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Die Welt · 1899-05-12 · 19 (12.5.1899) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
19 (12.5.1899)
Article
Judenlieder
Date
1899-05-12
Page
15 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 19 Seite 15 „Die A Welt“ und die massvolle Klugheit hat er zu hoheitsvoller und ‘schmerzensreicher, voll Liebe entsagender Weisheit verklärt. Sie heisst Mirjam und ist, wie ich verrhuthe, Braut. Ein klangvoller, romantisch schöner Name, der von Poeten schon oft verwertet wurde! So hiess einst die Schwester des grössten Propheten, und der schottische Barde zu Anfang des Jahrhunderts, Walter Scott, lieh einst der machtvollsten und glühendsten Frauengestalt in seinem Romane „Tvanhoe“ diesen Namen. Wir denken uns unwillkürlich auch die Mirjam dieses Gedichtes als ein Weib voll Glut und Innigkeit, beseelt von einem gewaltigen Drange nach Glück' und Leben. Aber in ihr ist etwas zerbrochen. Die vagen und traurigen und peinlichen Ghettoverhältnisse fallen, wie auf Blaublümelein der Frost, sofort auf die Blüten und Blumen ihrer Phantasie. Diese Glut wird im nächsten Momente zu einer fast erlöschenden, rührend hilflosen Flackerflamme. Horen wir sie selbst: „Mirjam, hast Du die Mutter geseh'n?" — Mutter weint in der Kammer.- „Mirjam, lass' Deine Tiäume geh’n, Schau, wie die Bäume Dich lachend umsteh’n, Wie sie Dir Blüten herunterweh’n 1 . . — Mutter weint in der Kammer.- * „Mirjam, kennst Du der Mutter Leid? . . — Mutter drücken die Sorgen, Mutter fürchtet des Nachbars Neid, Wenn in der Wiege mein Brüderchen schreit. Mutter fürchtet die fiebernde Zeit . . . Mutter drücken die Sorgen- In der That, ich wüsste nicht, wie sich das moderne Judenelend, so weit es gesellschaftlicher Artist, poetischer und anschaulicher ausdrücken Hesse, als in diesen schlichten Versen. Ich bekenne, dass die seltsame Zusammenstellung: Mutter fürchtet des Nachbars Neid, Wenn in der Wiege mein Brüderchen schreit — mich zuerst unangenehm berührte und fast abstiess, ohne dass doch diese beiden Zeilen aus meinem Gedächtnis schwanden. In Wahrheit, was ist einfacher und natürlicher, als dass eine Mutter, die doch kein Politiker von Profession ist, zunächst nur darum die fiebernde Zeit fürchtet, weil sie für ihr Kind fürchtet? Das arme kleine Würmchen, das jetzt schon in der Wiege schreit — wie erst wird es ihm ergehen, wenn es zum Bewusstsein gelangt ist, und dann der Neid des Nachbars die rohe Faust auf seine Seele fallen lässt! Nein, gut, angemessen und wahr sind diese vier Verse: Mutter fürchtet des Nachbars Neid, Wenn in der Wiege mein Brüderchen schreit. Mutter fürchtet die fiebernde Zeit ... Mutter drücken die Sorgen- Dieses kleine, modern jüdische Gedicht ist auch ein kleines Juwel. Es müsste über jeder Abhandlung, welche die sociale Seite der Judenfrage behandelt, als ein Motto stehen und seinen Platz in jedem jüdischen Liederbuche finden, das diesen Namen verdient. War ein Jude und ein Krüppel, Und sie peitschten ihn hinaus ... Draussen wütheten die Donner, Und eä sprach der Gott der Räche * „Sieh, Du Schöpfung meiner Hände, Meine Donner schenk ich Dir, Dass sie Deine-Feinde schlagen; Denn Dein Herz ist eine Thrärie!