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Die Welt · 1899-06-02 · 22 (2.6.1899) · p. 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
22 (2.6.1899)
Article
Die Gemeinbürgschaft
Date
1899-06-02
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 22 Sette, 4 „Die p. Welt“ wurde im Jahre 1880 gegründet. Wer unsere jüdischen Stammesgenossen kennt, wird sich aus ihren guten und aus ihren schlechten JEigenschäften leicht erklären können, dass der Deutsche Schulverein sehr bald stark „verjudet" war. Das störte. Und es störte hauptsächlich, weil der Verein überall gesellige Unterhaltungen zugunsten seiner Gasse veranstaltete, Theater, Bälle, Concerte u. s. w., bei denen sich dann die Juden „sehr breit machten.“ Die guten Deutschen im neuen Sinn hätten gerne mitgethan, aber ohne jüdische Gesellschaft. Da hat es denn einen merkwürdigen Kampf gegeben. Die Deutschnationalen hätten ja in kurzem Wege den Schulverein erobern können, wenn sie in Massen eingetreten wären. Aber sie traten lieber aus. Erst die Juden hinaus. Dann wollten sie kommen. Anders passte es ihnen nicht Wenigstens wollten sie mit den Juden nicht in denselben Ortsgruppen sein. Weil es nach den Statuten an jedem Orte nur eine Vereinsgruppe geben konnte, und weil fast an jedem Orte Juden in dieser Gruppe waren, blieben die Deutschnationalen dem Schulvereine ferne. Von innen also, durch ihre Stimmenmacht bei den jährlichen Hauptversammlungen konnten sie wegen dieser Abstinenz den Verein nicht erobern. Und so blieb der grosse deutsche Schulverein, ein ewiger Anachronismus, liberal. Man hat ihn und seine Wiener Hauptleitung die Jahre hindurch verhöhnt und beschimpft, und sein Obmann, der bekannte Herr Dr. Moriz Weitlof, ist dabei nicht leer ausgegangen. Man hat eine ganze Reihe gut nationaler Schutzvereine gegen den älteren Verein ausgespielt. So hat zuerst Schönerer seinen allerdings kurzlebigen „Schulverein für Deutsche“ gegründet, dem aber dann mit besserem Glück die „Nordmark“, die „Südmark“, die Bünde „der Deutschen Nordmährens“, „der Deutschen Südmährens“ und noch andere gefolgt sind. Der deutsche Schulverein aber wurde immer unansehnlicher und hatte schon eine sehr traurige Gestalt. Bis er jetzt den Deutschnationalen ganz ohne Kampf und Sieg zugefallen ist — als eine reife Frucht. Weil sein Sträuben doch schon ganz widersinnig war. Am Tage dieser Hauptversammlung brachte die „Ostdeutsche Rundschau“ in ihrem Leitartikel den Satz: „Heil und Sieg wünschen wir jenen deutschen Volksgenossen, ' die in Troppau bemüht sind, den ältesten deutschen Schutz verein, den deutschen Schulverein, aus den verfahrenen Bahnen judenliberaler Politik zurückzulenken auf den Weg, der zum Herzen des deutschen Volkes führt.“ Wer bei dieser Hauptversammlung im Troppauer Stadttheater anwesend war, der weiss, dass die Bemühung um diesen Sieg keine Mühe war. Der Obmann der deutschen Fortschrittspartei im Wiener Parlament, Abg. Dr. Gross, hat über den betreffenden Antrag der wenigen schon deutschnationalen Ortsgruppen referiert und ihn wärmstens zur Annahme empfohlen. In der Versammlung gab es doch noch einen sonderbaren Kauz, den Vertreter der Ortsgruppe in Göding, der sich gegen die den Antisemiten gefällige Statutenänderung aussprach. Aber er sagte ganz kurz, dass er nur dagegen stimme, um seinen Standpunkt zu wahren. Er sieht wohl, wie er ziemlich allein dasteht und wie die ganze Stimmung der Versammlung sich deutlich für den Antrag ausspricht. Das war die „Debatte“. Bald darauf wurde die Aenderung ohne die langweilige Zettelzählung beinahe einstimmig angenommen, und es gab nur ein brausendes Heil im ganzen Hause. Das von der Stimmung aber war ein treffendes Wort. Die ehemals feindlichen Brüder konnten sich gegenseitig nicht genug anjubeln, weil man die Verständigung endlich gefunden hatte. Wie man während der Troppauer Festtage hören konnte, haben die graubärtigsten Deutschfortschrittlichen den „Heilgruss“ erlernt, der ja auch ein Symbol des guten Deutschthums im neuen Sinne