Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 25 (23.6.1899)
- Article
- In der Stille
- Date
- 1899-06-23
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die A Welt“ Nr. S5 ausschliesst. und sich gegenseitig, beweisen. dass sie naturnothwendig ausgeschlossen wären. Aber all dieses wird wahrhaft gegenstandslos, sobald inan den Begriff „Zionismus“ grösser und weiter fasst, als es gemeinhin geschieht: sobald er eine ganze Weltanschauung darstellt; also mehr ist als eine politische Bewegung, keine Einheit und kein geschlossenes Programm verlangt, da -von dieser allgemeinen grösseren Bewegung die politische seihst nur ein Theil. Der Zionismus wird aufgefasst alseine 'Renaissance des jüdischen Lebens mit seinen s ä in in t - liehen Quellkräften. Das Band, das die einzelnen Regionen dieser Neubethätigung umschlingt, ist ein weites, luftiges. Das Judenthum nimmt gleichsam eine nationale Existenz vorweg; der Zionismus stellt die vorweg genommene nationale Existenz dar, einem unsichtbaren, ideellen Staatsgebäude vergleichbar auf unsichtbarem ideellem Land und Boden. Aus Mitleid oder einem positiven nationalen Zuge mögen viele, vielleicht gar die meisten, zum Zionismus gekommen sein; aber andere sind gekommen aus einem starken Persönlichkeitsgefühl, das keine Halbheit und Lüge erträgt, aus einer Sehnsucht nach voller, runder Einheit; und dergestalt wird der Zionismus auch aufgefasst und als etwas Herrisches anerkannt von Gönnern und Bewunderern, die künstlerische und gross und edel angelegte Naturen sind. Tn diesem Sinne umfasste der Zionismus gleiohmässig einen gewissennassen morgenländischen, wovon die Türkei mit Palästina das Centrum bildete, und einen abendländischen. Und während der politische Zionismus gleichsam ein umfangreicherer Wachtposten, der d müssen vor den dunklen Mauern der Stadt sein Fort besetzt hat, und während auch noth wendige sonderliche ökonomisch-praktische Bestrebungen nicht vernachlässigt bleiben, darf sich bereits hinter diesem Schutze das innere private Leben entwickeln, in Unbefangenheit und Sicherheit, welche im Grunde doch der ganze Zweck der nationalen Existenz sind. Ein Künstler, der, um alles Nationale unbekümmert, aus seinem Talente schaffr, und demgemäss zum Ruhme seiner Nation beiträgt, dürfte dann auch noch von den eifrigsten Politikern toleriert werden, wie etwa Goethe selbst in der Epoche der Befreiungskriege und von einem Patrioten wie dem Freiherrn von Stein mit seiner nationalen Indifferenz in Schutz genommen wurde; während die social oder national angelegten Naturen bereits in der politischen Organisation etwas wie einen staatlichen und nationalen Boden vorfinden. Es darf nicht übersehen werden, dass unter den Juden, die der zionistischen Idee bereits gewonnen sind, oder nach ihrer Natur gewiss noch einmal gewonnen werden, sich gar viele, und vielleicht die edelsten, befinden, die sich nach einem nationalen Staate nur sehnen, um das hervortreibende Gefühl einer sonderlichen nationalen Zugehörigkeit verlieren zu können. Sie sehnen sich vorzüglich darnach, Mensch unter Menschen zu sein; wie es alle modernen Dichtungen von Juden über ihr nationales Schicksal von Mauthners „Neuem Ahasver“ bis zu Herzls ..Neuem Ghetto“ immer wieder in leidenschaftlichem Stammeln aussprechen. Der Zionismus schlosst aüch in sich ein und vereinigt wie unter einer Hülle nicht allein diese gleichsam positiven und negativen Zionisten, sondern überhaupt die entgegengesetztesten menschlichen Gesinnungen und Zustände : Orthodoxie Und Nicht-Orthodoxie, rigorosen, spiessbürgerlichen Moral isrnus und künstlerheiteren') sinnen frohen, unbefangenen Leichtsinn, Bildung und Unbildung, Armut und Reichthum; mannigfaltiger noch als etwa die Centruinspartei in Deutschland. Wenn er eine Partei wäre, so müssten darin die schwersten Gefahren liegen für ihre energische Fortbewegung, da so viele entgegengesetzte Bestrebungen sich wiederaufheben könnten, wie Pferde, die nach verschiedenen