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Die Welt · 1899-06-16 · 24 (16.6.1899) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
24 (16.6.1899)
Article
Brief aus Saloniki
Date
1899-06-16
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. U „Die A Welt“ Seite 3 Anstalten. Ausserdem haben die französischen Franziskaner, Schulen und Asyle, welche von jüdischen Knaben und Mädchen überfüllt sind. Italien, Oesterreich, Bulgarien, Serbien und Griechenland erhalten respective subventionieren gleichfalls hier Volks- und Bürgerschulen, Lyceen und Handelsschulen, welche natürlich propagandistischen Zielen dienen. Die italienischen und österreichischen Anstalten werden zumeist von jüdischen Zöglingen besucht. Einige türkische Schulen und eine Unmenge von PrivaL Anstalten vervollständigen das polyglott-bizarre Mosaikbild des Unterrichtswesens in Saloniki. Dass von Einheitlichkeit und Ordnung nicht die Rede sein kann, wird jedermann einsehen, und es ist geradezu unbegreiflich, weshalb die grosse jüdische Gemeinde dieser Stadt nichts thut, um dieser geistigen und moralischen Zersplitterung ein Ende zu machen. Es müsste dieser angesehenen und bedeutenden Corporation nicht gar zu schwer fallen, entweder die Oberleitung des Unterrichtes der jüdischen Kinder in die eigene Hand zu nehmen oder wenigstens einen einheitlich geregelten Plan dafür aufzustellen und denselben genehmigen zu lassen. So sollte es keinen Tag mehr weitergehen, denn Knaben und Mädchen werden systematisch zu Assimilanten verzogen. Die sogenannte „civilisierte“ Jugend ist auch jetzt schon unjüdisch - assimilatorisch gesinnt und neigt mehr zu Frankreich hin. Es ist zwar viel Wasser in den französischen Wein geflossen, seitdem die Affaire Dreyfus uns die wahre Gesinnung der „grande nation“ den Juden gegenüber enthüllt hat, trotzdem krankt die jüdische Jugend des Orients noch immer in bedenklicher Weise an der Gallomanie und namentlich jene, welche das Pariser Cocottenthum mit eigenen Augen gesehen haben, sind unverbesserliche Franzosenfreunde. Darin werden sie von der sogenannten „Presse“ hier bestens gestützt und ermuntert. Es gibt nämlich eine Presse im spanischen Idiom — das sind drei oder vier Wochenblätter, weichein Constantinopel, Smyrna und Saloniki erscheinen. Dieselben dürfen und können über Politik nichts schreiben, sondern bringen jüdische Nachrichten, welche sie aus dem Pariser „Univers Israelite“ oder aus den Bulletins der Alliance Israölite übersetzen. Das meistgelesene dieser Wochenblätter ist „El Tiempo“ aus Constantinopel, welches einem Herrn Fresco gehört. Dieser Herr Fresco nun will durchaus als Voltairianer gelten und glaubt als solcher den Zionismus verunglimpfen lind verdächtigen zu müssen. Er bedenkt nun freilich nicht, dass sich sein grosser Schutzpatron, welcher für alle grossen und erhabenen Weltfragen stets begeistert und geistvoll eintrat, im Grabe umdrehen würde, wenn er wüsste, dass sein Jünger Fresco den Zionismus, diesen grössten und schönsten Gedanken des Jahrhunderts, aus Bosheit, Connivenz oder Unverstand lästert. So vergeht keine Woche, ohne dass Herr Frese o den Zionismus als die grosse Utopie, das Unglück des Judenthums und die Zionisten als Fälscher und Charlatane schmähen würde. Dieser Mensch hat leider schon viel unheilvolle Begriffsverwirrung angestiftet, und es ist wirklich schon Zeit, seine Lästerzunge einzudämmen. Die materielle Lage der Juden in Saloniki ist nicht besonders glänzend, doch auch nicht so verzweifelt wie in Constantinopel und anderen Städten der Levante. Es gibt liier zweifellos einen gut situierten Mittelstand und verhältnismässig wenige sehr arme Juden. Von den reichsten Juden sind zu erwähnen: die Söhne Saul Modiano’s (Modigliano, aus Livorno stammend) und die Brüder Allatini, gleichfalls aus Italien eingewandert. Die drei Brüder Mo di an o haben hier einen immensen Realitätenbesitz, und die Zahl ihrer Millionen soll an den Zähnen eines