Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 19 (12.5.1899)
- Article
- Judenlieder
- Date
- 1899-05-12
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 „Die x£ Welt« Nr. 19 Blumen pflücken, ganz andere Kränze winden könnte. Immer aber bliebe dann dem jungen Dichter das zum wenigsten historische Verdienst des Wegebahners, und es verräth Eigenart und Kraft, die alte Schablone zu verlassen und neue Formen zu schaffen oder zu versuchen. Freilich das eigentlichste Gebiet der bisherigen nationaljüdischen Poesie, die Sehnsucht nach Zion, macht nicht die Stärke von Adolph Donath aus. Hier ist er im Grunde ein Epigon, dem weder die Glut eines Juden Halevy, noch die wehmüthig feine, bittere Ironie Heinrich Heines zur Verfügung steht. Es ist überhaupt die Frage, ob v o 1 k 1 i c h e* Sehnsucht in der modernen Lyrik ihren Ausdruck finden kann. Dazu ist diese Lyrik zu sehr intime und gedämpfte Individuallyrik. Nicht derjenige Theil unserer Seele, der laut schreit und agiert, in irgendeiner Weise mit der Umwelt und dem öffentlichen Leben in Berührung steht, kommt für den Lyriker von heute in Betracht, sondern gerade umgekehrt, das Innerste und Verschlossenste, der tief verborgene Keim, aus dem sich alles erst entwickelt. Es ist. nicht meine Aufgabe, auf die Gefahren und auf die Lorbeeren hinzu weisen, die für den kühnen Dichter gleicher Weise auf diesem Wege zu finden sind. Aber es ist klar, dass der Volksschmerz und die Volkssehnsucht, auch wenn der Dichter sie aufrichtig mitempfindet, in solchen Weisen und gedämpften Tönen ganz vergebens nach dem rechten Ausdrucke ringt.' Das beste an Donaths eistem und drittem Judenlied ist eine zarte Innigkeit, die aber dadurch, dass sie zugleich allgemein verständlich und allgemein volklich sein will, um ihre beste Wirkung gebracht wird. Unsre armen Kinder klagen, Wenn die letzten Gräser spriessen, Wenn aus müden Glockenblüten Düfte des Vergessens fliessen. Unsre armen Kinder klagen, Wenn der neue Mai gekommen, Weil er nicht die stummen Bitten Ihrer Seele hat vernommen. Diese beiden Verse für sich allein würden ein entsprechendes Gedicht von*schlichter und leis melancholischer Innigkeit ergeben. Man würde glauben, die verhaltenen Seufzer einer stillen Seele zu vernehmen, die traurig ist, wenn der Herbst kommt, wenn die Blumen welken, und auch im Mai nicht heiter, weil die Blume, nach der sie sich sehnt, immer noch nicht wachsen will. Welche Blume? Nun, die bekannte, blaue eines Novalis. Freilich strömt sie hier nicht den berauschenden Vollduft aus, wie bei den Romantikern und man rast nicht vor Glück oder Schmerz, wenn man sie hat oder entbehren muss -- man ist hier nur ein bischen traurig. Trotzdem, es bleibt die blaue Blume, und diese Verse sind anmuthig und innig und darum poetisch, ohne gerade in das innerste Herz zu treffen. Da aber ist es, als ob es dem Dichter auf einmal einfällt, dass er ein „Judenlied" hat schaffen wollen. Er fügt einen Schlussvers: hinzu, in welchem wir, statt von der blauen Blume, mit einiger Verwunderung von Cedern und Oypressen zu hören bekommen. Gut; das mag hingehen, und das Gedicht wird darum noch nicht schlecht. Dass aber trotzdem ein gewisser Verlust eingetreten ist, ergiebt ein flüchtiger Vergleich zwischen den Schlusszeilen in der zweiten und in der dritten Strophe. Weil er nicht die stummen Bitten Ihrer Seele hat vernommen. Ich