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Die Welt · 1899-06-16 · 24 (16.6.1899) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
24 (16.6.1899)
Article
Ghettodichter
Date
1899-06-16
Page
13 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 24 „Die H Welt** Seite 13 Weiten führen konnte. Und das rein Aesthetisehe hingegen ist die ideelle Vorwegnahme einer wahrhaftigen gesunden nationalen Existenz: ähnlich wie die deutsche Dichtung die Existenz des mächtigen geeinigten Deutschland vorweggenommen hatte. Denn gerade das rein Aesthetisehe setzt das Nationale als s elb s t v e r s t a n dl i c h voraus, wie sich diesen Luxus nur die Nationen gestatten dürfen, die ihre häusliche nationale Existenz s o gesichert und in Ordnung gebracht haben, dass sie sie eben als selbstverständlich betrachten können. Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (53. Fortsetzung.) Den Doctor David vermochte Gertrud nicht mehr einzuholen. So rasch er konnte, war der alte Arzt in den ebenerdigen Speisesaal geeilt. Denn auf der Treppe hatte ihm der Diener gemeldet, Baron Moritz liege in den letzten Zügen.— So schlimm war es nun freilich nicht. Aber der Anblick, der den Arzt erwartete, war grauenvoll genug. Tn der Mitte des Gelasses stand die mit Blumen und Silberprunk reich geschmückte Tafel. Obgleich der Idiot für eine verfeinerte Lebensführung längst kein Verständnis mehr hatte, bewährte doch ein französischer Tafeldecker bei jeder Mahlzeit sein anordnendes Talent. — Dicht an diesen üppigen Speisetisch hatte man einen grossen Sorgenstuhl geschoben, auf welchem sich Baron Isaks Sohn wie in Schmerzen wand. Das fleischige Gesicht war dunkelroth gefärbt, die blöden Augen quollen fast aus ihren Höhlen, und die dicken Hände tasteten verzweifelt in der Luft umher, während der fast zahnlose Mund wie der eines toten Fisches weit offen stand. Dr. David erkannte sofort, um was es sich hier handle. Er warf einen prüfenden Blick über die Tafel. Zahlreiche frische Flecke auf dem Tischtuche bewiesen, dass Baron Moritz seine Suppe zu sich genommen habe. Auf einem silbernen Teller vor ihm lag das zweite Gericht. Es waren schöne, dicke Spargel. Drei von ihnen waren bereits verzehrt, der vierte sollte dem Baron Moritz fast sein bischen Seele kosten. Denn wie dies bei hochgradigen Gehirn kr ankh eiten häufig der Fall, war ihm ein Stückchen in der Kehle stecken geblieben, und es war fraglich, ob der schlaffe Körper reagieren werde. Baron Moritz Goldschilds ungestalter Leib war eben selbst für die Arbeit des Sehlingens untauglich geworden. Er drohte an einem Bissen desselben Gemüses zu ersticken, das die kleine Gertrud mit so grosser Aufmerksamkeit für ihn pflegte. Die Arbeit und Sorge brachte dem Kinde Freude, der Genuss dem vernunftlosen Schlemmer vielleicht den Tod. Für diesmal konnte jedoch das Schlimmste noch abgewendet werden. Man richtetete den keuchenden Blödsinnigen auf, klopfte ihm auf den Rücken und Nacken, versuchte, ihm Wasser ein zuflössen und brachte es schliesslich wirklich dahin, dem Tode seine fast sichere Beute abzujagen. Pustend und grinsend lag nun der Sohn Isaks auf einem Ruhebette, um sich von den erlittenen Qualen zu erholen. Dr. David konnte zu Jonathan zurückkehren. Der Auftritt hatte den alten Arzt mächtig ergriffen. Nicht etwa, dass ihn der Anblick des Erstickenden so erschreckt hätte. Er war in seiner Berufstätigkeit an so vielen Sterbelagern gestanden, dass der Todeskampf einen 'guten Th eil seines Schreckens für ihn eingebüsst hatte. Das Grauenvolle des eben gesehenen Vorganges waren die Menschen, die Zeugen gewesen. Theilnahmslos waren die Diener umhergestanden, weder von der Maj estät des nahen Todes noch von Mitleid für - den Leidenden berührt. Seit Monaten schienen sie daran gewöhnt, ihren Brotherrn als ein unvernünftiges Thier zu betrachten — ein Thier, das viel ass und trank and