Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 22 (2.6.1899)
- Article
- Die Gemeinbürgschaft
- Date
- 1899-06-02
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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-Ne. 22 „Die A Welt“ Seite 5 findet ein deutscher Volkstag oder sonst so etwas statt, bei dem eine Einigung und Verbrüderung des deutschen Volkes offenbar wird, weil man es nicht mehr nöthig findet, wegen des bisherigen Zankapfels zu streiten. Nur das merkt jeder, der sich so ein Fest ansieht, dass man da einen neuen Bund geschlossen hat, in dem ein Jude schlechterdings nichts zu suchen hat. Und der jüdische Journalist Finger (ich kenne keinen dieses Namens), von dem man doch erwarten würde, dass er jetzt seinen grossen Irrthum erkennen und seine deutsch-fortschrittliche Feder zerknirscht zerbrechen wird — Finger eilt ganz entzückt auf das Telegraphenamt und berichtet seinem Blatte in einer frohlockenden Depesche, dass das deutsche Volk endlich einig ist, dass es endlich gelernt hat, . . . . u. s. w. So lächerlich das auch ist, wir können dabei doch nicht frei auflachen. Denn dieser schon beängstigenden Anpassungsfähigkeit kann man seit der Bildung der deutschen Gemeinbürgschaft täglich begegnen. Die jüdische Colonialbank. Nach Londoner Berichten, schreitet die Arbeit der Eintragung der Shares auf den Zutheilungsbogen rasch vorwärts. Das Local der Bank reichte für diese enorm umständliche Arbeit nicht aus, es mussten noch andere Bureaux hinzugenommen und das Beamtenpersonal vermehrt werden. Jetzt besteht die Erwartung, dass zwischen 15. und 20. Juni diese Arbeit beendet sein und das Directorium zur Zutheilung der Shares schreiten wird. Ein dreissigjähriger Krieg. Von Julius Gabel — Budapest. Als im Jahre 1868 der damalige bedeutende Cultusminister Ungarns, der berühmte Dichter und Staatsmann Baron Josef v. Eötvös, auf Drängen eines Theiles der ungarischen Judenlieit, zur Sanierung ihrer inneren Uebelstände das gesamrnte ungarische Israel zu einem Gongresse einberief, da sonderte sich diese Judenlieit sogleich in zwei, diametral entgegengesetzte Elemente: in die Reformer und die Orthodoxen. Jene wollten aut religiösem Gebiete die weitgehendsten Neuerungen, während diese mit zäher Consequenz auf dem Boden der Tradition verharrten, und so begann der grosse und verheerende Kampf, dessen Facit vor der Hand dies war, dass dem in Ehren ergrauten „Schulcha n A r u c h" die Reformsüchtigen hart zu- und selbigen ziemlich unsanft vor die Thür setzten. Der glaubens- und traditionstreue Theil setzte sich diesem Attentate gegenüber zur Wehr und wandte sich in vielen hundert Petitionen an den Reichstag und bat um Schutz und Hilfe gegen die Vergewaltigung ihrer Gewissensfreiheit. Der ungarische Reichstag, in der denkwürdigen Sitzung vom 18. März 1870, sprengte auch mit einhelligem Beschlüsse auf Antrag des Weisen der Nation, Franz D e a k, die vom Gongresse geschmiedeten Seelenfesseln, indem er die Unverbindlichkeit der Congress- Statuten aussprach und die separate Gonstituierung der Orthodoxen und Neologen gestattete. Diese letzteren constituierten sich auf Grund der Congressarbeiten, jene auf Grund eines im Jahre 1870 angenommenen und auch von Sr. Majestät sanctionierten Statutes. So entstand in Ungarn die orthodoxe und n e o 1 o g e Partei, und diese Secession wurde die Quelle so vieler Bitternis, so heisser Kämpfe und zerstörenden Bruderhasses, und bildete ein schweres