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Die Welt · 1899-06-09 · 23 (9.6.1899) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
23 (9.6.1899)
Article
Unsere Colonien
Date
1899-06-09
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Sette 6 „Die H Welt“ Nr. 2 3 weii der durchschnittliche Bodenbesitz der Colonisten zwischen 50—100 Dunan ihm hei Ackerbau nicht den nöthigen Ertrag ab werfen würde. Um Ackerbau-Colonien in der richtigen Weise zu schaden, müsste der Bodenbesitz des Einzelnen 4—500 Dunan betragen. In wirtschaftlicher Hinsicht unterscheidet man wieder selbständige Colonien und solche, die von einer oder der anderen Seite Unterstützungen empfangen. Ueber diese Art der Unterstützungen will ich nur einiges bemerken. Die Colonien, die ursprünglich von einzelnen Ansiedlern mit ungenügenden Mitteln gegründet wurden, geriethen alsbald in Verlegenheiten. Da war es in erster Reihe Baron Edmond Rothschild, welcher sich dieser bedrängten Colonien annahm und dieselben unter seinen Schutz stellte. Die den Colonisten gewährten Unterstützungen waren ausgesprochene Acte der Wohlthätigkeit. Aus dem gewiss edlen Vorgehen des Einzelnen entstand aber Methode, und noch heute sind all die Colonisten, welche Unterstützungen gemessen, ausgesprochene Kostgänger der Wohlthätigkeit. Das müsste jedoch nicht sein und entspricht auch nicht dem inneren Willen des Einzelnen. Die Ursache ist zum Theil in den leidig'enBodenbesitzverhältnissen zu suchen. Die wenigsten unter unseren Colonisten besitzen nämlich über das Stück Land, das ihr Eigenthum, ein amtliches Do cum ent, einen „Koschan“, sondern gewöhnlich nur von dem ursprünglichen Eigner des Bodens, der ihn in grösserem Ausmasse erworben, ein nicht amtliches, höchstens von rabbinischer Seite gefertigtes Schriftstück. Brauchte nun ein Colonist im Laufe der Zeit Geld für seine Wirtschaft, so war er vor die Alternative gestellt, entweder an die Wohlthätigkeit einzelner Personen zu appellieren, gleichzeitig aber seine Selbständigkeit als Colonist aufzugeben, oder Wucherhänden anheimzufallen. Die Landesbankgn in ihrer Gleichgiltigkeit gegen jüdische Interessen hatten keinen Anlass, darüber nachzudenken, in welcher Weise Hypothekarcredite gesichert, auch ohne amtlichen Besitzschein zu gewähren wären. Die Verhältnisse blieben daher in dieser Hinsicht bis heute ziemlich traurige, und erst der auch in Colonistenkreise gelangte Prospect unserer Bank liess sie eine bessere Zukunft erhoffen. Der weitaus grösste Theil unserer Colonisten treibt ja, wie bekannt, Weinbau. Die Weinproduction in halbwegs grösserem Stile ist in Palästina infolge der klimatischen Verhältnisse des Landes an gewisse Bedingungen geknüpft: In erster Reihe an einen tiefen, mit allen modernen Einrichtungen versehenen Keller. Weinkeller, wie wir sie überall in Europa zu sehen gewohnt sind, würden hier ihren Zwecken ganz und gar nicht entsprechen. Unsere Colonien, durch ziemliche Entfernungen von einander getrennt, haben nun im ganzen zwei Keller, einen in Rischon le Zion, den anderen in Sichron- Jacob, die beide Eigenthum des Baron Edmond Rothschild sind. Die Colonisten sind also gezwungen, ihre Trauben dorthin zu bringen, und auch zu dem Preise abzugeben, der ihnen von der Administration dafür notiert wird. Einen anderen Ausweg haben sie nicht. Der Curiosität halber notiere ich die im Vorjahre für Trauben gezahlten Preise: Per Cantar — 300 kg. billigste Sorte f. gewöhnliche rothe Tischweine Eres. 25.— f. süsse Roth weine (Alicante) „ 35.— f. süsse Weissweine „ 50.— f. ff. Roth weine „ 60.