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Die Welt · 1899-06-16 · 24 (16.6.1899) · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
24 (16.6.1899)
Article
Ghettodichter
Date
1899-06-16
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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^ette 12 Nr: Ä nachdem er dem Berlin er7,,Verein$für Cultur und Wissenschaft deß Judenthums" kaum eben sein tiefstes Interesse zugewähdL hatte. So wahrhaft thätigen Anteil hatte er an den Bestrebungen des Vereines genommen, dass er während mancher Periode keine, einzige Sitzung versäumte und oft das Protokoll verfasste und vorlas; und ein merkwürdiger Zusammenhang mit unserer Gegenwart ist es, dass zu den Ehrenmitgliedern dieses Vereins unter anderen auch ein gewisser Mordochai Noah gehörte, der 1825, also im „Rabbi von Bacharach" Jahre, auf einer Insel des Niagarastromes einen jüdischen Staat Arrarat gründen wollte, der also ein utopistisch sch wärmerischer Vorläufer des Zionismus war, und dessen in Amerika noch lebende Nachkonmen an der gegenwärtigen zionistischen Bewegung ausgesprochenen Anteil nehmen. Heine besass ja auch durchaus einen vornehmen edlen Stolz persönlicher Würde als Jude und war empört, als Michael Beer, der Verfasser des übrigens auch künstlerisch wenig bedeutenden „Paria" „statt die Sprache des Anklägers zu führen, nur auf die Thränendrüsen des Publicums zu wirken und ein schwächliches Mitleid für seinen, durch den Uebermuth einer bevorzugten Kaste misshandelten Helden zu erregen suchte". Einmal beschwört er seinen Freund Moser, er solle nicht glauben, dass „ihm die Sache seiner Brüder nicht mehr so am Herzen liege als sonst", und er citiert die Worte des Psalmisten: „Verwelke meine Rechte, wenn ich Dein vergässe, Jeruscholayim!" Nun ist diese innige Verknüpfung der Dichterindividuälität mit ihrer Rasse durchaus nicht willkürlich und vom Charakter oder äusseren Zeiteinflüssen abhängig, sondern hängt zusammen mit ihrer ästhetischen Bedeutung; denn je tiefer das Talent eingesenkt ist in die Persönlichkeit, also je echter und grösser es ist, um so deutlicher zeigt sein Querschnitt auch die weiteren Kreise der Familie, des Volks und zumal der Rasse. So kann Heine auch, der solch edlen, uneigennützigen Antheil an seinen Stammesbrüdern genommen, wenn er über den schwerfälligen Stil in der Zeitschrift des Vereines spottet, dabei mit der Unfeierlichkeit und dem ästhetischen Sinn des Künstlers scherzen, dass „ohne die Cultur des Styl es auch die andere Cultur nicht gefördert werden könne". Und so mag es auch auf allen Umwegen zurückleiten, dass jeglicher ästhetischen Leistung eine ästhetische Würdigung am besten und ausreichlich alle fremden, ethischen, sozialen und historischen Bezüge biossiegen könne. So dürfte auch bei Berthold Auerbach eine ästhetische Betrachtung am weitesten und gar zur geziemendsten Gerechtigkeit führen, wenn wir auf ihn als Ghettodichter fest und klar den Blick richten wollen. Wenn Treitschke gerade die Dorfgeschichte als Beispiel nahm für alle ethnographisch oder standesmässig sonderlichen, also nicht mehr rein menschlichen Dichtungsarten, so mag er dabei vornehmlich an Auerbach gedacht haben, der ihm auch persönlich gut bekannt war und durch seine Leistungen erstdieser Dichtungsart zu so grosser Beliebtheit und Berühmtheit verholfen hat. Aber in seinen Ghettodichtungen beschränkte Auerbach sich nicht auf die Darstellung merkwürdiger, absonderlicher Zustände oder gab allgemein menschlichen, vielleicht trivialen Cönflicten eine neue interessante Färbung durch den Boden, auf den er sie verpflanzte, sondern nicht weniger als Heine suchte er in seinen beiden Ghettoromanen („Spinoza" und „Dichter und Kaufmann“) den totalen geistigen Gehalt der jüdischen Existenz und Tragik darzustellen. Ja, es blieb doch nichts mehr zu wünschen übrig an Geistigkeit, wenn er in dem einen Romane einen zumal mathematisch abstracten Philosophen, im anderen einen Dichter zum'Helden nahm'. Es ist auch Auerbach, der geradezu in classischer Reinheit den wenig erfreulichen Typus der Assimilationsjuden zeigt, nachzurühmen, dass