Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 23 (9.6.1899)
- Article
- Unsere Colonien
- Date
- 1899-06-09
- Page
- 7 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 7 Ar- 23 „Die H Welt“ zucht. Erzeugt wird der vorzügliche Orangen- und der etwas minderwertige Thymianhonig. Davon wird ausser den im Lande verbrauchten Quantitäten ein Th eil nach Hamburg und Aegypten exportiert. Ekro n, mit einem Bodenausmass von 400 Hektaren, treibt neben Ackerbau auch Pflanzung; sein Bestand sind ca. 15.000 Fruchtbäume. Die Colonisten sind zumeist von Bussland ein gewandert. Katra ist eine kleine Colonie ohne ausgesprochenen Charakter, die Getreide, etwas Wein und Fruclitbäume pflanzt. Ihr Bodenausmass beträgt 250 Hektar. Rechoboth ist eine selbständigePflanzercolonie, in der nur einige Colonisten Unterstützungen seitens der T. C. A. gemessen. Sie ist ausschliesslich Weinland, 955 Hektar, wovon jedoch kaum die Hälfte bepflanzt ist. Als Vorsteher der Colonie füngiert Herr L e w i n - E p s t e i n, der auch in Wiener Zionistenkreisen bekannt sein dürfte, und der in der Art, wie er die Colonie verwaltet, derselben die richtige Verfassung zu geben verstanden hat. Kastinia, ursprünglich eine vom Baron Rothschild angekaufte Farm, wurde dann von der Chowewe Zion übernommen und mit russischen Juden, sowie Abiturienten von Mikweh-Israel besiedelt. Von einer Gründung durch den Berliner Verein „Esra“, wie Di*. Hildesheimer in Wien betonte, ist hier nichts bekannt. Auch der angegebene Ertrag der Colonie von Mk. 3000 dürfte nur irrduunlieb so niedrig angenommen worden sein. Was käme denn da auf eine der ca. 20 Colonistenfamilien? Das Bodenausmass ist ca. 600 Hektar und der Charakter der Colonie leein ausgesprochen landwirtschaftlicher. Samariu oder Sichron-J akob ist die grösste aller Colonien. Ihre Colonisten sind fast durchgebends Einwanderer aus Rumänien, und ihr Boden — 2000 Hektar — ist ausschliesslich zu Weinbau verwendet. Die Colonie selbst macht den Eindruck eines kleinen Städtchens und besitzt •inen gleichen Keller wie Rischon und ein nach der Art europäischer Consumvereine eingerichtetes Unternehmen, die Depots generaux. Die Zufahrt erfolgt von Haifa aus. Das Heamtenpersonal ist ungefähr gleich gross wie in Rischon. durchwegs unter dem Regime des Barons R o th s c hi 1 d. C h e d e r a ist eine selbständige Colonie, die auch erst ui dem letzten Jahre von der J. C. A. einige Unterstützungen erhielt. Das Bodenausmass von 2700 Hektaren gestattet Ackerbau. Daneben wird Wein gepflanzt und auch Orangengürten wurden in Chedera angelegt. Unter Leitung des Dr. Soskin stehen 1000 Dunau Boden, die seinerzeit von Dorsche Zion“ angekauft wurden. Leider ist die Colonie von drei Sümpfen, „Bassen“ genannt, eingeschlossen, so dass im Sommer die Gesundheitsverhältnisse nicht die besten sind. Man hat daher an dem naheliegenden Strande dir die Colonisten Baracken erbaut, in denen sie den Sommer über wohnen werden. Chedera dürfte in Bezug auf seine Bodenverhältnisse eine der blühendsten Colonien werden. P e t a c h-T i k vv a h, so das richtige jüdische Bauerndorf, hat einen Bodenausmass von 1360 Hektaren und beherbergt ca. 200 Familien. 