Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 24 (16.6.1899)
- Article
- Brief aus Saloniki
- Date
- 1899-06-16
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
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Gerte 4 „Die A Welt“ Nr. 25 nisten! Was wäre heute die Türkei, wenn sie statt der vielen Millionen Armenier, Griechen und Slaven so viele jüdische Unterthanen hätte! In Saloniki hat der Zionismus viel zu thun und zu schaffen; ein grosses Werk ist hier zu vollbringen: dieses Bollwerk des wahren und echten Judenthums muss gesund und stark erhalten werden. Das kann nur der Zionismus. Die Woche. Wien, 14. Juni 1899. Ueber das Bein, das der Excapitän Dreyfus schon so vielen Leuten gestellt hat, ist nun auch der Ministerpräsident sammt seinen Amtscollegen gestolpert. Das Ministerium Dupuy ist an den Folgeerscheinungen der „Affaire“zugrunde gegangen. — Dreyfus, der Lenker Frankreichs, erweckt nun schon die . Eifersucht Loubets, der sozusagen auch ein Lenker Frankreichs ist. Ja, wer lenkt eigentlich? Dieser arrogante Excapitän dictiert Gesetze, ernennt Beamte etc. Jetzt hat er wieder ein paar Minister gestürzt. * * . * Aus Paris wird uns unter der Hand ein vielsagendes Geschichtchen berichtet: In der Rue Lafayette wohnt ein ehrsamer- Bürger, der heisst Henry. Ganz so wie der bekannte plötzlich verstorbene Raseur. Dieser Tage nun hat der ehrsame Bürger an die zuständige Behörde ein dringliches Gesuch ein gereicht, man möge ihm die Bewilligung zur schleunigsten Abänderung seines Namens ertheilen. Er habe es satt, die höhnischen, läppischen Anspielungen seiner Bekannten tagtäglich anzuhören. Besonders in den letzten Tagen seien die Witzeleien geradezu unerträglich geworden. Sein Name Henry sei ihm verhasst, — er wolle sich daher den Namen D r eyfus beilegen. * * * Es gibt zwei Schiffe, die zu einander in sehr engen Beziehungen stehen und ganz gemeinsam Vorgehen: Das französische Staatsschiff und das Schiff, das den Dreyfus zurück bringt. Nur wenn das letztere sich in Bewegung setzt, wird auch das erstere wieder flott. — Die jüngsten Tage haben das gezeigt. * * *; Ein Präsidentenhut ist kein Chapeau claque, man kann ihn nicht so ohne weiters ungestraft eintreiben. Der Hochverräfcher, der den französischen Präsidentenhut.jüngst schwer verletzt hat, bekam 4 Jahre. Uebrigens nicht einmal viel für einen solchen Hochverrat!!. Diese Milde scheint in Frankreich consequenter Landesbrauch zu sein. Auch Dreyfus brauchte nur 4 Jahre abzubüssen für den Hochverrat!^ den er nicht begangen hatte. * * * In Paris hat sich ein Comite zur Errichtung eines „Dreyfus-Müseums“ gebildet. In dem Museum sollen alle auf die Affaire bezüglichen Raritäten und Merkwürdigkeiten für die kommenden Generationen äufbewahrt werden. Dem Comite ist .es bereits gelungen, eine Anzahl denkwürdiger Gegenstände aufzutreiben, darunter: Ein abgegriffener, aber dichter Damen schiefer; de? dünne Faden, an dem das Rasiermesser Henrys über dem Haupte Picquarts geschwebt hat; eine ausgestopfte Schnecke sammt Gehäuse, darstellend ,'die Wahrheit auf dem Marsche“; ein Centner feinsten Radiergummis; eine umfangreiche Mineraliensammlung, enthaltend all die Steine, die den „Freunden der Gerechtigkeit“ jetzt endlich vom Herzen gefallen sind; ein sehr defecter unappetitlicher Sattel eines Uhlanenpferdes, mit dem in Museen üblichen, sanitätsfreundlichen Vermerke : „Bitte, nicht zu berühren!"; ein Zeitungsblatt, in dem nichts von der „Affaire“ steht (sehr selten); ein Wetterhahn aus Blech, der sich in der Zugluft zwischen