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Die Welt · 1899-05-19 · 20 (19.5.1899) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
20 (19.5.1899)
Article
Ein Leitfaden durch die Irrgänge des Dreyfushandels
Date
1899-05-19
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 20 „Die H Welt44 Seite 5 unterbreiten, indem man den Buchstaben D. in Dreyfus fälschte, konnte nur von einer in die Proeessverhandlungen eingeweihten Person herrühren. Diese Flucht in die OeffentlichkeiL sollte vor allem eine Entrüstungsbewegung gegen die Betreiber der Revision bewirken und diese, besonders Piequart, dadurch abschrecken und hemmen. Als man merkte, dass Piequart durch diese Mittel nicht veranlasst wurde, von den Spuren Esterhazys abzulassen, wurde Piequart durch Henrys rechte Hand, den Geheimagenten Guonee, in einem Berichte vom 30. Oetober 1896 an den Chef des Generalstabs denuneiert, Piequart habe Guenöe gesagt, er habe einem „alten Freunde" seine Zweifel an der Schuld Dreyfus" mitgetheilt, und dieser habe ihn darin bestärkt. Unmittelbar darauf — die Zeit lässt sich leider nicht genau feststellen, General Gonse sagt zwischen dem 1. und 14. November — ließ derUnterchef des Generalstabs, Gonse. sich von Piequart das geheime Dossier aushändigen, weil Piequart nun durch den Bericht Guenees verdächtig war, unbefugten Dritten amtliche Schriftstücke gezeigt zu haben, und man deshalb die. Geheimaeten nicht in seinen Händen lassen wollte; und am 2. November (nach der Aussage Gonses) überreichte diesem Henry seine berüchtigte Fälschung, den angeblichen Brief Schwartzkoppens an Vanizzardi oder Panizzardis an Schwartzkovven mit der Mahnung, alle Beziehungen zu Dreyfus in Abrede zu stellen. Um sie herzustellen, bedurfte Henry der Stücke des geheimen Dossiers, in die er sie einfügte. Es war hohe Zeit, dass die Acten durch das einzige Beweisstück, das den Namen Dreyfus voll ausgeschrieben zeigte, ergänzt wurden, denn die Interpellation Castelins (sie wurde vom 12. auf den 18. November verschoben) stand vor der Thür, und es galt, bis dahin dem Minister überzeugendes Material zu liefern. Es war indessen Billots Nachfolger, E a v a i g n a e, Vorbehalten, die Fälschung Henrys als Schuldbeweis für Dreyfus der Oeffentlichkeit zu übergeben. Am 10. November 1896 veröffentlichte sodann der „Matin" das B o rdereau, und wahrscheinlich qieng auch diese Jndiscretion vom Generalstabe aus, um die öffentliche Meinung gegen die Revision einzunehmen, da das Faesimile des Bordereaus richtig wiederqegeben, während das Dictat, dem du Paty den Hauvtmann Dreyfus unterwarf, zu ungunsten Dreyfus' entstellt ist. Uebrigens weiß der Geheimagent Guerwe, wer diese Veröffentlichung des „Matin" als auch die des „Eclair" vom 15. September veranlasst hat, weigert sich aber unter Berufung auf das Amtsgeheimnis, es zu sagen. Der Feldzug gegen Piequart. Nachdem durch die Fälschung Henrys das längst vermisste Glied in die Beweisführung, dass Dreyfus schuldig sei, eingefügt war, gieng das Streben derer, die die Verantwortung für den Process von 1894 drückte, dahin, Piequart. den gefährlichsten und in die Dinge am tiefsten eingeweihten Betreiber der Revision, zu verderben. Am 16. November 1896 wurde Piequart in besonderem Aufträge nach der Ostgrenze und von da, ohne dass ihm erlaubt worden wäre, ein paar Stunden nach Paris zurückzukehren, um sich Wäsche zu holen, nach Marseille geschickt, unter dem falschen Vorwände, dass der Minister ihn dort erwarte. In Marseille erhielt er Befehl, sich sofort nach Algier einzuschiffen; von Algier sandte man ihn nach Tunis und endlich an die tripolitanische Grenze. General