft gesucht am Orte des Gerichtes, von dessen Spruch sie Ehre und Recht für ihren Gatten, für sich, für ihre Kinder erwartet. Frau Godard hat ihr, der von Thür zu Thür Irrenden, aufgethan und sie in ihr Haus geleitet. Ist’s ein Gleichnis, das uns nicht aus dem Sinne will? Unterkunft suchen auch wir, gesicherte Wohnstätte auf unserem alten Heimatsboden; auch wir mit der Furche des alten Fremdheitsschmerzes im Gesichte. Und auch uns wird aufgethan werden. Or. Herzl in London. Am 26. Juni sprach Dr. Herzl in London vor einem vielhumlertköpf'igen jüdischen Auditorium. St. MartiusTown Hall, der Riesensaal, war bis aufs letzte Plätzchen gefüllt. Auch viele Frauen hatten sich eingefunden. Die dichtgedrängte Menge nahm die Rede Dr. Herzl’s mit echter stürmischer Begeisterung auf. Im Nachfolgenden Dr. Herzks Vortrag: Damen und He r r e n! Kennen Sie die Geschichte von dem Araber, der einen Mann erschlug, weil dieser ihn fragte, wohin er sein Kalb trage? Die Geschichte wurde mir vor einigen Jahren hier in England von einer Dame erzählt, und ich will sie Ihnen jedenfalls wiedersagen, weil es eine gute, sinnvolle Geschichte ist. Ein Araber, der, wie die meisten seiner Landsleute, einen geduldigen, gl ei chmüthigen Charakter hatte, trug eines Morgens ein kleines Kalb von seinem Dorfe nach der Stadt. Als er auf der Landstrasse munter dahinschritt, kam ihm ein Mann entgegen, der fragte: „Wohin trägst Du Dein Kalb?« Unser Araber antwortete: „Nach der Stadt, mein Freund. Gott segne Dich!" Er war noch nicht viele Minuten weiter gegangen, da kam ein zweiter vorbei und fragte: „Wohin trägst Du das Kalb?- Unser Araber antwortete: „Nach der Stadt, mein Freund. Gott segne Dich!" Wieder nach einer Weile kam ein dritter, ein vierter, ein fünfter. Der Anblick des Mannes mit dem Kalb löste Jedem dieselbe Frage aus. Und unser Araber antwortete, weil er ein geduldiger Mann war, immer freundlich: „Nach der Stadt, mein Freund. Gott segne Dich!" Aber die Geduld ist ein Stoff, der sich abnützt. Als unser Araber fünfzehn oder zwanzigmal dieselbe Antwort auf dieselbe Frage gegeben hatte, begann es ihn zu verdHessen. Seine Antwort wurde kürzer: „Nach der Stadt, mein Freund!" Den Segen Gottes liess er weg. So hatte er wieder ein dutzendmal Auskunft gegeben, bis ihm auch dies zuviel wurde. Den nächsten Fragern sagte er nur noch trocken: „Nach der Stadt!" Dabei wurde sein Ton immer unwirscher, endlich sogar grob. Das Blut stieg ihm zu Kopf; er meinte, die Leute hätten sich verabredet, ihn zu narren. Und als er im Gesichte des Neunzigsten oder Hundersten, der ihn fragte: „Wohin trägst Du Dein Kalb?‘‘ ein höhnisches Lächeln zu entdecken glaubte, da legte unser Araber sein Kalb hin, packte den Mann bei der Gurgel lind erschlug ihn. Die Zionisten sind ein bischen in der Lage des Arabers mit dem Kalbe. Man stellt ihnen immer dieselben Fragen, und sie werden allmählich ungeduldig. So ist es zu erklären, dass die Discussion über unsere Sache zuweilen gereiztere Formen annimmt. Ich möchte unseren Freunden aber rathen, nicht zu vergessen, dass es immer neue Vorübergehende sind, und dass diese noch nicht aufgeklärt sind. Geben wir ihnen ruhig die gewünschte Antwort. Und bedenken wir, dass wir mit unserem Kalbe der Stadt umso näher kommen, je öfter wir geantwortet haben. Schlimmer ist es freilich, wenn Leute, denen man schon geantwortet hat, muthwillig wiederkommen und wieder fragen. Oder wenn sie gar entgegnen: „Das ist nicht wahr. Du gehst nicht nach der Stadt!" Oder: „Es gibt überhaupt keine Stadt." Oder: „Ich bin nicht Dein Freund und Gott wird Dich nicht segnen,"