er niemals sein Judenthum würdelos verleugnet hat. Er besuchte stets die Stiftungsfeste des „Vereines zur Unterstützung armer jüdischer Studieren der" und brachte"dort wohl auch einen Trinkspruch aus zur Sammlung milder Gaben. In seinem Heimatsorte besuchte er. äubh die Synagoge, und wie er nach vielen Jahren * zum erstenmal wieder Birchat geschem — das Gebet um Regen — hört mit den Melodien seines seligen Vaters, kann er sich des Weinens nicht enthalten. Er hält in Berlin mit. dem bekannten Literaturhistoriker Professor Bernays einen Leder ab, und wenn er durch Strassburg reist, besucht er dort am Neujahrsabend die Synagoge, „weil er gern seine Zugehörigkeit documentiere." So tritt er auch überall offen und nachdrücklich für seine Stammesgenossen ein. Er nimmt innigen Antheil an den in Rumänien verfolgten Juden und ist 1867 bereit, mit Montefiore nach Bukarest zu reisen. 1869 ist er bei der Grossfürstin Helene sehr erfolgreich thätig im Interesse der in Westrussland von Hungersnotli heimgesuchten Juden. Ja, 1881 tritt er im Palais der Kaiserin Augusta vor ihr und ihrem Schwiegersöhne, dom Grossherzog von Baden, mit seltenem Freimuthe für die damals angefeindeten deutschen Juden gegen Stöcker ein. Und wenn er einstmals Heine einen „Erzlump" genannt hat, so schreibt er ein andermal nach der Lectüre von. „Heinrich Heines Leben" : „Ich bin tief ergriffen von Heines Betheiligung am jüdischen Leben und von der Geschichte seiner Taufe, die ich eben zu Ende las. Ich habe Heine vielfach Unrecht gethan . . . Wenn nun demungeachtet seine Ghettodichtungen auch nicht entfernt in allgemeiner Beziehung den wundersam schönen, herben, edlen Eindruck, machen, den Heines jüdische Dichtung hervorruft, so mag es wohl durch ästhetische Momente genugsam zu erklären sein. Auch Auerbach strebt, wie bereits hervorgehoben, die totale Tragik der jüdischen Existenz zu geben in ihrem Conflicte zwischen dem Ghetto und der weiteren freieren Welt; aber, wenn Heine anscheinend gar nicht versuchte, eine innere Entwicklung der Gestalten darzustellen, so erreicht Auerbach wohl nicht mehr als eine recht willkürliche, ja vielleicht verworrene und verwirrende unorganische Aneinanderreihung psychologischer Zustände und wird höchst peinlich durch den Widerspruch zwischen Wollen und Können. Das Leben der Helden, das Spinozas und das des Dichters Kuh ist nicht nachgelebt im Dichterorganismus, sondern aus ihren historischen Aeusserungen, die zusammengeflickt, werden die Bänder ihrer inneren Entwicklung geknüpft. Auch dürfte die äussere Darstellung, das was man Technik nennen mag, nicht gar lohenswürdig erscheinen; eine schwerfällige Breite der Darstellung und ein wenig reizvoller Stil, sondern bereits allein diese Jugend versuche von Heines classi s ch e,rJu gen d dich tun g. Und die sonst vielleicht ungerechte Vergleichung Auerbachs mit dem grössten jüdischen Dichter mag sich hier umso eher aufdrängen, als Auerbach sich in auffallender Weise von dem grossen Meister hat beeinflussen lassen. In.„Dichter und Kaufmann" empfindet er Heines berühmte Betrachtungen über den Sabbath nach, , die Hirsch-Hyaeynth spricht, ohne dass uns jedoch b.ei dieser Vergleichung wohl wird, wenn er schreibt: „ .... . gleich einer Feenbraut hatte der Sabbath plötzlich all den bunten Plunder weggezaubert, mit dem man sich die Woche über schleppte . ..." Oder die berühmte Stelle > aus den Helgoländer Briefen tritt uns in Erinnerung, wenn Auerbach den Juden, der auf die Jagd geht, und das „gejagte Wild" gegenüberstellt in ,-Spinoza"; oder wir werden an Heine erinnert, wenn es mit gespenstigen Fingern ans Fenster klopft, oder wenn sogar schon zu Spinozas Zeit ein Riss gellt durch das Herz der Menschheit." Nun liesse sich wohl mancherlei einwenden gegen die Beurtheilung sonderlicher bewusst nationaler Dichtung von einem rein ästhetischen Standpunkte aus. Aber bei den Juden war bislang gerade alles Nationale problematisch, sowohl - die . verkümmerte Ghettoexistenz als auch das Hinausstreben aus dem Ghetto* welches-doch nur in fremde

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