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Die Welt · 1899-06-23 · 25 (23.6.1899) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
25 (23.6.1899)
Article
Eine californische Colonisations-Methode
Date
1899-06-23
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Rr. 25 „Die Welt“ Seite 5 Auf diese Weise kann ein Anfang ziemlich grossen Stiles gemacht werden ohne grosse Geldmittel und mit sofortiger Arbeitsgelegenheit für die ersten Ansiedler. Auf diese Weise wird aber auch das Bedenken der jüdischen Kaufleute und Handwerker beseitigt, denen heute der Uebergang zur Landwirtschaft mindestens als ein gewagtes Experiment erscheint. Der jüdische Kaufmann und Handwerker, der sich eine ruh ge Zukunft schaffen will, wird sich einen Termin von einigen Jahren setzen, innerhalb welcher Zeit er seine Geschäfte weiterführt und allmähiig abwickelt, und seine Parcelle ganz oder theilweise abbezahlt. Unter Umständen kann ihm sein Stück Land schon Nutzen tragen, noch bevor er dorthin geht. Eignet er selbst sich zu keiner Art landwirtschaftlicher Arbeit, so wird er sie stets von Arbeitercolonisten geleistet bekommen können. Weitere Einzelnheiteii dürften kaum nötliig sein, und so will ich zu .meinem Ausgangspunkte zurückkehren und resümieren: Eine derartige Methode bietet eine gründliche Abhilfe, bricht mit dem demoralisierenden Wohlthätigkeitssystem und geht in ihrer Wirkung weit hinaus über die bisherige „Von-Fall-zu-Fall-Methode/4 Die Woche. Wien, 21. Juni IM). Einem Lehrer wird der Vorwurf gemacht, dass er „schon mehr Jud’ als Christ" sei. Der also Gekennzeichnete fühlt sich in seiner Ehre tief verletzt, geht mit sich zurathe, ob er nicht den unerhörten Schimpf mit Blut wegwaschen solle, und reicht dann, nachdem er diesen Waschungsplan fallen gelassen, gegen den Lästerer die Ehren beleidigungsklage ein. Der Beleidiger wird auch richtig zu einer Geldstrafe von 25 fl. eventuell zu fünf Tagen Arrest verurtheilt und ist glücklich, dass er mit so heiler Haut davongekommen. Man kann eben in seinen Aeusserungen nicht genug vorsichtig sein. Wie oft kommt es vor, dass man zu einem Neben men sehen sagt: „Sie sind doch ein frommer Jude, also biete ich Ihnen heute, am Samstag, keine Cigarette an" — and man bedenkt gar nicht, dass man durch diese anscheinend harmlose Ansprache das Zuchthaus mit beiden Aermeln streift. Oder wie oft kommt es vor, dass ein Meldezettel oder ein ähnliches Formular sich scheinbar ohne jede hinterlistige Absicht hei uns nach der „Confession" erkundigt. Und wir, nichts Böses ahnend,, gehen thatsächlich in die Falle, wir füllen die Rubrik gedankenlos mit dem Wörtchen „mosaisch“ aus, und bedenken gar nicht in unserer Naivetat, dass wir uns damit schwarz auf weiss eine infame Beleidigung in unser eigenes Gesicht geschleudert haben, dass wir an uns eine vernichtende, ehrenrührige Selbstkritik geübt haben, die das schadenfrohe Aktenstück für ewige Zeiten im Archiv conservieren wird. Man muss sehr auf der Hut sein. Es kann einem, wenn man seine Worte nicht wägt, in einer jüdischen Versammlung passieren, dass man auf der Rednertribüne einen Satz mit der unbedachten Aeusserung „Wir Juden —" beginnt. Wir wagen es gar nicht, uns die Folgen auszumalen, die eine solche Beleidigung der Versammelten nach sich ziehen müsste. Die geballten Fäuste, die sich nach dem unvorsichtigen Redner ausstrecken, die Bierkrügel und Stühle, die auf* die Rednerbühne niederhageln, die wüsten Rufe: „Schmeisstm ’naus! Selber Jud'!