Richtungen zögen an einem Wagen, ihn doch nicht von der Stelle brächten. Aber er mag eben mehr sein als die politische Partei, welche von ihm nur den einen Theil der Bethätigung darstellt; eben nur, wie der Begriff der nationalen Zusammengehörigkeit über jeglichem Volksleben, schwebt über dem widerspruchsvoll bunten, rein menschlichen Leben der Juden die zionistische Idee. Unter diesem alltäglichen Lehen, eingehüllt wie die Frucht in der Schale, schlummert der nationale Gedanke, um in einem ernsten noth wen di gen Augenblick die Schale platzen zu lassen. Die bayrischen Bauern etwa, die so tapfere Deutsche sind im Kriege, mögen ein Nationalitätsbewusslsein in Friedenszeiten vielleicht, gar nicht begreifen können; nur erhitzte Journalisten sind es, welche National itätsbowusstsein überall herum und in Jegliches hineintragen. Das rein menschliche Leben, welches doch das eigentliche, ja für die überwältigende Mehrzahl der Menschen das ganze Leben darstellt, hat mit dem Schwergewichte der Wirklichkeit denn auch seine ordnende, vortheilende, anorde.ende Macht erwiesen, . ehe eine bewusste Culturbewegung ihre entschiedene Wirkung thun könnte. Immerhin : auch zu dem sich in natürlichem Schwergewicht durchsetzenden Lehen könnte die darüber schwebende zionistische Idee eine gewisse Wirkung hinzu thun. Aus dem privaten individuellen Loben führt ein Weg hinaus, auf dem jedoch nationale, religiöse oder Rassenfehden nicht nachzukommen vermögen; das ist der Weg zu den Tempeln der Kunst. Und zahlreich genug (zumal das eigentliche Theaterpublicum der Gressstädte ist in der That ein beinahe ausschliesslich jüdisches) suchen sich auf diesem Wege auch die modernen Juden aus der betäubenden Enge des rein familiären Lehens zu retten. Ist man erst in den Theaterraum eingetreten, ja hat man nur seine Garderobe abgegeben, dann muss alles versinken, was draussen sich mit qualvollen Zwangswegen thümite und starrte; selbst bei Tendenzstücken, die doch nur eine seltene Ausnahme sind, bleibt das rein Künstlerische, die Charakteristik der Gestalten, das Spiel der Schauspieler und dergleichen das Vernehmlichste. Das ist natürlich schon oft. hervorgehoben worden; insbesonders Gerhard Hauptmann hat es dichterisch ausgesprochen in dem bekannten Prologe zur Eröffnung des „Deutschen Theaters“ in Berlin, wo er mit auffälliger Direetheit es geradezu ausspricht: Christ un d J u d e hingerissen, Werden billiger und weiser, Menschen sich erkennen müssen. Hier spürt ' denn auch in der That der Jude kaum noch seine sonderliche unselige Stellung, und die christlichen Künstler gesellen sich gern zu ihm, gleichsam zu einer besonderen Welt, in welcher sie gar gern zu leben scheinen. Dergestalt könnte es scheinen, als wäre hier durch günstige Naturbedingungen so viel gethan, dass auch der höheren zionistischen Idee zu thun nichts mehr übrig bliebe. Aber diese christlichen Künstler, welche sich in einem aufgeregten; reclamevollen, sensatiönsberüirftigeh -Getriebe wohlfühlen können, mögen gewiss nicht die echtesten, wurzelhaftesten sein, und wie sie sich gern dem unsoliden, materiellen; lauten Elemente fügen, welches so viele jener oben erwähnten Juden darstellen mögen, werden sie sicherlich auch die ersten sein, die ihre früheren Freunde verrathen würden in einer Stunde der Abrechnung, in welcher,, doch immer die am höchsten decovierten und belohnten Favoriten ihre -Gönner am ersten verrathen haben. Es klafft auch jetzt. ,bereits ein Spalt zwischen diesen'Künstlern, und denen» welche sich eine mehr ideale, zigeunerhafte Gesinnung-gewählt, gleich gütig sind gegen jeglichen materiellem Erfolg und den Beifall des lauten reclameanerkennenden Pubbcums* aber dafür eine hohe reine Auffassung von der Heiligkeit und nationalen Bedeutung der Kunst hegen. Dass sie schon jetzt eine gewisse stille antisemitische Gesinnung keimen und sie einmal noch recht laut und nachdrücklich äussern könnten, mag begreiflich sein; lind der Zionismus öden