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Die Welt · 1899-05-26 · 21 (26.5.1899) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
21 (26.5.1899)
Article
Jacob mit dem Tragatsch
Date
1899-05-26
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. LI „Die Welt“ Seite 15 Wir sehen Jacob auch in dieser seiner Eigenschaft als Nachtwächter vor uns. Wie hat er sich in kalter Winterszeit treulich für die Stadt gemüht, deren nächtliche Sicherheit ihm an vertraut war. In einen grauen Burnus gehüllt, schlotterte er über den Marktplatz, den nur selten die brennenden Laternen, häufiger die Sterne oder der frisch gefallene Schnee beleuchteten. Die Nächte waren rauh, und Gertrud hatte ihren Gatten vor den Unbilden des Wetters zu schützen gesucht, indem sie ihm die Hände in „Stützein“ (Pulswärmer) und Fausthandschuhe steckte. Und wäre es nur die Kälte gewesen! Doch bald hatte Jacob Zahnweh, und dann band Gertrud dem Gatten ein weisses Tuch um die Wangen, oder er hustete, und sie packte ihn in alle Shawls der Welt. Diese nächtliche Thätigkeit Jacobs griff störend in seine ehelichen Freuden ein, fast in sein häusliches Glück. Und begab er sich denn, wenn er von den nächtlichen Inspectionen heimkehrte, so ohne weiters zu seiner Gertrud, die nicht einschlafen konnte, so lange sie sich nicht der unversehrten Heimkehr ihres Jacobs versichert hatte? Er musste zuerst nach den Gänsen schauen. Die Industrie der Gänsemast war weit verbreitet; ja, sie bildete in dem Städtchen, das sonst wenig Ressourcen hatte, für viele kleine Leute eine Quelle der Einnahmen. Die Gans, die am Montag auf dem Wochenmarkte vom Bauer erstanden ward, wurde sehr gegen ihren eigenen Willen mit türkischem Weizen, Kukuruz genannt, gefüttert, vielmehr überfüttert. So bekam man auf künstlichem, um nicht zu sagen barbarischem Wege viel Fett und insbesondere eine fette wohlschmeckende Leber. Auch unser Jacob culti vierte in Mussestunden dieses Gänsestopfen. Noch bei später nächtlicher Rückkehr pflegte er nach den Nachkommen jener Thiere zu schauen, die einst das Capitol gerettet. Hätte er die Geschichte Roms besser gekannt, er würde die Gänse mitleidsvoller behandelt haben. Nicht ohne Grazie aber kauerte er da, wenn er so, fast im Zwiegespsäche mit der Gans begriffen, deren Seele er ergründet zu haben schien, mit voller Hand die gelben Körner in ihren aufgesperrten Schnabel schüttete. Jacobs Nachtruhe währte gewöhnlich nur kurz. Schon am frühen Morgen war er wieder auf den Beinen, und musste er nicht gerade an die Arbeit, so machte er sich zum Gotteshause auf, wo er, bescheiden wie er war, ganz im Hintergründe, im Schn orrerwinkel, Fuss fasste. Dort freilich hatte er sozusagen eine führende Stimme, denn durch sein lautes, wenn auch näselndes Amen übertönte er seine Umgebung. Dieser Gang zum Gotteshause pflegte ihm schon die ersten Kümmernisse des Tages zu bringen. Sein Vis-ävis, der Kleinbürger Pavlik, dessen Haus hart an das Gemeindehaus stiess, hetzte alle Hunde gegen Jacob. Und nicht, als ob er etwa von dem sanften Manne mit dem Tragatsch Beleidigungen erfahren hätte — es genügte vielmehr Pavlik, in dessen harter Brust kein Funke von Duldsamkeit loderte, dass Jacob sich nicht zum selben Glauben wie er bekannte, um ihn zu beschimpfen und zu verhöhnen. Pavlik provocierte so ohne allen Grund. Nicht einmal der Umstand, dass er ein enragierter Parteigänger der czechischen Bewegung war, die in dem gemischtsprachigen Städtchen ihre mächtigen Wellen trieb, konnte ihm die Beleidigungen eingeben, mit denen er Jacob bedrängte. Dieser nämlich war nicht nur des Deutschen wie des