Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 20 (19.5.1899)
- Article
- Ein Leitfaden durch die Irrgänge des Dreyfushandels
- Date
- 1899-05-19
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 6 „Die A Welt?1 Nr. 20 Esterhazys vor dem Kriegsgericht, dem er sich stellte, um sich wegen det Anklage Mathieu Dreyfus', das Bordereau geschrieben zn 'haben, zurechtfertigen. Seine Behauptung, dass er in allen Fragen, die an ihn gestellt wurden, vorher verständigt-worden war, belegt Esterhazy durch die Note mit den zwei Handschriften, in der bu Paty Esterhazy genaue Vorschriften gibt, wie er sich in dem Process zu verhalten habe. Die „verschleierte Dame" steckte schließlich Esterhazyeine Photographie des zu den Geheimacten des Treyfusproceffes gehörigen „befreienden" Schriftstückes zu, die dieser laut Empfangsbescheinigung des Cabinetsdirectors am 14. November 1897 dem Kriegesministerium wieder zugestellt hat, und am IN Jänner 1898 wurde er von der Anklage, das Bordereau geschrieben zu haben, üfteigesprochen; er ist daher fortan in dieser Sache straffrei. Insofern jedoch trug auch dieser Process wesentlich -zur Klärung bei, als die schriftkundig'en Sachverständigen Belhomme, Eouard und Varinard ihr Gutachten dahin äbgaben, dass das Bordereau nicht von Esterhazy geschrieben, dass jedoch einige Worte seiner Schrift darin mittels Durchvausen eingesetzt seien. Dieses Gutachten steht in offenkundigem Widerspruch zu dem der Sachverständigen des 'Dreysusprocesses, - und dieser Widerspruch .lieferte neben der Fälschung Henrys, eine der neuen Thatsachen in der Dreysusangelegenheit, die das Gesetz für die Möglichkeit der Revision vorschreibt. Auch im Process Zola folgte Esterhazy laut seiner nicht angefochtenen Aussage lediglich den Befehlen und Winken des Generalstabes„ und man kann sich nicht .dem Eindruck entziehen, dass Esterhazy recht hat',., wenn er behauptet, diese Befehle und Winke seien von der obersten Stelle des Generalstabs, d. h. von den Generälen' Boisdeffre und Gonse, ausgegangen, eine Behauptung,-die du Paty de Elam bekräftigt. Selbst nach dem.Process Zola blieb Esterhazy der „Mann" des Generalstabs, dieser, veranlasste..ihn.sogar zu einer Forderung an Picquart und commäridierte für ihn die Zeugen dazu. Inzwischen hatten jedoch die an Frau de Boulaney. gerichteten Schmähbriefe Esterhazys gegen das französische-Heer,. seine zügellose Lebensweise und seine endlosen Geldverlegenheiten solches Aergernis erregt, dass der neue Kriegsminister' Eavaignae. sich entschloss, ihn vor einen Ehrenrath zu stellen. Das Ehrengericht beantwortete zwar die Frage-'ob Esterhazy wider die Disciplin oder die Ehre verstoßen haben, verneinend, erkannte ihn aber am 27. August 1898 ■mit drei gegen zwe-i Stimmen eines fortgesetzt ungehörigen Betragens schuldig. Und trotz" der Fürsprache, die General Zurlinden für eine Milderung der Strafe 'einlegte, gab Eavaignae ihm den ’ Abschied. Wenn auch Esterhazy behauptet, dass das Ministerium ihn seit dem 1. Juli 1898 unter dem Einfluss Eavaignacs im Stich gelassen habe, so zeigt doch die Verfügung der Anklagekany.ner, die vom, Richter Bertutus ivegen Fälschung der an Pichnärt gerichteten Telegramme gegen' Esterhazy und die Frau Pays eingeleitete Untersuchung fallen , zu lassen und die inzwischen verhafteten 'Angeschuldigten frei zu geben, dass in amtlichen Kreisen immer noch ein ihm günstiger Wind wehte. Anfangs September jedoch hielt es Esterhazy, /gegen den mittlerweile sein Vetter Ehristian Esterhazy noch'eine Klage wegen Unterschlagung' erhoben hatte, für gerathen, sich ins Ausland zu begeben, und er ist nur. .unter ^ausdrücklicher. Zusicherung freien Geleites nach Frankreich zurückgekehrt, um Ende Jänner 1899 vor der Errminalkammer Zeugnis abzulegen. Inzwischen hatten die Ergebnisse in rascher Folge zur' Revrsion' des Dreyfusproeeffes hingedrängt: am Ni. Februar 1898 war Zola verurteilt worden, am 7. Juli hatte der Nachfolger Billots im Kriegsministerium! Eavaignae unter Vorlegung von drei Schriftstücken seinen aus dem geheimen Actenmaterial sich ergebenden nachträglichen Beweis der Kammer vorgelragen; am' 30. August war dieser Beweis durch das Geständnis Henrys, dass er das wichtigste dieser Drei Stücke ..gefälscht habe, zusammengebrochen,, am folgenden Tage wurde, Henry mit durchschnittenem Halse in