Hindernis für die Entwicklung der ungarischen Judenheit, Da standen sich Vater und Sohn, Bruder und Bruder als erbitterte Feinde gegenüber, sobald zwischen ihnen Differenzen religionsparteiischer Natur obwalteten, und nicht selten bot sich der Oeffentlichkeit das ergötzliche Schauspiel dar, dass Reichstagsabgeordnete jüdischer Gonfession coram publico, angesichts des ganzen Landes, ihre jüdischen Brüder in schändlichster Weise beschimpften, und sie als unpatriotische, jeder Ordnung abholde, den ungarisch-nationalen Bestrebungen feindlich gesinnte Finsterlinge darstellten. Es geschah gar oft, dass die eine Partei den Gottesdienst der anderen mit Zuhilfenahme der Polizei, der Panduren und des Stuhlrichters störte, die betenden Brüder mit Brachialgewalt auseinander jagen liess, und im Bewusstsein, ^ine edle, gottgefällige und menschenwürdige That vollführt zu haben, sich dieses Erfolges noch freuen konnte. Die zwei Parteien werden von zwei Kanzleien repräsentiert: der orthodoxen Durchführungs-Commission und der neologen Landeskanzlei. Die beiden Kanzleien, welche nunmehr, da beide Parteien der vielen Kämpfe müde sind und gerne Frieden schliessen möchten, die Rolle der stets unzufriedenen, stets grollenden und intriguierenden Schwiegermutter spielen, verzehren eine immense Summe von jenen Geldern, welche eigentlich zur Förderung der Cultur der ungarischen Juden bes'immt wären. Bekanntlich brandschatzte der österreichische General Hayn au die ungarischen Juden wegen ihrer Theilnabme an dem ungarischen Freiheitskampfe mit einer Million Gulden, welche Summe aber nach Herstellung des Landesfriedens unser allergnädigster König in einen Fond für Schulzwecke der ungarischen Juden verwandelte. Die Erträgnisse dieses Fonds, welche doch ihrem eigentlichen Zwecke zugeführt werden sollten, absorbieren nun die beiden Kanzleien, die ebenso nothwendig sind — wie eine der fühlenden Persönlichkeiten der Neologie treffend bemerkte — als das Unkraut auf einem gut bebauten Felde. Wie schon erwähnt: das in langem Kampfe völlig ermüdete ungarische Judenthum lechzt bereits seit Jahren nach den Segnungen des Friedens. In seinem Interesse bemühen sich hervorragende Persönlichkeiten aus beiden Lagern, und im Dienste dieser edlen Idee steht auch die „Ungarische Wochenschrift“. Eine Capacität innerhalb des Judenthumes, wie Martin Schweiger, der Präsident der Landeskanzlei, der trotz seiner amtlichen Beziehungen zur Neologie von allen ungarischen Juden, welcher Fraction sie auch angehören mögen, wegen seiner menschlichen Eigenschaften hoch geachtet und verehrt wird, betonte schon mehrmals die Nothwendigkeit, die beiden, den Hader verwirrenden Kanzleien zu sistieren. Die Reiehstagsabgeordneten Moritz M e z e i, Paul Men d'e 1, Franz G h o r i n und Armin Neumann, ja sogar von orthodoxer Seite der berühmte Gelehrte, Rabbiner Salomon Schück und noch viele andere bemühen sich schon seit Jahren im selben Sinne. Jedoch die Männer der Kanzleien bewachen mit Argusaugen die Pforte der Zwistigkeitshölle, dass ja nicht die Friedenstaube hineingelange. Bei derTheilung im Jahrel868 geschah es, dass ein beträchtlicher Theil der Juden sich weder der einen, noch der anderen Richtung anschloss, sondern als „status quo ante “-Gemeinde verblieb, wahrscheinlich weil er die Trennung als eine vorüberziehende, momentane Erscheinung betrachtete, noch mehr aber, um an dem Frevel der Zweitheilung der Juden keinen Antheil zu haben.