“ — — Und es zitterten die Wolken, Und der krumme Jude bebte, , Und er schrie: „Du Gott der Liebe, Gib mir meine alte Erde!. . Da zertheiiten sich die Wolken, Alte Sonnen kamen wieder, Und die weissen Engel sangen Judas Zukunftsmelodie. Auch dieses Gedicht musste mich erst erobern, und ich es mir. Auch heute noch entspricht es meiner persönlichen Empfindung nicht vollkommen — typisch aber und jüdisch-volklich ist diese Empfindung nur zu sehr! Es gibt genug Zionisten, kluge Realpolitiker, die es ihrem hass- und racherfüllten Herzen mühsam abgerungen haben, dass sie ihr Volk mehr lieben, als sie ihres Volkes Feinde hassen. Sie wissen, ihre Aufgabe ist positiver und nicht negativer Art: Sie haben die Judenfrage zu lösen und der Heilung entgegenzuführen, statt sie zu verschärfen und. zu vertiefen, indem sie ihren Schmerz und ihre ohnmächtige Wuth in die Welt hinausschreien. Man stösst. den verkrüppelten Juden aus dem Dorfe hinaus, weilerein Fremder und ein Krüppel ist, und beides steht wohl in einem ursächlichen Zusammenhänge. Aber es ist nicht die Art der gepeinigten und zertretenen Creatur, dass sie im Moment, wo sie getreten wird, die Ursachen ihres Elends analysiert. Ganz naturgemäss wuchert zuerst das Hass- und Rachegefühl empor, welches sich je nachdem in furchtbaren Thaten oder ohnmächtigen Schimpfreden Luft macht. Der neujüdische Realpolitiker weiss aber zu gut, dass der Jude zur Rache zu schwach ist, und er fühlt zu klug und zielbewusst, um an einem plan- und sinnlosen Altweibergekläff Gefallen zu finden. Er will das Uebel mit der Wurzel ausrotten, und er weiss, dass er dabei auch auf die Hilfe oder mindestens auf das neutrale Wohlwollen seiner Feinde angewiesen ist, die ihn aus ihrer Mitte hinausweisen. Der absolute Antisemit kann füglich nichts dagegen haben, wenn der Jude aus seiner Mitte scheidet und eine eigene Heimat sucht. Das ist das nüchterne, realpolitische und, ehrlich gesagt, auch nicht sonderlich schöne Verhältnis. Aber die Menschennatur ist reich, und der nackte Nützlichkeitsgedanke findet oft den Weg vom Kopf zum Gemüth, verwandelt sich aus kalter Berechnung in wirkliches und herzliches Wohlwollen. Es hat sich ja zuweilen auch schon mancher Judenhasser in einen ehrlich begeisterten Philozionisten verwandelt, und mancher jüdische Realpolitiker, der ans Klugheit' seinem Hassgefühl Schweigen gebot, hat es erlebt, dass der Hass aus seinem Herzen schwand, welches fortan nur noch von positiver und starker Volksliebe erfüllt war. Diesen psychologischen Process, den man in modern jüdischen Kreisen so häufig erlebt, hat Adolph Donath in dem vorliegenden Gedichte dichterisch zu bannen gewusst. Vorläufig ist er der erste und einzige, und wir sind begierig, ob er Nachfolger findet. Der zornige, knirschende Ton, der mir persönlich nicht ganz behagt, gibt doch mit eindringlicher psychologischer Wahrheit die Gewalt und Tiefe der seelischen Umwandlung wieder, und die Schlussstrophe klingt .umso versöhnender und hoffnungsfroher aus. Dieses Gedicht ist noch wahrer, noch tiefer und schöner, als das Mirjamlied und verdient gleichfalls einen Platz im jüdischen Liede«buche. Mit diesen beiden Gedichten hat Donath die jüdische Lyrik um Töne bereichert, die wir noch öfter zu vernehmen wünschen. V Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 10. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (47, Fortsetzung.). . Man hätte sie für schlafend halten können, wenn nicht die grossen Kinderaugen neugierig nach dem Nachttischchen geschielt hatten. f ■ ■ :

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