Czechischen mächtig, das er in einem eigenen Jargon sprach, sondern gieng gar so weit zu behaupten, dass die Slaven toleranter wären als die Deutschen. Von deutschen Demonstrationen hielt sich Jacob entschieden fern — die deutschnationale Bewegung der letzten Jahre, das ewige Heilrufen war ihm nicht weniger antipathisch als die Aufzüge und Umzüge der Sokols und der Beseda mit ihrem Nazdar-Schreien. (Schluss folgt.) Die Ooldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (49. Fortsetzung.) Dr. David war in dergleichen Grübeleien versunken, als er im Vorgärtchen rasche Schritte und gleich darauf die tiefe Stimme des Pfarrers mit einem fremden Manne unterhandeln hörte. Da unterbrach die alte Magd ihren Brotherrn mit der Meldung, ein Gast warte seiner in der Stube. „Ich weiss, ich woiss,“ vernahm David ganz deutlich, wie der Geistliche die Bedienerin abfertigte und, sich wieder an seinen Begleiter wendend, fortführ: „Nein — nein! Geben Sie sich keine Mühe! Es bleibt dabei! Diesmal werde ich Sie nicht zur Wahl in den Vorstand vorschlagen! Das fehlte mir gerade, dass jeder Lump in der Stadt mir ins Gesicht sagen dürfte, ein Mitglied des St. Georg-Vereines schickt ein krankes Kind arbeiten, um selbst eine Tanzunterhaltung aufsuehen zu können.“ Eine andere Stimme murmelte einige unverständliche W orte. David war inzwischen an das Fenster getreten und sah den Pfarrer, der einen Fuss bereits auf die Schwelle den Drücker in der Hand, an der Hausthüre stehen. Die schwarze Soutane war durch clie Biegung des Knies emporgehoben und liess den grossen, in plumpen Stiefeln steckenden Fuss frei, der ganz dazu geartet schien, festen Boden zu fassen. Nie war die Aehnlichke.it Josefs mit seinem Oheim Georg Holzer dem Arzte mehr aufgefallen als jetzt. Den Begleiter des Priesters aber hatte David vorhin am Krankenbette der Gertrud knien sehen. Wahrscheinlich war es der Heizer Schmit, den der Seelenhirte für seine herzlose Fahrlässigkeit durch Nichtaufnahme in den Verein bestrafte. David vermochte sich dies aus demGehörten unschwer zusammenz u reimen. Inzwischen schien der Mann den starren Sinn des Priesters zu kennen, und jeden Versuch, ihn milder zu stimmen, aufzugeben. Er lüftete mürrisch den Hut und entfernte sich mit beschämter, trotziger Miene. Gleich darauf trat der Pfarrer mit einem kurzen Gi'usse in das Zimmer. „Verzeihe, Onkel,“ hub er an, „dass ich Dich warten liess, aber . . .“ „Ich war in guter Gesellschaft,“ wehrte David die Entschuldigung ab. „Du hast da eine merkwürdige Büchersammlung für einen Priester.“ Josef lachte herb auf. „Meinst Du auch, dass der Beschränktheit im Pfarrhause eine Heimstätte erhalten bleiben müsse?“ rief er ironisch» „Das nicht,“ entgegn ete der Arzt etwas verlegen, drt der Neffe seine geheimste Gedankenquelle ziemlich errathen hatte. „Aber Du wirst zugeben, dass man diese Herren hier“ — dabei wies er auf einige Bände -- „selten unter dem Zeichen des Kreuzes vereint finden wird.“ Josef war an das Schreibpult getreten und durchflog einige Schriftstücke, die man während seiner Abwesenheit dorthin gelegt hatte. Bei den letzten Worten des Oheims wandte er rasch den Kopf um, als wolle er sich überzeugen, welche Schriftsteller der Arzt meine, und erwiderte dann kühl: „Das ist sehr bedauerlich. Ich für meinen Theil finde mich ganz wohl mit ihnen zurecht. — Uebrigens — kommen wir zur Sache. Du wolltest mich ja in einer dienstlichen Angelegenheit sprechen.“ Damit trat er wieder an den runden Tisch, schob dem Gaste einen Stuhl zu, und nahm selbst ihm gegen über Platz.

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