Boisdeffre hatte sogar vorgeschlagen, ihn nach Tongking zu senden. Schon die ersten Tage seiner Abwesenheit benützte Guinee zu einer abermaligen Denunciation, worin er behauptete, der „alte Freund", dem Piequart die Geheimacten gezeigt habe, sei der Rechtsanwalt Leblois, und da später sowohl Henry wie Gribelin unter Eid versicherten, sie hätten Piequart in dessen Bureau dabei überrascht, als er Leblois die Geheimacten vorlegte, so wurde nunmehr gegen Piequart, den ehemaligen Leiter des Spionendienstes, wegen Hochverraths voraegangen. Der Process, den ihm das Eivilgericht unter dieser.Anklage macht, schwebt noch, nachdem das Militärgericht ihn deshalb schon mit dem Abschied bestraft hatte. Was den Vorfall selbst angeht, der sich nach Henrys erster Aussage im Oetober 1896 zugetragen haben soll, so kann Leblois beweisen, dass er in jenem Jahre vom 6. August bis zum 7. November von Paris abwesend war. Nachdem Piequart Paris verlassen, wurden seine Briefe abgefangen und vom Nachrichtenbureau geöffnet, als ob er der schwersten Verbrechen verdächtig sei, und der Inhalt der Briefe wurde dann, um ihn bloßzustellen, zu neuen Fälschungen benutzt. So fand sich unter den an Piequart adressierten' Briefen auch einer, den der Seeretär der 50 Jahre alten Freundin Picquarts Fräulein de Eomminges in deren Auftrag am 27. November 1896 geschrieben hatte. Er enthielt den Satz: „Der Halbgott fragt die Comtesse jeden Tag, wann er Sie sehen kann." Den Namen Halbgott hatte der Kreis der Comtesse de Eomminges dem Hauptmann Lallemand, einem Freunde Picquarts, beigelegt. In Tunis gieng nun Piequart ein vorher im Generalstab geöffneter Brief vom 15. December 1896 mit der Unterschrift Speranza zu des Inhalts: „Ihre überstürzte Abreise hat uns Ungelegenheiten gebracht. Die Zeit der Feste ist der Wiederaufnahme des Werks besonders günstig. Kommen Sie schnell zurück. Sagen Sie ein Wort. Der Halbgott wird handeln." Dort erhielt Piequart ferner einen in auffallend frechem Tone gehaltenen Brief Henrys vom 31. Mai 1897, worin Henry sich schon stark genug fühlte, die Anklagen des Generalstabs gegen Piequart durchblicken zu lassen, und der eine besondere Bedeutung dadurch gewinnt, dass General Gonse den Brief vorher gelesen hatte. Es folgte ein vom 7. November 1897 datierter Brief Esterhazys, worin dieser Piequart in denselben Ausdrücken, wie der erst am 15. November erschienene Dixi-Artikel der „Libre Parole", vorwarf, er sei der Urheber des Feldzuges gegen Esterhazy. An demselben Tage, als dieser Brief eintraf (10. November), erhielt Piequart ein Telegramm mit der Unterschrift Blanche, worin gesagt war, man habe die Beweise, dass Georges (der Vorname Picquarts) das Petit Bleu angefertigt habe, und am nächsten Tage (11. Nov.) folgendes Telegramm mit" der Unterschrift Sveranza: „Halten Sie den Halbgott ein. Alles ist entdeckt. Die Sache ist sehr ernst." Vom 10. November datiert war ein Brief mit derselben Unterschrift Speranza. Da er jedoch nicht vorliegt, weil Piequart ihn verbrannt hat, so sei er hier nicht berücksichtigt. Verschiedene Anzeichen deuten darauf hin, dass die Briefe und Telegramme mit der Unterschrift Speranza von Esterhazy mit Unterstützung des Generalstabes veranlasst worden sind, denn nur im Generalstabe kannte man aus Picquarts abgefangenem Briefe das Wort „Halbgott", während das Telegramm Blanche (das ist der Vorname des Fräuleins de Eomminges), vermuthlich unmittelbar aus dem Generalstabe stammt. Den Zweck dieser Machenschaften, Piequart beim Minister anzuschwärzen, erreichte man vollkommen, denn eben in dieser Zeit erhielt Picquarts Vorgesetzter in Tunis, General Leclerc, kurz