— Wenn nun in absehbarer Zeit jede grössere Colonie, die Weinbau treibt, auch einen genossenschaftlich erbauten Keller besitzen wird, werden wohl die Verhältnisse in dieser Richtung eine Wendung zum Besseren nehmen. Die anderen Pflanzungen in den Colonien sind noch nicht von grosser Bedeutung. Ich berichte darüber bei Beschreibung der einzelnen Colonien selber. Viehzucht haben wir in den Colonien fast gar nicht. Denn die Pflanz er colonien haben zu wenig Futter, um eine wesentliche Erhöhung des Viehstandes über das minimale Mass eigenen Bedarfes zuzulassen. Aus all dem lässt sich leicht ersehen, von welch eminenter Bedeutung das Wirken der Bank für unsere Colonien werden dürfte. An Stelle der Wohlthätigkeit wird ein neues Element treten, das aus dem Leben des Volkes selber wieder Kraft und Förderung spendet. Die rechtliche Grundlage, wie sie der politische Zionismus erstrebt, ist die einzige, die einen gesunden Aufbau colonisatorischer Thätigkeit erwarten lässt. Die bisherigen Colonien waren Treibhauspflanzen, die nur künstlich gediehen. Ihren Zweck haben sie nur in der Weise erfüllt, dass sie der Welt die Tauglichkeit und den eisernen Willen unserer Brüder zur Arbeit und den ungläubigen Europaschwärmern die Möglichkeit bewiesen, Palästina wieder ungeahnter Blüte zuzuführen. Auf die Colonien selbst übergehend, will ich, der Bedeutung nach, zuerst die von Judäa erwähnen. Rischon 1 e Zion, mit einem Bodenausmass von 500 Hektar, wird von ca. 120 Familien, darunter 70 Colonistenfamilien, fast durch gehen ds russischer Herkunft, bewohnt. Die Anlage Rischons lässt auf den ersten Blick die opferwillige Hand des Milliardärs erkennen. Rischon besitzt einen prachtvollen Park, ein Volkshaus mit einer Bibliothek, einen grossen, schönen Tempel und mit allem Comfort ausgestattete Gebäude für die Beamten. Die Colonisten haben sich bei einiger Wohlhabenheit im Bau ihrer Häuser dem vornehmen Milieu ziemlich angepasst, so dass der Charakter des Bauerndorfes, als das es vielleicht ursprünglich geplant war, ziemlich verloren gegangen ist. Der schon des öfteren und von verschiedenen Seiten beschriebene Keller Rischons weist alle Errungenschaften moderner Kellertechnik auf und steht mit einer ebenfalls gut eingerichteten Fassfabrik und mechanischen Werkstätte in Verbindung. Naturgemäss sind alle im Keller und den Werkstätten Beschäftigten Juden. Mit seinem Sandboden ist es eine ausgesprochene Pflanzercolonie, die hauptsächlich Weinbau treibt. Nebenbei finden wir ca. 10.000 Maulbeerbäume und einige wenige Mandelbäume. Ein Colonist, der einen Esrogimgarten pflanzte, soll es zu ansehnlichem Wohlstände gebracht haben. Ein Orangengarten ist im Parke von Rischon selbst angelegt und Eigenthum des Barons. Der Verkehr der Colonisten in Rischon untereinander ist ein sehr geselliger. Jeden Samstag abends versammelt sich alles im Volkshause, wo es gewöhnlich nach einem Vortrage über ein die Landwirtschaft betreffendes Thema und einer politischen Wochenrevue durch irgendeinen Colonisten bei den Klängen einer elegant uniformierten Colonistenkapelle dann ziemlich lustig hergeht. Ackerbau und Viehzucht hat Rischon gar nicht. Das Futter für das wenige Vieh, meistens Gerste, muss aus Gaza von Arabern gekauft werden. Rischon le Zion, das fast ganz unter dem Regime des Barons Edmund Rothschild steht, hat einen grossen Beamtenstab, dessen Thätigkeit auf die verschiedenen Zweige der Administration vertheilt ist. Desgleichen hat ein Rabbiner, der in culturellen Angelegenheiten die Oberaufsicht über sämmtliche Colonien führt, seinen Sitz in Rischon le Zion. Weiters stehen den Colonisten Arzt und Apotheke gratis zur Verfügung. Wad e 1 Chanin, mit einem Bodenausmass von 136 Hektaren, ist eine selbständige Pflanzercolonie, die erst im letzten Jahre von der J. C. A. gestützt wurde. Die Beschäftigung ist fast ausschliesslich Weinbau. Nur ein Orangengarten wurde noch angelegt, und ein einzelner Colonist, dessen Besitz etwa 200 Stöcke betragen dürfte, treibt Bienen-

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