seinen Pfleger grundlos bald schmeichelte, bald sie angrunzte. Und man konnte den Leuten ihre spöttischen Gesichter nicht einmal verargen! Hatte sich Baron Moritz nicht früher selbst mit besonderer Vorliebe „das gute, dicke Thier“ genannt! Heute war es noch theilnahmslose Gleichgiltigkeit, die diese bezahlte Umgebung erfüllte. Welche Gefühle werden sie aber morgen haben, wenn die starke Intelligenz eines Isak nicht mehr über seine Nachkommen wacht. Würden die unfähigen Hände des blöden Moritz oder des siechen Jonathan auch nur ein Jahr lang imstande sein, die aufgestapelten Goldschildschen Millionen zu erhalten. Isak — dessen Raubzüge in allen Ländern der Welt ihre Spuren zurückgelassen — hatte recht, wenn er sagte, dass die Natur dafür sorge, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Seine unerschöpflich scheinenden Goldquellen würden nach seinem Tode rasch schwinden. Man wartete nur auf sein Sterbestündlein um sich in seine Habe zu theilen. Und das war in der schönsten Ordnung! Denn seiner abenteuerlichen Ehe mit Arabella Kohn war ein blöder unfähiger Sohn entwachsen. Schem-boruch-liu aber hat die Welt nur dem Klugen und Starken geschenkt. XIV. Mit leisen Schritten war der Tod in die byzantinische Villa auf dem Kahlenberge geschlichen. Man wusste es ganz genau — er war da. Aber noch hielt sich der grause Geselle hinter den schweren, damastenen Vorhängen, unter den vergoldeten Tischen der gemeinschaftlichen Empfangsräume des Sohnes und Enkels Isaks verborgen. Bald lugte er neugierig in das Schlafgemach des siechen Knaben, bald glaubte man ihn hinter dem Pfühle des blödsinnigen Schlemmers stehen zu sehen. Denn diesem Gevatter schien es schwer zu fallen, sich zu entscheiden, wen er zuerst erlösen sollte. Der Zustand Jonathans war in den letzten Wochen ganz unhaltbar geworden. Selbst die schwächste Bewegung seiner Bahre verursachte dem gequälten Kinde Schmerzen. Man musste froh sein, wenn es des Abends und des Morgens gelang, den leichten, mageren Körper aus dem Bette auf das. Ruhelager zu heben, ohne dass sich heftige Athembeklemmungen einstellten. Aber seine schmalen blassen Lippen hatten noch immer nicht das Lächeln, seine muthige junge Seele noch immer die Hoffnung nicht verlernt. Jener heftige Anfall am Tage der Taufe hatte seinen friedlichen Glauben an die Möglichkeit einer wunderbaren Heilung nur gestärkt. Mochten auch alle Zeichen dagegen sprechen, der gepeinigte Körper noch heftigere Qualen als früher empfinden — nichts vermochte das felsenfeste Vertrauen Jonathans zu erschüttern. Nach den beklommensten Krisen irrten seine dunklen, thränennassen Augen immer wieder in leidenschaftlicher Dankbarkeit zu dem kleinen hölzernen Madonnenbilde, auf dessen Fürbitte hin Gott sein zu grosses Herz „zusammenzog“. Trotzdem David und Josef Goldschild durch die stürmische Unterredung im Sieglinger Pfarrhause einander näher gerückt waren, mieden sie es doch nach wie vor, sich am Krankenlager zu begegnen. Die Absichten des Geistlichen waren anfangs die weitgehendsten gewesen. Er dachte an nichts Geringeres, als den Kranken nach Lourdes in die wund erthä bi ge Grotte zu bringen. Der Plan,, mit einem Sterbenden, den man kaum von einem Lager auf das andere zu heben vermochte, eine so weite und beschwerliche Reise anzutreten, hatte etwas so Kühnesund Verblüffendes an sich, dass der Arzt dem Priester sprachlos in das- Gesicht gestarrt hatte. Die harte Erbarmungslosigkeit;eines solchen Gedankens konnte bei einem ehrlichen und sittlichen Menschen nur durch den fanatischesten blindesten Glauben-erklärt werden. , Natürlich hatte Dr.; David den nachdrücklichsten Widerspruch gegen dieses Vorhaben erhoben, so dass Josef einlenkte und sich damit tröstete, die Gnade Gottes sei ja nicht an einen Ort gebunden. Man einigte sich schliesslich dahin, die Wirkung

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