nacheinander zwei Befehle des Ministers, die ihn anwiesen, Piequart zu vernehmen, ob er sich nicht von einem Frauenzimmer ein geheimes Aktenstück habe entwenden lassen und ob er nicht einer'der Armee nicht angehörigen Person Einblick in geheime Schriftstücke gestattet habe. Hauptmann Euignet hat ausgesagt, man habe durch zwei andere an Piequart gerichtete Telegramme, die Piequart nicht erwähnt, und durch zwei von Piequart postlagernd nach Paris gesandte Briefe die Ueberzeugung erhalten, dass er von Tunis aus in einer verabredeten Schreibweise mit seinen Freunden verkehrt habe. Ob das richtig ist, ob dieser Gedankenaustausch insbesondere auf die Angelegenheit Dreyfus Bezug hat und ob durch ihn Piequart belastet ist, werden die gegen Piequart schwebenden Proeesse zweifellos ausweisen. Am 26. November 1897 reiste Piequart nach Paris, um im Proeesse Esterhazy sein Zeugnis abzugeben; zwei Tage nach Esterhazys Freisprechung, am 13. Jänner 1898, wurde er vor einen Ehrenrath gestellt und verabschiedet. Der nächste Schlag gegen Piequart war eine militärgerichtliche Klage wegen Fälschung des Petit Bleu. Beim Weggange Picquarts von Paris war das Petit Bleu noch in seinem alten Zustande, bald darauf jedoch stellte sich heraus, dass die Adresse ausradiert und aufs neue ausgeschrieben war. Durch diese Fälschung sollte der Verdacht erregt werden, dass Piequart in dem Bestreben, Esterhazy an die Stelle Dreyfus" zu setzen, die Adresse Esterhazys statt einer anderen auf den Brief gesetzt habe. Damit wäre dann freilich Piequart gerichtet und Esterhazy entlastet gewesen. Die Sachverständigen stellten jedoch fest, dass das ausradierte Wort ebenfalls Esterhazy gelautet hatte. Trotzdem wird gegen Piequart die Klage wegen Fälschung aufrecht erhalten. "Er sitzt seit dem 12. Juli 1898 in Untersuchungshaft. Rettungsversuche für Esterhazy. Dieselben Mittel, die darauf zielten, Piequart zu vernichten, bezweckten zugleich, Esterhazy zu retten, und Esterhazy sagt nicht zu viel, wenn er behauptet, er sei „der Mann des Generalstabes" gewesen. Mitte Oetober 1897 hatte eine Berathung im Kriegsministerium stattgefunden, in der der Vorschlag gemacht worden war, Esterhazy durch ein anonymes Schreiben von der ihm drohenden Gefahr zu benachrichtigen; der Vorschlag war jedoch verworfen worden. Trotzdem erhielt Esterhazy am 18. Oetober 1897 in Dommartin einen Brief mit der Unterschrift Esporance, der ihn von dem Verdacht gegen ihn in Kenntnis setzte. Esterhazy eilt nach Paris, und nun folgen die geheimnisvollen Zusammenkünfte, bei denen du Paty mit falschem Barte, Gribelin in blauer Brille, Henry und (nach einer zu wenig beachteten Bemerkung Bertulus") der Adjutant Boisdeffres Pauffin de St. Morel den Major Esterhazy -bis ins kleinste von der ihm drohenden Gefahr, der Urheberschaft des Bordereaus bezichtigt zuwerden, unterrichten. Man gab ihm sogar einen Schriftenschlüssel, damit nicht unberufene Augen inseinen Brrefwechsel mit dem Generalstabe Einblick erhielten. In dieser Zeit, Ende Oetober 1897, schrieb sodann Esterhazy unter dem Dietate eines Generalstabsoffieiers seine bekannten Briefe an den Kriegsminister, an General Boisdeffre und an den Präsidenten der Republik, worin er diese angeht, zu seiner Rettung einzuschreiten. In den Briefen an Herrn Faure droht er sogar damit, den deutschen Kaiser anzurusen und ein wichtiges Staatsgeheimnis (das vielgenannte „befreiende" Schriftstück) zu veröffentlichen. Die Wirkung dieser Briefe zeigte sich alsbald bei. den Untersuchungen des Generals de Pellieux und des Majors Ravary und in der Behandlung

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