seiner Zelle aufgesrtnden, und endlich am W. September beschloss das Eabinet Brisson, der Erimmalkammer des EassätionsHofes das Gesuch um-Revision r des Pröcesses.Dreyfus .zu unterbreiten. . - ' : (Fortsetzung folgt.) - Der Zionismus in Paris. Unterden Auspieien des Vereines „Dorsche Zion4 l-anch in Paris Donnerstag den dl. v. M. abends eine grosse ■zionistische Massen Versammlung statt. Um die anberaumte Stunde war der grosse Salon „Eden deTemple“ bereits überfüllt. Ein erlesenes Herren- und Damenpubhcum halte sieb einge fanden, um den Worten des gefeierten Schrift-' Meilers und glänzenden Redners Max N o r d a u zu lauschen. Dimefieir teanerkte man . zahlreiche Vertreter des jüdischen unMiWshÄMnthers^ndos^dA'olotlrrrei', dM aus dem Osten stammend, trotz ihrer Arbeitsüberbürdung, und trotzdem der harte Kampf ums Dasein fast ihre ganze Aufmerksamkeit absorbiert, für die zionistische Bewegung das wärmste Interesse bekunden. „Zionismus und Emigration,“ das war das Thema, das Max Nor dau mit der ihn kennzeichnenden Meisterschaft behandelte. Er entwarf ein düsteres, aber fein abgetöntes und durch seine Lebenswahrheit packendes Gemälde von der Leidenswanderung des ewigen Juden durch die Jahrtausende der Geschichte. Redner gelangte zur Schlussfolgerung, dass es für das jüdische Volk, diese umgetriebene Jericho-Rose, keinen anderen Nähr- und Wurzelboden gebe, als seine angestammte, historische Heimat Palästina. Nur hier könne es neu. erblühen und zur. saftfrischen Wiederentfaltung gelangen. Sodann polemisierte er gegen die tendenziösen Erdichtungen und Entstellungen unserer Gegner und führte vornehmlich die kannegiesserische Behauptung ad absurdum, wonach die politischen Zionisten an dem palästinensischen Einwanderungsverbote Schuld trügen. Rauschender Applaus lohnte die geistvollen, von tiefer Empfindung beseelten Ausführungen N o r d a u s. ' Hernach sprach unser ausgezeichneter Gesinnungsgenosse Dr. Alexander M arm o r e k vom Institut Pasteur über die Colonialbank. Sein bei aller inniger Beisterung sachlich-nüchterner Vortragfand bei der gesammten Zuhörerschaft lebhaften Anklang. Dies äusserte sich insbesondere in dem grossen Andrange zur Shareszeichnung, welcher auf die Rede Dr. Marmo re k s folgte. Man konnte übrigens auch hier die Wahrnehmung machten, dass die Arbeiterklasse von der Bedeutung der jüdischen Colonialbank am meisten durchdrungen war und ihr beiweitem mehr Verständnis entgegenbrachte, als unsere mit Glücksgütern gesegneten Stammesgenossen. Zum Schlüsse las der rühmliehst bekannte Jargondichter Herr A. G o 1 d f a d e n unter grossem Beifalle eine kleine, nette Skizze aus dem Leben der russischen Juden vor. In später Nachtstunde erst nahm die Versammlung, die einen achtungswerten Erfolg unserer Sache darstellt, ein Ende. ' X. G Volksschulwesen in Palästina. ’ Von T. Bianco. Die Schule bildet in allen eivilisierten Ländern den Ausgangspunkt jeder fortschrittlichen Bewegung, die Basis, auf der nach vorwärts strebende Männer das Heil ihres Volkes aufzubauen bestrebt sind. Fortschritt und Schule in modernen Staaten unzertrennbare Begriffe -- sind glücklicherweise gerade bei unseren europäischen Stammesgonossen in Fleisch und Blut übergegangen.- Wie anders verhält es sich aber mit dem Schulwesen in Palästina? Als Stiefkind der Massen, als Sorgenkind einzelner europäischer Vereinigungen, sollen wir im Lande mit wenigen Ausnahmen eine Jugend heranwachsen, die nicht fähig sein* dürfte, den höheren Aufgaben * einer viGleicht grossen Zukunft aus eigenem Können und Wissen gerecht zu werden. Die Lehrziele, die sich unsere hiesigen Schulen gestellt, entsprechen nicht den modernen Anforderungen. Dir jungen Leute, die solche Anstalten verlassen, sind geistig und körperlich kaum halbgebildete Menschen. Eine rühmliche Ausnahme bilden nur zwei Anstalten der „Aliantv isfachte“, die Ackerbauschule in Mikweh Israel und df Handwerkerschule in Jerusalem. Speciell die Abiturienten von Miliwoh-Israel sind in der praktischen Bethätigung unserer colonialen’ Bestrebungen währe Ideähnenschen. ■tüchtige, intelligente Arbeiter. Doch das übrige Mehschenmaterial, das aus dopverschiedenen Schulen Palästinas hervorgoht, bildet nur Mie Neuauflage unserer galizischen und russischen Dorfjuden — lauter gebogene Rücken — kraft- und energielose Ghettofiguren.