Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 26 (30.6.1899)
- Article
- Zwei Frauen
- Date
- 1899-06-30
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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>-i Redaction > Erscheint jeden Freitag. < ►--4 Preise der Anzeigen: und Administration: Zuschritten sind nicht^an einzelne Personen, sondern Die viermal gespaltene Petit¬ Wien an die Redaction oder Administration: Wien, IX., zeile 10 kr. IX., Türkenstrasse 9. Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. — Telephon Nr. 14199. *---- Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und . Manuscripte nicht zurückgesendet. . Einzelne Nummern 15 kr. t-4 ■ Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 6 fl. 12 Kr., halbjährig 3 fl. — 6 Kr. Für das Ausland: Deutsch- DvZiUgüpiCiuGi land ganzjährig 13 Mk. 70 PI*., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 8hg., halbjährig 7 8hg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50 Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig'!/ Frcs., halbjährig 8 Fr cs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40 Gt. Nr. 26. Wien, 30. Juni 1899. 3. Jahrgang. Da Ende dieses Monats eine grössere Anzahl von Abonnements abläukt, so werden die Betreffenden erinnert, die Erneuerung rechtzeitig vorzunehmen, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Die Administration. Zwei Frauen. Von 0. Erter. Von den letzten Convulsionen, welche noch in der zwölften Stunde vor dem Abschlüsse des Dreyfus- Dramas die französische Republik durchschüttern, wendet sich der Blick zu einem ergreifenden Bilde schöner Menschlichkeit, in dessen Mittelpunkt zwei Frauen stehen. Auch dieses Bild gehört, wie alles, was sich jetzt in Frankreich zuträgt, in den Umkreis der „Afiäire“, denn die eine der beiden Frauen ist Lucie Dreyfus, die Gattin des Gapitäns, und die andere ist eine Witwe, namens Godard, zu Rennes, wo sich abermals ein Kriegsgericht zum Spruche über Dreyfus, diesmal hoffentlich zu einem gerechten, zusammensetzen wird. Aber wie wunderbar beschwichtigend in ihrem stillen Glanze hebt sich die Episode der beiden Frauen von der aufregenden Hauptaction abl Lucie Dreyfus hat sich in Rennes um ein Quartier bemüht für die Zeit der Verhandlung des Kriegsgerichtes; die Heldin will dem Gatten nahe sein in der Entscheidungsstunde, welche die letzte seiner Leidenszeit sein soll. Aber sie fand alle Thuren verschlossen. Nur die betagte Witwe des protestantischen Holzhändlers Godard, die von dem vergeblichen Bemühen cler Dulderin hörte, gehorchte ihrem Herzen, nicht dem hasserfüllten Vorurtheil. Sie schrieb an Lucie Dreyfus und bot ihr Obdach in ihrem Hause an. „Ich habe das Recht, zu thun, was mein Herz mir gebietet“, sagte sie, als man sie davor warnte, sich durch Seelengrösse einer Gefahr auszusetzen. Seelengrösse eine Gefahr! Ach Gott, in diesem Frankreich ist so vieles möglich geworden, dass sogar eine Gefahr lür die edelmüthige Matrone von Reimes nicht ausgeschlossen scheint. Um zu hindern, dass die ungeheure Schmach, mit der Frankreich betleckt wurde, von ihm abgestreift werde, ist an den Pfeilern des Staatsbaues gerüttelt, das Gift der Rechtsverachtung der Gesellschaft eingeflösst, ein Berg von Entfremdung zwischen Volk und Armee aufgescliüttet worden. Staatsmänner und Generäle machten sich verächtlich vor der ganzen civilisierten Welt, Ministerien wurden gestürzt, Gerichte commipiert, nur damit das Unerhörte nicht gesühnt werde, was an dem unglücklichen jüdischen Artillerieliauptmanne von staatswegen verbrochen worden. Wo ist die Grenze dieser beispiellosen moral insanity, die durch alle Schichten reicht, von den Verführten der Drumont und Hocliefort bis zu den Führern im Palais Bourbon und den Häuptern im Generalstabe? WircVs damit zu Ende sein, wenn Dreyfus freigesprochen ist, oder kommt dann erst die grosse Katastrophe, zu deren Abwendung kaum noch ein Mittel vorhanden sein wird, wenn auch das Bündnis Waldeck-Rousseaus mit Millerand, des hartgesottenen Bourgeois mit dem fanatischen Socialisten, versagen sollte? Den Franzosen, die einst so stolz auf ihre Ritterlichkeit und ihre feine Sitte waren, müsste das Beispiel der tapferen Holzhändlerswitwe von Rennes die Sehamröthe in die Wangen treiben, allen Franzosen ohne Ausnahme. Wie traurig nimmt sich Frau Gyp, die aristokratische Schreiberin schlüpfriger Dialog-Romane* neben der simplen Frau Godard aus, die Gräfin, die sich an die Talei im Elysee drängt, um entre fromage et poire das Staatsoberhaupt in die Gomplotte der Anti-Dreyfusards einzufädeln, neben der bürgerlichen Kleinstädterin, die ihr Erbarmen nicht unterdrückt* weil die Anne, die seiner bedarf, eine Jüdin und eine Dulderin ohnegleichen ist! Aber es ist sehr zu furchten* dass nicht Frau Godard* sondern Frau Gyp in dem heutigen Frankreich das populäre Vorbild nationaler Weiblichkeit darstellt. Der finstere Wahn, der durchaus von dem Opfer nicht lassen will, geht durch alle Gassen und alle Boudoirs, er hat sich in die entlegensten Weiler eingeschlichen* er steht als Wache vor den Haustlioren in dem stillen, weltentrückten Rennes* das plötzlich zu historischer Bedeutung kommen soll. Handelt es sich denn noch um diesen unglücklichen Alfred Dreyfus? Es ist ja doch den Einfältigsten nachgerade klar geworden, dass nicht seinetwegen der Kampf ums Recht geführt wird, auch nicht des Rechtes wegen. Nur als Sündenbock wurde erhinausgestossen, und zum Sündenbocke wurde er auserlesen, weil er Jude war. Die Verschwörer, die vom Generalstabe aus die Republik in die Luft sprengen wollten, sind vielleicht alles andere eher als Antisemiten; es sind Troupiers, Werkzeuge