“ den anwesenden Commissär, der die Kappe aufsetzt und den verbrecherischen Redner wegen rüder Pauschalbeleidigung auf der Stelle zu mehreren Jahren schweren Kerkers verurtheilt. In der Gegend von Wiener-Neudorf zieht ein Fussreisender, der dem-Arbeiterstande angehört, die Landstrasse fürbass. Auf seinem Reisebündel sind eine Suppenschüssel, Löffel, Messer, Gabel aufgeschnallt. — Eine „verhängnisvolle Gabel“. Sie erregt im Vereine mit den übrigen Kochutensilien den Verdacht mehrerer Schulkinder, die zufällig des Weges kommen; die unschuldigen Kleinen erheben ein angsterfülltes Geschrei: „Da ist der Jud, der uns abschlachten will, weil er das Blut von Christenkindern braucht." Hierauf bewerfen sie den Mann, der zwar wandert, aber gleichwohl kein Jude ist, mit Steinen, etliche fünfzig Ziegelarbeiter schliessen sich den Kinderchen an und bearbeiten den vermeintlicher) Juden so lange mit Knütteln, bis er infolge eines Rippenbruches und mehrerer schwerer Verletzungen am Kopfe seine Wanderung vorläufig aufgibt und zusammenstürzt. Die Ziegelarbeiter entwaffnen dann noch den Ritualmörder, indem sie ihm die Suppenschüssel und die anderen Utensilien zertrümmern, und verlassen mit den geretteten Kinderchen die Stätte des heftigen Zweikampfes. * Wanderer, kommst Du nach Niederösterreich, so schnalle Dir ja keine Suppenschüssel auf, sonst wird Dir eine böse Suppe eingebrockt. Wie unschuldig doch so eine Suppenschüssel ausschaut, wenn sie, mehr oder minder blank gescheuert, auf einem Nagel in der Küche hängt. Aber kaum schnallt man sich sie auf den Rücken und geht mit ihr ein wenig spazieren, so bricht man halbtodt zusammen. Halbtodesursache: Suppenschüssel. Das Militär scheint über diese tückische Eigenschaft der Suppenschüssel sehr gut informiert zu sein. Man sieht oft Soldaten auf der Landstrasse, die ihre blecherne Suppenschale auf dem Tornister aufgeschnallt haben. Aber es ist immer mindestens eine Compagnie Soldaten, sie getrauen sich, wenn sie sich ihrer gefährlichen, rückwärtigen Suppenschüssel bewusst sind, nur in hellen Haufen ins Freie; einem einzelnen Landesverthei diger, der sich tollkühn mit einer Suppenschüssel auf die Landstrasse wagt, könnte von den Landeskindern sehr übel mitgespielt werden. Dass aber auch die grösseren Soldatenmassen auf blutige Ueberfülle von Seiten der antisuppenscliüsseiigen Bevölkerung gefasst sind, beweist die kleine Sanitätsabtheilung mit dem rothen Kreuze, die hinter den Truppenzügen marschiert, um bei Zusammenstössen sofort intervenieren zu können. * * * Der Wiener-Neudorfer Affaire verdanken wir übrigens eine wertvolle Aufklärung über die Art und Weise des rituellen Schlichtens. Dass eine Suppenschüssel ein unentbehrlicher Bestatidtheil des Ritualmordes sei, war bisher nicht bekannt. Leider war der Arbeiter kein Jude, und leider hat man ihn seine böse Absicht nicht ganz zur Ausführung bringen lassen, so dass über die Verwendung der Schüssel noch immer ein mystisches Halbdunkel schwebt. Wollte er damit das Blut auffangen und zu Würstchen verarbeiten V Wollte er die Schüssel nach Art eines Maulkorbes den armen Kinderchon um schnallen und sie so am Schreien verhindern? Es wäre fäctisch interessant. Näheres darüber zu erfahren. E rwin Ros e n b e r g e r. Der vorchristliche jüdische Gnosticismus. Von B. Wachstem. Die Selbstgenügsamkeit und Freudigkeit, mit der die jonische Naturphilosophie die uns als naiv erscheinende Frage: Woher die Dinge entstehen? beantwortete, dauerte nicht lange. Schon die eindringliche Analyse des sinnenmassig Gegebenen seitens der eleatischen Schule zeigte, dass wir zunächst viele Vorfragen zu beantworten haben, bis wir dazu kommen, nach dem Urgründe der „Dinge“ zu fragen. Indem die eleatischen Denker den Begriff des Seins in seiner Totalität fassten, konnten sie überhaupt zu keiner Mannigfaltigkeit der Existenzen kommen. Die Vielheit von Dingen, Entstehen und Vergehen sind als blosse Imagination

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