Menschen mit ganzem Gebiss abzuzählen sein. Die Brüder Allatini sind nicht nur immens reich, sondern auch ausserordentlich wohlthätig. Man preist diese Familie als die Vorsehung für alle Armen dieser Stadt, ohne Unterschied des Glaubens. Sie betreiben einen sehr grossen Handel in hiesigen Producten, wie Tabak, Getreide, Häute; sie haben eine grossartige Dampfmühle, welche vor einigen Monaten niedergebrannt ist und wieder aufgebaut wird, eine Ziegelei und noch wenig oder gar nicht angegrabene Eisen-' und Kupferminen. Die Allatini sind zweifellos das erste und berühmteste Handelshaus des Orients. Von den reicheren und angesehenen jüdischen Häusern Salonikis sind noch zu nennen: Moise Morpurgo, berühmt wegen seiner echt jüdischen Wohlthätigkeit, Isaac Bensoussan, Isaac Modiano, Saias u. a. m. -- Die ärmsten Juden dieser Stadt sind die russischen Einwanderer. Als vor etwa sieben Jahren eine Menge jüdischer Familien aus dem südlichen Russland ausgewiesen wurden, kamen zweihundert und etliche auch nach Saloniki, wo der selige Baron Hirsch ein eigenes Stadtviertel neu für sie erbauen liess. Sei es nun, dass man Unrecht that, sie von den spanischen Glaubensgenossen räumlich abzusondern, oder aber, dass diese russischen Emigranten sich in die hiesigen Verhältnisse überhaupt nicht hineinleben konnten, kurz diese Colonie hat nicht gedeihen können und ist bis auf ungefähr sechzig Familien zusammengeschrumpft. Die Mehrheit ist verstorben, ausgewandert und wohl verschollen, und die noch hier sind verkommen vor unseren Augen. Einige Handwerker, wie Mützenmacher, Schneider oder Schuster klagen, dass sie der Concurrenz der spanischen Juden nicht gewachsen seien; als Handelsleute oder Lastträger können sie gegen die Spaniolen erst recht nicht aufkommen. Ein wahrer Jammer ist es, die Kinder dieser Aermsten anzusehen. Sie sind fieberiscli, blutlos, gehen barfuss und verrissen in den Cafehäusern herum, wo sie Zündhölzer, Knöpfe und Cigarettenspitzen feilbieten. Viele Mädchen und Frauen ergeben sich ausNoth dem Laster. Die Colonisation ist eben mit der Ueber- und Ansiedlung der Colonisten noch lange nicht vollendet. Noch einer jüdischen Ansiedlung vielmehr Secte muss Erwähnung gethan werden, welche ausserordentlich interressant, merkwürdigerweise aber den meisten Juden des Westens unbekannt ist. Ich meine die sog, „Minim“, Angeber oder Ueberläufer. Das sind die Nachfolger jener Juden, welche zugleich mit dem falschen Propheten Sabataj Z e wi noch vor zweihundert Jahren zum Islam übergetreten sind. — Es gibt ihrer mindestens zweitausend Seelen in Saloniki, zumeist angesehene und reiche Kaufleute oder Gutsbesitzer. — Von den Türken gehasst, leben sie auch mit den Juden auf schlechtem Fuss und bilden so eine abgesonderte und in sich abgeschlossene Kaste. Sie heiraten nur unter sich, und das wird ihr Ruin sein. Vor nicht gar langer Zeit sollen diese jüdischen Türken noch unsere hohen Feiertage im Geheimen mitgefeiert und auch andere jüdische Gebräuche sollen sie geübt haben. Man erzählte mir, dass sie sich am Vorabende ' des 9. Ab mit ihren Frauen regelmässig irgendwo versammeln und im Dunklen wahre Orgien feiern sollen. Doch sind das wohl nur phantastische Märchen. Von den rechtgläubigen Türken, werden sie jedenfalls gemieden. Die Juden in Saloniki sind ein schönes, starkes Element, voll Temperament und Begabung. Die Tugenden des jüdischen Volkes, sein Fleiss, seine Nüchternheit, Anstelligkeit, Intelligenz und hoher Familiensinn kommen am besten und ersichtlichsten gerade in dieser Stadt zur Geltung, .weil die Juden sich hier ungehindert und unbedrückt entwickeln konnten. — Saloniki ist nicht nur f eine reiche Handelsstadt, sondern es ist die ruhigste und friedfertigste Stadt der ganzen Türkei, eben weil die Juden in der Mehrheit sind. Welch ein glänzendes und unwiderlegbares Argument bildet das nicht für die Beweisführung der Ziö-

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