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Die Welt · 1899-05-26 · 21 (26.5.1899) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
21 (26.5.1899)
Article
Die Bahn nach Bagdad
Date
1899-05-26
Page
3 (sequence 1)
Language
German
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Nr. LI „Die A Weit“ Oeite ä Die Bahn nach Bagdad. Von Dr. Friedemann. Die Welt beginnt klein zu werden. Als Marco Polo seine berühmte Reise nach dem Osten Asiens antrat, da brauchte er viele Jahre, um nach den Gestaden des stillen Oceans und wieder in die Pyrenäen-Heimat zu reisen. Wir werden vom Jahre 1902 an binnen fünf Wochen von Hamburg nach den Porzellan-Pagoden Pekings und wieder zum Nordseestrande gelangen können. Und nach Indien, das heute selbst durch den Suezcanal nicht vor Ablauf eines Monates erreicht werden kann, wird man in nicht allzu langer Zeit binnen 10 oder 12 Tagen fahren. Bald werden qualmende Eisenbahnzüge das sumpfige Mesopotamien durcheilen, und erstaunt werden Reiher und Antilopen, bisher die ungestörten Herren des Landes, sich in das Schilfmeer des Euphrat flüchten. Mit dem Reize der unendlich sich ausbreitenden Einsamkeit verschwindet auch die Romantik, und die Träumer, welche es lieben, ferne vom Alltagstreiben dem grossen Weltgedanken an zerfallenden Gräbern gewaltiger Geschlechter nachzusinnen, haben wieder eine Zufluchtsstätte eingebüsst. Für alle diejenigen, welche nicht das Lärmen des Maschinensaales für das herrlichste aller Geräusche und das Grübeln über die Ausnutzbarkeit von Wasserfällen für die Anlegung elektrischer Lichtanlagen für die angenehmste der Empfindungen erklären, für alle, denen Credit und Debet nicht das eigentliche Leben ausmacht, liegt etwas Trauriges im Constatieren der Thatsache. Die wundersame Märchenfee des Orients beginnt sich in das nüchterne Corsett der europäischen Cultur zu pressen, ihre phantastischen Zaubergärten und Marmorpaläste verschwinden und die springenden Brunnen versiegen. Al ad ins Wunder lampe verwandelt sich zum pro- : saischen Contorleuchter, welcher dem Nachkommen Sindbads des Seefahrers, Licht zur Berechnung der Dividenden spendet. Es ist sehr schwierig, sich vorzustellen, dass die Nachkommen von Ali-Babas 40 Räubern, wollen sie nicht das langgewohnte Handwerk aufgeben, jetzt vielleicht Gründer von Actien-Gesellschaften werden müssen. Noch schwieriger zu denken, dass die Enkel Haruns, des gerechtesten der Chalifen, das deutsche Handelsgesetzbuch erlernen, wollen sie auch fürderhin in den „Fliegenden Blättern" als weise Kadis gerühmt werden. Denn aller Voraussicht nach ist deutsches Capital und deutscher Unternehmungsgeist berufen, jene weiten, einsamen Gebiete zu erschliessen, in denen Assyrer und Perser, Macedonier und Syrer geherrscht, die römischen Caesaren und Sassanidisehe Schahs, Tamerlan, und die Nachfolger des Propheten das Scepter geschwungen haben. Es ist die Deutsche Bank, welche schon heute einen grossen Theil des Orients finanziell beherrscht, und welche nun eine Forschungs-Expedition entsendet, um auch jene Länder dem Welthandel zu erschliessen. Sie bewirbt sich um die Concession der Bagdad-Bahn und es ist zu erwarten, dass sie gegenüber den englischen und russischen Rivalen den Sieg davontragen wird. Hat doch die Türkei allen Anlass zur Freude, wenn sich deutscher Einfluss zwischen die englischen Bedränger und die schlechten russischen Freunde schiebt. Baut England die Bahn, so wird es verzweiflungsvolle Anstrengungen machen, die Endpunkte in seine Hand zu bekommen. Und Russland wird Compensationen zu erlangen suchen, die nicht England, sondern die Türkei zu zahlen hätte. Baut aber Russland, dann wird sein Einfluss so gewaltig im türkischen Asien, dass die Türkei zu seinem Vasallenstaate herabsinkt. Ist doch Russland schon heute bestrebt, im Rothen Meer, in Arabien, in Persien feste