bedeutet. Sie hatten überhaupt alle Zuvorkommenheiten der heimgekehrten Brüder. Die Herren, von der Wiener Hauptleitung des deutschen Schulvereines Regierungsrath Dr. Mare sch, Abg. Dr. Gross, Dr. Weitlof, Dr. von Kraus, lauter „alte Liberale“, Hessen es nicht daran fehlen. Sie machten den oben genannten nationalen Schutzvereinen ihreComplimente, sie apostrophierten ganz besonders das nationale „Fähnlein des Schulvereines in dieser Stadt, die hiesige deutschnationale Ortsgruppe „Theodor Körner“. Sie deuteten ganz schüchtern das überwundene Missverständnis an, und sie begrüssten es, dass man endlich die einigende Form gefunden hatte. Nur vergassen sie dabei, dass sie von derselben Form jahrelang nichts wissen wollten. So geht es eben. Das kann nur durch eine Verwandlung in den Grundanschauungen bewirkt werden. Es haben sich eben die ältesten Liberalen, ohne dass sie selbst sagen konnten, wie das gekommen ist, zum neuen Begriff vom guten Deutschthum bekehrt. Man wundert sich dann über den vergangenen Kampf, weil man ja doch eigentlich eines Sinnes ist. Man drückt sich dabei die Hände und lacht sich recht tüchtig aus, wie man das nur hat so ernst nehmen können: Solche „Geringfügigkeiten“, wie der deutsch-nationale Bürgermeister Dr. Krommer am Begrüssungsabend sagte. Während der festlichen Tagung des deutschen Schulvereines in Troppau zeigte es sich deutlich, dass die gewisse exclusive Auffassung des Deutsch thums schon ganz selbstverständlich und allgemein ist, und es fällt niemandem mehr ein, darüber zu streiten. Armer Auerbach! Wie ich nach der Versammlung an der Theaterfapade den Spruch „Heil der deutschen Schule“ las, musste ich an ihn denken. In seinen Geschichten macht man so viele deutsche Lehrer-, Sänger- und Turnerfeste mit, und in jedem seiner Dörfer zeigt er immer auf eine kleine Anhöhe, wo der Kirche gegenüber die Schule des Ortes steht. Das alles hatte bei ihm eine symbolische Bedeutung. Und in dieser zu einem deutschen Schulfeste beflaggten Stadt musste ich wieder an ihn denken. Er war im Irrthum. Er hat sich getäuscht mit seiner grossen Liebe, wie sich so viele in unserem Volke bis zu den kleinsten und unbekanntesten hinab bitter getäuscht haben. Wir aber erkennen das heute ohne jede Melancholie. Denn auch an uns ist Wandel geschehen. Wir wissen heute, woran es uns gebricht. Der Antisemitismus war allerdings das Motiv zu dieser Erkenntnis. Aber heute steht es schon fest in uns, dass die Noth unseres Volkes sich nicht in dem Leid erschöpft, das ein fremder Hass ihm anthün kann. Eine alte Sehnsucht unseres Volkes hat sich in unseren Tagen verjüngt, und das neue Wissen dieser Zeit hat uns die alte Sehnsucht erklärt: Es hat sich darin immer derlnstinct unserer Rasse ausgedrückt, bis wir endlich dahin gekommen sind, wirklich das zu erstreben, was uns fehlt. Und dieses Streben füllt uns heute aus. Das macht, dass wir dem Judenhass unbefangener gegenüberstehen. Es schmerzt uns, wenn wir noch immer aus aller Welt, über die neuen alten Leiden unseres Volkes, über Judenexcesse und Kränkungen berichten müssen. Aber es schmerzt uns um der Leidenden willen. Für die Zukunft unseres Volkes aber sind wir voll Hoffnung. Wenn wir die Aeusserungen des Antisemitismus verzeichnen, so muss man nicht glauben, dass wir damit unseren Zionismus begründen wollen. Der hat tiefere Wurzeln. Wohl aber wollen wir dadurch unseren Volksgenossen, die noch im alten Wahn leben, sagen, dass sie die Augen aufmachen sollen. Weil ihre Rolle ja manchmal eine gar zu klägliche ist. Man denke nur, ob es nicht geradezu ein Schulbeispiel für die Theorie des Lächerlichen ist, wie manche Juden von der jetzigen Verbrüderung der Deutschen reden. „Der Ursprung des Lächerlichen“, sagte Schopenhauer, „ist allemal die paradoxe und daher unerwartete Subsumption* eines Gegenstandes unter einem ihm übrigens heterogenen Begriff.“ Und man prüfe diesen Satz an folgendem Beispiel: In Karlsbad oder in Eger oder in Troppau

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