3300 Dun an sind Weinland, und 800 Dun an sind „Bajaren“ (Orangengärten), die .sich jedoch von Tag zu Tag vermehren. Das Uebrige ist für Gersten- und Weizenanbau bestimmt. Gleich am Anfänge von Petach-Tilcwah lallt ein wunderschön angelegter Orangengarten auf, der im Besitze eines Wiener Zionisten ist. Die Colonie eignet sich ganz besonders für die Anlage von Orangengärten, weil man schon bei einer Tiefe von 4—5 Metern auf Wasser stösst. Und in Rischon musste man zum Beispiel 5*4 Meter graben. Ferner wird in der Colonie sehr viel Geranium rosa gepflanzt, dessen Destillat zur Verfälschung von Rosenöl und auch zu medicinischen Zwecken verwendet wird. Aus 150 Kilogramm der Pflanze werden 100 Gramm Destillat gewonnen. Auch die Anlagen der Olivenbäume sind in Petach-Tikwah ziemlich weit gediehen. (Fortsetzung folgt.) Der Zionismus in Frankreich und England. Von Marcel Weismann, London. Vor gerade einem Jahre habe ich in diesem Blatte über den französischen Zionismus geschrieben : „Der Zionismus in Frankreich ist noch eine Luxuspflanze, die einer grossen Sorgfalt bedarf, wenn sie blühen und Früchte tragen soll; noch einige Jahre, und Drumont und Consorten werden ihn zu einer Nahrungspflanze umgewandelt haben, die man nicht entbehren kann.“ In einernfgewissen Sinn hat sich dieses bewahrheitet. Ueber I' affaire sind die französischen Juden sich bewusst geworden, dass sie trotz ihres glühenden Wunsches doch nicht als Franzosen angesehen werden. Ungeachtet des günstigen Milieus und des religiösen Indifferentismus, in dem sie lebten, trotz der äusseren Gleichheit in Gesichtsbildung und Haarfarbe sind die Assimilations- Politiker Frankreichs mit all ihrer Klugheit an dem einen gescheitert, dass das Völkerconglomerat, das sich heute Franzosen nennt, nicht gewillt ist, die Juden in sich aufzunehmen. Der Durchschnittsfranzose, der sich meist einen Pfifferling um Religion bekümmert, will nichts mit der semitischen Rasse, nichts mit der jüdischen Nation zu thun haben, die er ob mit Recht oder Unrecht, bleibe dahingestellt. für inferior der arischen erachtet. Das Uebel für die Assimilationsjuden besteht nun darin, dass sie die Rasse und Nation nicht gleich der Confession durch einen Act über Bord werfen können; sie müssen, ob sie wollen oder nicht, Juden bleiben und müssen für ewig die Parias der französischen Gesellschaft sein, in der sie oder wenigstens ihre Kinder durch clas Mittel des confessionslosen Staates und infolge der allmähligen Blutvermischung aufzugehen bestrebt waren. Denn der Assimilatonssueht der Herren Vogel-Strauss- PoLUiker darf man nie, wie es manchmal von ihnen allein geschieht, Emancipation .substituieren; sie wollen nur dem Juden sein eigenes Wesen nehmen und ihm das fremde Wesen des Landes geben, in dem er wohnt; sie hätten ihren Endzweck für erreicht betrachtet, wenn sie z. B. zwei Drittel der jüdischen Nation in den weit unter ihrer Bildungsstufe stehenden „Mujik“ verwandelt hätten. Es ist ihnen ganz und gar nicht um die (Zivilisation der Judenheit, welche Civilisation sie diplomatisch bisweilen in den Vordergründ stellen, zu thun: sie wollen einzig und allein den Juden unkenntlich machen. In Frankreich war es ihnen auch zum grossen Theil gelungen: da kam die Dreyfus-Aftäire, und der schöne Traum war zu Ende geträumt. Was stets der Fall war. trat auch hier ein: das jüdische Individuum Dreyfus machte man zum jüdischen Typus, und Drumont, Judet und Roehefbrt wiesen allen Hausmeistern von Paris und bornierten Provinzialen mit einer Gelehrsamkeit, die dieser Rotte ganz würdig ist, nach, dass das ganze jüdische Volk, da Dreyfus erwiesenermassen ein Verräther sei, aus Schwindlern und Verräthern bestehe. Diese verleumderische Presse mit dem perfiden Grundsatz : „semper aliquid haeret“ wusste in verschiedenen Tönen und Varianten diesen logischen Unsinn zu wiederholen, bis der Mob von Paris und Algerien, der aus Indolenz gerne Gemeinplätze und fälsche Schlüsse für Wahrheiten nimmt, daran glaubte. Und es waren über die Juden Frankreichs schwere Tage gekommen. In der Stadt des Lichtes herrschte die Dunkelheit, da sie von Schwarzhüten am Gängelbande geführt wurde. Ausser einigen Kleinigkeiten, wie An spucken und Durchbläuen einiger Juden