Stützpunkte zu gewinnen, von denen aus es die mohammedanischen Länder umklammern kann. Zudem verbürgt die Erschliessung der Euphratländer so ausserordentliche Handelsbeziehungen, dass der Einfluss der Kaufleute, die sich dort niederlassen, ein unermesslicher werden wird. Der Sultan hat also allen Grund, den deutschen Bewerber zu begünstigen. Man muss sich vergegenwärtigen, dass die projectierte Bahn einen guten Theil des Verkehrs an sich ziehen wird, der heute durch den Suezcanal geht. Während aller vergangenen Jahrhunderte und bis 1809, kamen die Waren Inner-Asiens und Indiens in die grossen Handelsstädte Kleinasiens und Syriens auf dem Landwege. Das wird wieder so werden, und der deutscheKaufmann wird die Rolle des Venetianers und Genuesen im Mittelalter übernehmen. Zudem sind die zu durchschneidendeh Gebiete bei gehöriger Entwässerung ausserordentlich fruchtbar, so ergiebig, dass sie ganz Europa mit Getreide und Baumwolle versorgen könnten. Die Olive gedeiht vorzüglich und der Boden hat grossen Reichthum an Naphta, der leicht auszubeuten wäre. Man kann wohl sagen, dass die Bahn, wenn sie in deutschen Händen bleibt, der Türkei einen Strom neuen Lebens zuführen, ihr eine noch weit grössere politische und commercielle Bedeutung verschaffen wird, als sie heute schon besitzt. Die Route der Bahn wird wahrscheinlich in der Verlängerung der Linie Angora-Kaisarie gebaut werden und über Telek führen. Dieser Umstand ist von besonderer Bedeutung. Gegenwärtig wird von Damaskus eine Bahn über Honis, Hamah und Haleb nach Biredschik am Euphrat geplant. Eine Verlängerung ist von hier nach Norden in Aussicht gonommen, so dass in Telek die Bahn von Damaskus in die Bahn Constantinopel-Bagdad einmünden würde. Von Damaskus nach Haifa werden ebenfalls Schienenstränge gelegt, so dass dann die directe Verbindung vom persischen Meerbusen zum Mittelländischen Meere geschaffen wäre. Damit würde für ganz Palästina und Syrien eine neue Zeit anbrechen, denn der ganze Transithandel nach den Mittelmeerländern würde durch Syrien gehen. Man sieht aus allen diesen Plänen, welche gewaltige Rolle im Verkehr zwischen Osten und Westen diese menschenarmen Küsten einst spielen werden. Und wer wäre besser dazu berufen, die Vermittlerin zwischen Orient und Occident zu übernehmen, als der Jude mit seiner beispiellosen Anpassungsfähigkeit, dem orientalischen Naturell und der occidentalen Bildung, mit seinem natürlichen Handelstalent und Unternehmungsgeist. Ein Palästina, von Juden bewohnt, wäre einer grossartigen Zukunft sicher. Dieser Erkenntnis wird sich niemand verschliessen, am wenigsten die Türkei, welche schon jetzt, nach wenigen Jahren jüdischer Colonisation, sieht, wie sich der Bodenwert Palästinas hebt, wie Einfuhr und Ausfuhr steigen. Aber auch die deutschen Unternehmer müssen ein lebhaftes Interesse daran nehmen, dass sie an jüdischen Colonisteu eine Stütze in den von ihnen ausgebeuteten Ländern finden. Denn der Jude ist thatsächlich stets im Orient ein Förderer des deutschen Einflusses gewesen. Es ist interessant, zu lesen, dass schon im 14. Jahrhundert die Juden des Orients sich mit den deutschen Wallfahrern verständigen konnten, weil sie deutsch verstanden. Dies berichtet der Minnesänger Arnold von Harf, der selbst das Heilige Grab besucht und auf dieser Reise die Erfahrungen gesammelt hat. Und die deutsche Regierung, welche so sehr geschickt die Interessen des deutschen Unternehmerthums zu vertreten. weiss, wird diesen Umstand nicht verkennen* Die jüdische Bevölkerung des Orients vermehrt sich zusehends trotz aller Hindernisse. Das weiss jeder, der sich einmal die Mühe nimmt, das statistische Material von vor *) Anme r kun g. Vergl. 3. Sitzung der germanischen Section der XXVI. Philologen-Versammlung zu Würzburg vom 1. bis 3. October 1868.

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