Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-05-26 · 21 (26.5.1899) · p. 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
21 (26.5.1899)
Article
Jacob mit dem Tragatsch
Date
1899-05-26
Page
14 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315818-3387838--13010-3387940
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite i4 >,Die Welt“ Nr. 21 Jacob mit dem Tragatsch. (Eine Figur aus einer mährischen Kleinstadt.) Von Sigmund Münz. Es gab in dem Landstädtchen mehrere des Namens Grüner, aber Jacob mit dem Tragatsch (Handkarren) war der populärste unter allen Ordners. Oder hätte ihm etwa der alte Samson, dem die Verwaltung des Krankenhauses „am Horetzko“ oblag, den Rang streitig machen sollen? Samson war eine hagere, asketische Erscheinung. Der Umgang mit den Kranken hat ihn düster gemacht. Er hatte so viel Sterbenden assistiert, dem Tode so oft ins Auge geschaut, dass ihm nichts mehr imponierte. Die Gleichheit aller Menschen ward ihm zum Dogma. Er war kein Tiroler und sagte doch zu jedem „Du“. Ich glaube, er hätte sogar den Kaiser gedutzt. hätte ihn der Zufall je mit Sr. Majestät zusammengeführt. War denn das so ganz unmöglich, dass Samson vor den Kaiser käme? Samsons Freund Scharfkopf. der sich rühmte, bei Novara mitgefochten zu haben, und dafür die Tapferkeitsmedaille bekam, hatte thatsächlich einmal bei Sr. Majestät in Wien vorgesprochen, und wenn er die Wahrheit sagte, hätte er gar in der Hofburg seinen neuen Regenschirm vergessen. Es war, als Scharfkopf sich um die Concession einer Tabaktrafik bewarb, die er auch wirklich als um Oesterreichs Fahne hochverdienter Veteran erlangte. Von Samson Grüner zu Scharfkopf führt jene Brücke, welche die Krankheit mit dem Tode verbindet. Was ist natürlicher, als dass der Verwalter des Spitals auf gutem Fusse mit dem Todtengräber steht? Vom Spital zum Grabe ist ja nur ein Schritt. Scharf köpf, der Trafikant, war nämlich auch Todtengräber oder, wie er sich selbstbewusst nannte, „Todfcenrath“. Samson Grüner hatte bei allen sonstigen Vorzügen eine derbe Art, und dies sein Wesen stach etwas unvorteilhaft von der entzückenden Jovialität Jacob Grüners, des Mannes mit dem Tragatsch, ab. Es war noch ein Glück, dass Samsons Frau, Rebekka, ein süsses, kleines Ding mit trüben Augen, die wie jene der biblischen Lea dreinschauten, durch ihre Herzigkeit gutmachte, was ihr Gemahl durch seine Schroffheit zu verderben pflegte. Samson rauchte auch den schlechtesten Tabak und spie in allen Ecken herum. Trotzdem erreichte er ein hohes Alter. Wir verbreiteten uns etwas ausführlicher über den Namensvetter Jacobs, da wir annehmen, dass sich von dieser grauen Folie Eines von dem Genus Grüner die anmutige Erscheinung der Specics Jacob desto lichtvoller abhebe. Jacob mit dem Tragatsch war, wenn auch seiner socialen Stellung nach ein Paria, doch eine der markantesten Figuren des Ortes. Schon sein Aeusseres kennzeichnete ihn. Sein anstrengender Beruf — er war Gepäckträger — hat ihn -etwas schlottrig gemacht. Dazu krankte er an einem physischen Gebreste. Er hatte einen blonden grossen Kopf, und Gotelettes Mengen ihm von den Backen. Ein gewisses Organ, für Mitglieder, die in gesetzgebenden Körperschaften s i t z e n. von besonderer Wichtigkeit, war bei ihm mächtig ausgebildet, und ein brauner Lederlappen deckte dieses Instrument, während der übrige Anzug aus Tuch war. Er schien mit dem Handkarren, den er bei Tag und bei Nacht zur Eisenbahn führte, ‘wie verwachsen. Man kann sich einen Reiter in keiner innigeren Beziehung zu seinem Pferde denken als Jacob zu seinem „Tragatsch“. An Hermann Spitz hatte er einen Goncurrenten, doch gleichzeitig auch einen Freund. Hermann, der kein Cherusker war, und Jacob führten ein jeder seinen Tragatsch einträchtig nebeneinander. Sie waren sehr verschiedenen Charakters. Jacob hatte Humor, trat mehr aus sich heraus und lachte gern aus voller Seele. Hermann dagegen war eine phlegmatische, etwas träge Natur und zeigte zuweilen eine geradezu verzweifelte