Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 25 (23.6.1899)
- Article
- Eine californische Colonisations-Methode
- Date
- 1899-06-23
- Page
- 4 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 4 „Die Hr Welt“ Nr. 25 Eine californische Colonisations-Methode. Von Ben-David. Die grösste von all den zahlreichen Schwierigkeiten, unter denen die jüdischen Colonisations-Versuche bisher zu leiden hatten, lag in dem Mangel an einer geeigneten Methode. Wurde eine Anzahl von Juden irgendwo angesiedelt, so hatte man nichts anderes dabei im Auge, als die Kolonie so schnell als möglich in ertragsfähigen Zustand zu setzen, und man war befriedigt, wenn dies sich in nicht allzulanger Zeit ermöglichen liess. Man nannte das dann einen Erfolg, ohne sich zu vergegenwärtigen, dass selbst eine noch so grosse Anzahl solcher „Erfolge“ im besten Falle nur den wenigen Kolonisten geholfen hatte, und zwar meistens mit ganz unverhältnismässigen Geldopfern. Eine Kolonisation, bei der jede neue Gruppe aufs neue von vorn anzufangen hat, kann bei der Ungewohntheit landwirtschaftlicher Arbeiten und bei den sonst recht reichlichen Schwierigkeiten zu einer grossen Abhilfe durchaus nicht genügen. Auch deshalb nicht, weil zur Aussendung stets neuer Gruppen Geldmittel gehören würden, wie sie thatsächlich nicht flüssig gemacht wei den können. Die ganze Sache wird viel zu sehr von Fall zu Fall behandelt. Hat man sich gegenüber einem entsetzlichen Unglücke einmal zu einer „That“ aufgeiafft — und zwar selbstverständlich zu einer unzulänglichen — so ist man befriedigt und „wartet“ eben auf das nächste entsetzliche Unglück, um wieder „etwas zu thun“. Eine Abhilfe ist hier dringend nothwendig. Will man colonisatorisch auch nur Nennenswertes vollbringen, so muss System in die Sache gebracht werden. Somt sind wirkliche Erfolge — bei der Neuheit landwirtschaftlicher Beschäftigung für die Juden — schlechterdings unmöglich. Im Folgenden soll eine Colonisations-Methode skizziert werden, die in Kalifornien mit schönem Erfolge angewendet wird, und die mir, unseren Verhältnissen angepasst, ausserordentlich aussichtsreich erscheint. Ich möchte sie die „ideale Methode“ nennen. Das System ist ausserordentlich einfach. Eine Gesellschaft übernimmt ein grösseres Stück Land, parcelliert es und bietet die Parcellen zum Kaufe an. Aber nicht das Land, wie es ist — für solches fänden sich wenige Käufer. Die Gesellschaft unternimmt es, das Land in — sagen wir — fünf Jahren in ertragsfähigen Zustand zu versetzen (in Kalifornien handelt es sich meist um Baumcultur) und offeriert ihre Parcellen vollständig hergerichtet und bepflanzt, so dass der Käufer, der fünf Jahre Zeit hatte, die Kaufsumme in Raten zu bezahlen, nach Ablauf dieser Zeit sich im Besitze eines ertragsfähigen Landstückes befindet. In dieser Weise können Kaufleute oder Handwerker Landwirte werden, ohne durch ihre Unkenntnis der Landwirtschaft sehr behindert zu sein. Einen Pflaumenbaum zu schütteln ist keine sogenannte Kunst. Die Gesellschaft geht aber noch einen Schritt weiter. Es handelt sich ja auch darum, für die Productc einen Markt zu finden. Zu diesem Zwecke ist eine Organisation vorhanden, bestehend aus den Kolonisten, die für ihre Mitgliedschaft einen bestimmten Beitrag zu entrichten haben, und geleitet von Fachleuten und gewählten Vertretern der Mitglieder. So kann der Besitzer einer Parcelle an seinem bisherigen Wohnorte bleiben und seiner bisherigen Beschäftigung nachgehen, so lange er will. Er bezahlt für die Arbeit, die auf seinem