zwei Fenstern kreischend um seine Axe dreht, darstellend die gallische öffentliche Meinung; ein zum Stillstände gebrachtes Pendel, dessen Uhr abgelaufen ist, Construction Dupuy; ein einhenkeliger weisser Porzellan topf, natürlich ein Blumentopf, mit weissen Nelken; ein verworrenes, verschlungenes Heubündel, für jeden Nicht-Graphologen unentwirrbar und ungeniessbar; ein grosses Büschel arg strapazierter Haare, an denen so viele Dreyfuswitze herbeigezogen wurden etc. etc. Er win Rosenberger. Die Juden in Persien. Barferusch (Persien), 18. April 1899. Auf meiner Reise im nördlichen Persien habe ich Gelegenheit gesucht, die wenigen jüdischen Gemeinden daselbst aufzusuchen und mit den Verhältnissen der da lebenden Juden näher bekannt zu werden. Denn obgleich Persien kein unerforschtes Gebiet mehr ist,.und hie und da Kunde von den dortigen Juden nach Europa gelangt, so gilt dies doch nur von den Städten im Süden bis zu der Hauptstadt Teheran, die von den West-Europäern häufiger besucht werden. In den Norden verirrt sich nur sehr selten ein Europäer, und dann, gewöhnlich ein Russe oder Armenier, der sich für jüdische Verhältnisse wenig interessiert, ln dem ganzen Gebiete von Teheran bis zum Caspi-See und der bucharisch - afghanistischen Grenze,, bin ich nur noch auf zwei jüdische Gemeinden gestossen: im Städtchen Demavend, am Fusse des Riesenberges gleichen Namens und in der Stadt Barferusch in der Provinz Masanduran. Hie und da finden sich Spuren von einstigen jüdischen Gemeinden, die aber, um den Verfolgungen zu entgehen, schon längst zum Islam übergangen sind. So fand ich in der heiligen Stadt Mesched eine geheime jüdische Gemeinde nach Art der Inquisitionszeit in Spanien; äusserlich sind sie Mohammedaner, aber innerlich wahre fromme Juden. An geheimen Orten versammeln sie sich, um den jüdischen Gottesdienst abzuhalten. Im Geheimen wird auch die jüdische Lehre gepflegt, und sie haben ihre eigenen Rabbiner.und Schächter. Mit den Mohammedanern verschwägern sie sich nicht und leben nur unter sich. Sie schmachten darnach, öffentlich als Juden leben zu dürfen; jedoch die Bevölkerung will dort keine Juden dulden, und die Mullas (Geistlichkeit) führen dort das grosse Wort, so dass die Regierung ihnen gegenüber ganz ohnmächtig ist. Das Städtchen Demavend mit ca. 5000 Einwohnern zählt ungefähr 200 jüdische Familien, die fast alle vom Handel leben. Da das Städtchen in der Nähe von Teheran liegt und mit dieser Stadt in Fegern geschäftlichen Verkehre steht, so sind die Juden dort schon ipehr der Cultur und geistiger Bildung zugänglich. Die jüdische Lehre wird hier schon mehr gepflegt, und viele Eltern streben darnach, ihre Kinder bereits in der Schule der „Alliance Israelite“ in Teheran unterzubringen.. Ganz anders verhält es sich dagegen mit den Juden in Barferusch. Barferusch, . eine Stadt mit über 40.000 Einwohnern zählt kaum 300 jüdische Familien, die die Ueberbleibsel der einstigen grossen jüdischen Gemeinde sind. Hier und in der ganzen Provinz Masanduran waren seit uralten Zeiten die Juden in grosser Zahl ansässig. Die Verfolgungen, denen sie von Seiten der mohammedanischen Bevölkerung, von jeher ausgesetzt waren, zwangen,sie allmählich zum Islam üb^rzugehen,: bis sie nun auf 300 Familien . zusammengeschmolzen sind. Den letzten grossen Verfolgungen waren sie in den (»0er Jahren dieses Jahrhunderts ausgesetzfc, wo die ganze Gemeinde, um dem Tode zu entrinnen, zum Islam übergieng. Durch einen Gnadenact des Schahs Nasir Eddin, wurde ihnen gestattet, zum Judenthume zurückzukehren;