Physiognomie. Man hätte Hermann nach seinem Aeussern für einen Trinker halten mögen. Indessen gab es keinen massigeren Mann im ganzen Mährerlande. Ohne die Dichtungen Pindars zu kennen, pflegte er zu sagen „Wasser ist das Beste“. Ein Beweis, dass hervorragende Männer unter den verschiedensten Breiten und in den verschiedensten Zeiten unabhängig von einander auf den gleichen Gedanken verfallen, ihn sogar in die gleichen Worte kleiden können. Hermann führte den Spitznamen „Abial“, dessen Etymologie und Sinn weder ihm noch anderen bekannt geworden. Aber er hatte ihn nun und musste darunter leiden. Nicht einmal den Erfinder dieses Titels kannte man. Mit den Spitznamen ist es eben wie mit dem „Mädchen aus der Fremde“. Sie kommen und gehen. Man weiss nicht, woher sie gekommen sind — man weiss nicht, wohin sie gegangen. Wir wollen Jacob auf seinen Wanderungen begleiten, doch ihm zunächst in die Intimität seines häuslichen Daseins folgen; wir wollen ihn in der Vielseitigkeit seines Berufslebens begreifen, das sich keineswegs in der Spedition des Gepäckes erschöpfte. Vor allem im Hause seihst waltete ihm zur Seite die bebendste Frau, seine Gertrud, die ihm eine Anzahl reizender Töchter, doch zu seinem Schmerze keinen einzigen Sohn geboren. Das war es, worum er seinen Collegen Hermann gar sehr beneidete, dass dieser ebenso viele Söhne wie er, Jacob, Töchter hatte. „Wer soll einst, wenn meine Kraft nachlässt und meine Hände schwach werden, meinen Tragatsch führen?“ sagte er zu sich, als er den fast gleichaltrigen, alternden Hermann in Begleitung zweier Söhne, die dem Vater nach und nach den Tragatsch aus den Händen nahmen, zum Bahnhofe wandern sah. Doch ihm, wie gesagt, blühten dafür drei liebliche Töchter. Seht, wie sie nicht nur der Mutter helfend das Elternhaus bestellen, sondern auch dem Maire der Stadt, dem Patricier Zadok, als dieser seine Gattin verliert, das Hauswesen in Ordnung halten. Freilich nahm der Luxus der Damen des Grün er'sehen Hauses gleichen Schritt mit dem steigenden Erwerbe. Gern stellte Jacob, wenn Gemahlin und Töchter sich am Festtage mit buntbebänderten Strohhüten herausputzten, seinen Damen die Einfachheit aus Väter- und Vorväter-Zeit entgegen. „Theure Gertrud,“ sprach er, „Du bist nicht nur meine schönere, sondern auch meine kostspieligere Hälfte.“ Und dabei stöhnte er tief. Auch an ihn war ja einmal die Versuchung herangetreten, Staat zu machen. Einen Augenblick war ihm der Gedanke aufgetaucht, sich eine farbige Mütze anzuschaffen, überhaupt in einer Art Uniform aufzutreten. War er doch, wenn auch die grossen Herren der Nordbahn in Wien nichts davon wussten, mit diesem Institute durch seine Beziehung zur Bahnstation wie verwachsen. Aber er widerstand der Versuchung. Er wollte bleiben, was er war — schlicht bis zum letzten Tage. Er trennte sich also nicht von seiner bürgerlichen grauen Mütze mit dein schwarzen Schilde und den „Ohrlappen“, die er allerdings an ganz kalten Tagen mit einer Pelzmütze, an Festtagen sogar mit einem Gylinder vertauschte. Diesen Gylinder, ein Exemplar von ungeheurer Höhe, hatte er sich an geschaht, als er Gertrud zum Traualtar führte. Und so begleitete ihn der Hut, auch als die schwarze Farbe sich bereits in Grün verwandelt hatte, durchs ganze Leben, so dass derselbe seinem Herrn mehr als drei Jahrzehnte treu blieb. Jacob hätte sich in der Zeit, als sein Wohnort zum Sitze des „Ochsenmarktes“ wurde und nicht nur Gulden, sondern auch Rubel durch seine schwieligen Hände rollten, leicht einen neuen Gylinder anschaffen können. Aber er war unendlich conservativ und hätte geglaubt, seinen Kopf zu vertauschen, hätte er den Hut gewechselt. Der einzige Luxus, den er sich gönnte, als ihm der Ochsenmarkt ein behaglicheres Auskommen gestattete, war eine messingene Uhr. Und war denn das ein Luxus? Wie, er, der auch Nachtwächter war und nun schon seit Jahren über eine Wanduhr verfügte, sollte für die Dauer ohne Taschenuhr bleiben?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.