Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 25 (23.6.1899)
- Article
- Der vorchristliche jüdische Gnosticismus
- Date
- 1899-06-23
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Sette S „Die Welt“ Kr 2Z unserer Sinne anzusehen. So dogmatisch sie nun die Welt im blossen Schein auflösen, treibt es auch sie. sich Rechenschaft über die Welt der Erscheinungen zu gehen, Und so behandelten sie dieselben als ob sie wirklich waren. Dieser Dualismus bestimmt nun die Schicksale der griechischen Philosophie. Nicht nur das zersetzende Auftreten der S<rphisten und die Verzichtleistling eines Sokrates auf eine geschlossene Weltanschauung sind die Folgen der durch die eleatischen Untersuchungen sich ergebenden Skepsis, sondern auch die edelsten Producte der classischen Philosophie Griechenlands können diesen Dualismus nicht übei'- winden. PI ato suchte durch seine Ideenlehre einerseits die Transcendenz des reinen eleatischen Seins zu retten, andererseits ein Individuationsprincip für die Erscheinungen, für die Einzeldinge zu schaffen. Die Ideen haben aber wohl eine subjective aber keine objeetive Existenz. Plato hat Kategorien des Denkens in Seinsprincipien uni gewandelt. Aristoteles sah dies auch ein. Er spricht den Ideen die selbstherrliche Existenz, die ihnen Plato Verliehen hatte, ab. Wie verfährt er aber selbst? Auch er setzt die Aufgabe der Philosophie in die Erkenntnis des unveränderlichen Wesens. Und welches Kriterium hat er nun, um dies unveränderliche Wesen zu erkennen? Im Gegensätze zu Plato findet er die Wirklichkeit jedes Dinges in seiner ihm immanenten Form. Woher erhalten wir aber Kenntnis von den einzelnen Dingen? Doch nur durch die Sinne? Wo existiert nun ein Kriterium, das uns in den Stand setzen sollte, die Wahrheit dieser Erscheinungen zu bestätigen? Und so konnte auch die aristotelische Metaphysik kein zuverlässiges Kriterium hervorbringen. Auch sie konnte nicht die Verstandeskategorien mit der Fülle der Erscheinungen in Einklang bringen. Was nun weiter in Griechenland zur Lösung dieses Problems geschieht, ist philosophisch nur von geringem Be'ang. Der Stoicismus, der dem durch den Bankerott der aristotelischen Philosophie hervorgerufenen kritischen Denken den sogenannten gesunden Men sehen verstand hervorkehrt, hat als Lebensphilosophie in Rom zwar, da er dem römischen Volkscharakter wie auf den Leib geschnitten war, grossen Einfluss gewonnen, konnte jedoch den rein metaphysischen Trieb des griechischen Volkes nicht befriedigen. Und wenn die zerrütteten Verhältnisse der eigenen Heimat keine naturgemässe Fortentwicklung der Philosophie gestatteten, so suchte der griechische Geist unter dem Einflusse anderer ihm bisher unbekannter Ideenkreise durch ein salto mortale des Denkens die Unendlichkeit zu erfassen. Alexandrien war es, wo die Weltanschauungen der Hellenen und Juden zuerst in Berührung kamen. Es ist unrichtig, wenn man den grossen Einfluss, den die jüdische Denkweise auf die damalige griechische Welt annahm, der ethischen Lebensanschauung der Juden zuschreibt. Die Griechen haben ebenso eine selbständige Ethik, wie eine selbständige Metaphysik hervorgebracht. Die Griechen sahen vielmehr in dem jüdischen J ehova (der Seiende) — Gottesnamen spielen überhaupt in den Iheosophischen Speculationen dieser Zeit eine grosse Rolle — das e 1 e a t i s c h e reine Sein, den Nous d e s A n a x a g o r a s, die platonische Idee d e s G u t e n, sowie d c n a iP stotelischen actus pur us. Während jeder einzelne dieser Begriffe sich als unzureichend für eine Welterklärung erwies, während der Begriff' des eleatischen Seins keine Mannigfaltigkeit der Existenzen zuliess. der Nous der Anaxagoras nur als Aushilfsmittel in Anwendung gebracht wurde, die Kluft zwischen den platonischen tränscendentalen Ideen und ihren Abbildern nicht überbrückt werden konnte, schien der jüdische Gottesbegriff, der nicht bloss als höchste Ahstraction der Welt, sondern als höchstes Wesen gefasst wurde, alles in sich vereinigen zu können. Das höchste Wesen ist kein logischer Begriff mehr, der keine widersprechenden Merkmale enthalten darf, in ilnn sind, alle Gegensätze aufgelöst Was unserem Verstände als Gegensatz erscheint, ist bei ihm nicht als existierend vorhanden. Gott kann alles, wenn er will. Und so besteht kein Dualismus zwischen Denken und Wahrnehmen, Geist und Materie, denn alles sind Willensmanifestationen des einen omnipotenten Seins. Bei dieser Auffassung muss dem Verstände naturgemäss nur eine untergeordnete Rolle zukommen. Alle dialektischen Untersuchungen sind nur Vorstufen zu der im Wege der Intuition zu erlangenden Wahrheit. Und so entsteht jene Intuitionsphilosophie, die in Philo ihren classischen Vertreter gefunden. Wenn man nun in dieser Art Philosophie keinen Fortschritt des verstandosmässigen Denkens zu erblicken vermag, wenn man hier keine einzige, etwa der platonischen ebenbürtige Uonception antrifft, ja. keine einzige bleibende Errungenschaft, die