Stück Lande gethan wird, er entrichtet seinen Beitrag an die Handelsgesellschaft und steckt den Ueberschuss in die Tasche. Ein derartiger Verkauf der Products sichert nicht allein die Erzielung der höchsten erhältlichen Preise, es wird auch dadurch einer Koncurrenz innerhalb der Kolonie vorgebeugt. Zu einer präciseren Vorstellung von dieser Methode dürfte es vielleicht dienlich sein, einige nähere Angaben mit Ziffern mitzutheilen, die für unsere Verhältnisse zwar keineswegs massgebend sein werden, immerhin aber einen illustrativen Wert haben. Der Käufer einer Parcelle bezahlt im ersten Jahre 35 Dollars per acre für Pflügen und Bepflanzung. Gepflanzt werden zweijährige Mandel-, Feigen-, Pfirsich-, Aprikosen-, Birnbäume etc. (Bei Olivenpflanzung ist der Preis 40 Dollars per Acre.) Im zweiten und jedem folgenden Jahre sind l2l/2 Dollars per acre zu entrichten für die vollständige Pflege der Bäume durch Arbeiter, die unter fachmännischer Leitung stehen. Auf diese Weise kostet zum Beispiel eine Parcelle von 10 acres: 500 Dollars für das Land, 400 Dollars für 900 Olivenbäume inclusive Pflanzung und Pflege im ersten Jahre und 375 Dollars für die Pflege der Bäume in den drei folgenden Jahren. Diese Zahlungen — im ganzen 1275 Dollars — bringen die Pflanzung in fragenden Zustand und eine vorsichtige, massige Schätzung spricht von einem Reinerträge (nach dem vierten Jahre) von 500 bis 5000 Dollars per Jahr. Ich habe oben erwähnt, dass ich die Ziffern nicht als massgebend hinstellen möchte. Um zu zeigen, wie viel Spielraum einer mehr pessimistischen Anschauung gelassen werden kann, dürfte es genügen, an Folgendes zu erinnern: Eine kürzlich erschienene Statistik über die algerischen Juden gibt als „wohlhabend“ diejenigen Familien an, deren Ernährer 1 Francs und mehr per Tag verdient — davon kann eben im Orient eine Familie leben! Es erübrigt noch, über die Anpassung der geschilderten Methode für unseren Fall einige Worte zu sagen. Der colonisierende Factor erwirbt ein Stück Land, ausreichend, sagen wir, für 5000Familien und entsprechend in 5000 Parcellen getheilt, die zum Kaufe angeboten werden. Der Erwerb von Parcellen durch Ratenzahlungen wird weiteren Kreisen ermöglicht werden können, da die Abzahlungsdauer ja keine bestimmte sein wird. Wir mögen annehmen, dass es sich meist nur von 5 bis zu 15 Jahren handeln dürfte, doch ist auch eine bedeutend längere Dauer durchaus nicht ausgeschlossen. Diese Ratenzahlungen, die ja vom ersten Jahre an einlaufen, ermöglichen der Gesellschaft sofort eine genügend grosse Anzahl von Arbeitern zu colonisieren, die die ganze Strecke von 5000 Parcellen gleichmässig in Arbeit nimmt. Diese Arbeitercolonisten — nehmen wir an, 1000 — bezahlen sozusagen ihre Raten in Arbeit, die selbstverständlich wohlgeleitet sein wird. Ich betone nochmals, dass ich die Ziffern nicht als massgebend annehme. Wenn inan sich vergegenwärtigt, dass Ic00 Familien im Orient für ihren Unterhalt hochgerechnet 1/2 Million Francs benöthigen, und dass dieser Unterhalt theihveise aus eigener Production gewonnen wird, so dürfte es klar sein, dass die Ratenzahlungen der Landkäufer in jedem Falle, d. h. auch bei Annahme eines anderen Ziffernverhältnisses für den Unterhalt der Arbeitercolonisten ausreichen werde. Die Gleichmüssigkeit der Bearbeitung kann zum Beispiel dadurch1 gesichert werden, dass den Arbeitern erst nach etwa 5 Jahren ihre eigenen Parcellen zugewiesen werden. War die Bearbeitung nicht gleichmässig, so erhalten die Arbeiter schlechtere Stücke Landes.