nur nach der logischen Seite hin den Besitzstand der Philosophie vergrössert hätte, bietet doch dieser Ideen kreis wegen des aussergewühnlichen Einflusses. tWn derselbe auf die Entwicklung der europäischen Cultür gewann, ein grosses Interesse. Die von griechischer Bildung (kirch tränkten alexandrinischen. Juden, die in ihren Gott’esübeiTieferungen die endglltige Lösung aller metäphysisbhleii Fragen zu besitzen glaubten, konnten in ihren,Schriften nur die exoterisehe Hülle. füi;t höhere Wahrheiten erblicken. Der höchste Begriff des Seins kann in nationalem, Sinne nicht mehr gefasst werden. Das geschichtliche und deshalb zufällige Verhältnis Gottes zum Volke Israel muss in ,ein noth wendiges, rein nienschliches umgewandelt werÖBri. Ceremonialgesetze und, die ausschliesslich nationalen Bestimmungen müssen als der Ausdruck des Zeitlichen und Geschichtlichgewördehen beseitigt werden. Symbol Und. Allegorie, die schon von den alten griechischen Denkern, vornehmlich aber von den Stoikern Sft ergiebigem Masse angewendet wurden, gaben das Mittel ab, diese Methode durchzuführen. Und so predigten die Juden Alexandriens eine Weltreligion, die. nicht nur die höchsten Fragen des Seins löst, sondern auch dein.ujn s'eiii Wohl und Wehe besorgten Individiiubi 'einen Halt una Ruhepunkt in Gott, dem Vater aller4 Menschen, verschafft. Hier haben 'wir nUn deh Dran fang des Christenthums und jenes Antinom Ismus zu suchen, den man bisher in Verkennung der Thatsachen lediglich dem Auftreten des Apostels Paulus zugeschrieben hat. Hier muss auch die Forschung an setzen, um einen zureichenden Grund für die Entstehung und Entwicklung des Christenthums, welches als Realisierung einer Idee keineswegs mit anthropologischen und ethnologischen Mitteln erklärt werden kann, zu finden. Die übliche Meinung, das Christenthum wäre als Protest gegen den Pharisäismus anzusehen, welchem dann der Charakter des Antinomismus seitens Paulus aufgedrückt worden wäre, ist aus inneren und äusseren Gründen unhaltbar. Wie sollte auch auf dem exclusiv nationalen Boden Palästinas der Gedanke einer Weltreligion entstehen? Wie konnte hier ohne besondere Voraussetzungen das neuplatonische Gedankengebilde eines Logos oh ne weiters auf den Gegenstand der nationalen Hoffnungen übertragen werden? Wie konnte hier die Revoltierung.ull.es Bestehenden nur möglich sein? Moriz Friedländer hat nun dieses Problem in seiner im vorigen Jahre erschienenen Schrift „Das Judenthuhl ili der vorchristlichen griechischen Welt“ ausführlicher in seiner letzten Schrift „Der vorchristliche jüdische Giiosticismus“ *) wieder aufgenommen. Er nimmt gegen das Dogma von einem J u d en-Christen thum und Heiden-Christenthum entschieden Stellung und sucht vielmehr nachzuweisen, dass die als christliche Heretiker geltenden gnostischen Parteien der Kainiten, Ophiten, Sethoiten und Melchisedikianer bereits in vorchristlicher Zeit in Alexandrien existiert haben, dass demnach die antinomistische Richtung viel älteren Datums ist, als das sogenannte paulinische Heiden-Christenthum. Schon in vorchristlicher Zeit, belehrt uns Friedländer, gab es einen äusserst radicalen Flügel unter den griechisch-gebildeten Juden Alexandriens, welcher die äussersten Konsequenzen der allegorischen Methode gezogen, alle gesetzlichen Bestimmungen in Symbole aufgelöst und zum Aerger derjenigen, die noch auf dem conservativen Boden des Judenthums zu stehen wähnten, eine entschieden gesetzesfeindliche Stellung eingenommen hatte. Wenn es nun dem Verfasser gelingt, die beiden in den neutestamentlichen Schliffen sich berührenden Gedankenkreise im alexandrinischen Schriftenthume vorzufinden, und wenn wir mit der grössten Wahrscheinlichkeit die Ursachen ermitteln können, die es vermocht haben, die Juden Alexandriens in verschiedene Parteiungen zu zerkltiften, im Gesetzesvolke katexochen eine entschieden antinomistische Partei ins Leben zu rufen, so liegt der Schluss sehr nahe, dass auch den analogen religiösen Strömungen in Palästina dieselben Ursachen zugrunde liegen, zumal uns das religiöse Leben daselbst-, soweit es sich auf nationalem Geleise bewegt, keinen Anhaltspunkt zur Erklärung dieser merkwürdigen Erscheinung bietet, wenn wir nicht im vorhinein durch Annahme eines theologischen Standpunktes auf eine rationelle Erklärung verzichten wollen. Wenn wir uns aber fragen, wie es denn komme, dass die neuen Ideen von Palästina aus den Siegeszug durch die Welt nahmen, so ist die Antwort nicht schwer. Die eigentümlichen Verhältnisse Alexandriens konnten wohl religiöse Strömungen herbeiführen, aber so grossartig auch die Bewegungen sein mochten, und so sehr auch die speculativen Producte dieser Zeit einen ausschliesslich theosophischen Charakter tragen, so fehlte doch den überbildeten alexandrinischen Juden die Ursprünglichkeit und Unmittelbarkeit des Gefühles, um eine neue Religion zu schaffen. Erst auf dem classischen Boden *) Göttingen, Van den hoch & Ruprecht IN!>X.