glaube,, das klingt stimmungsvoller und inniger aus, als wenn wir in der dritten Strophe ferner noch vom Mai erfahren, dass er — kein Zweiglein mitgenommen, ■■■; Von den Cedern;und Oypressen. .. , Ddr Dichter besass in diesem Falle nicht die Entschlossenheit, ganz einfach ein Lied der allgemeinsten und unbestimmtesten menschlichen Selmsucht mitten unter die „Judenlieder" zu versetzen und dadurch anzudeuten, dass gerade im jüdischen Volke der uns allen eingeborene Sehnsuchtsschmerz besonders tiefe und schmerzliche oder innige Formen annehmen muss, bedingt durch die exceptionelle Lage und die Leiden der Jahrhunderte. Nur in den schönen Vierzeilern, welche die Judenlieder beschließen und die überschrieben sind „Unser Glück", hat er diese Entschlossenheit doch besessen und dadurch die Einheit der Stimmung bewahrt. Man mag es schon glauben, in heutiger Zeit ist auch die jüdische Sehnsucht verträumt, und die jüdische Seele möchte nicht jauchzend in die flammend rothe Sonne fliegen, sondern der milde Glanz weisser Sterne in dämmernd silbriger Mondennacht scheint ihr allein noch ein erstrebenswertes Ziel. Aber eben doch nicht nur dem Juden, sondern vielen Menschen überhaupt in heutiger Zeit und zu allen Zeiten. Ein gutes Gedicht ja; ein jüdisches Gedicht jedoch nur insoweit, wie oben schon angedeutet. Anders kann meines Erachtens die jüdische Sehnsucht heute überhaupt nicht mehr lyrischen Ausdruck gewinnen, und wo sie sich dennoch auf längst betretene Pfade wagt, da erbleicht sie rettungslos vor dem Riesenschatten eines Juda Halevy oder Heinrich Heine. Die erste Nummer von Donaths Jadenliedern ist dafür ein unumstößlicher Beweis, und vielleicht liess sich dadurch jener überschnelle Kritiker zu dem Epitheton „auffällig schwach" verleiten, obwohl dieses harte Urtheil weniger das Gedicht als solches trifft, als vielmehr nur besagt, dass die hier angeschlagenen Töne schon tiefer und gewaltiger in unserer Seele und in jüdischen Liedern gezittert haben. Ueberhaupt, wir sind zu klug und zu strebsam geworden, um die wahrhaft brennende Glut volklicher Sehnsucht noch empfinden zu können. Dazu gehört unbedingt entweder das eine oder das andere, was wir beides nicht haben: entweder das schmerzlich süsse Gefühl der ewigen Unerfüllbarkeit oder der abenteuerliche Märchensinn, der durch kecke und unerhörte übergewaltige und phantastische Heldenthaten die Braut erobern will. Noch einmal, wir sind von dem einen Extrem eben so weit entfernt, als von dem andern, und schwärmen längst nicht mehr an beiden Enden. .Wir sind so unerhört kühn geworden, dass wir überhaupt nicht mehr an die Unerfüllbarkeit irgendeiner Sache glauben, die den Naturgesetzen nicht unbedingt widerspricht. Und wieder so unerhört klug und reif, dass wir trotz unserer Kühnheit gar keinen, aber absolut gar keinen vagabundierenden Abenteurersinn aufbringen, sondern sehr kühl, sehr sachlich, sehr nüchtern die Mittel und Wege berechnen, uns vorläufige Grenzen stecken, für den Moment nur das Nächstliegende ins Auge fassen, ohne doch das scheinbar weltenferne, am Horizont erglänzende Endziel nur eine Secunde aus dem Blick zu verlieren. Die Poesie, die unserer politischen Empfindung Ausdruck verleihen will, wird uns auf diesem Wege folgen müssen. Sie darf sich der Analyse nicht entschlagen, der Darlegung der gesellschaftlichen Zustände, welche die Ursachen gewisser Bestrebungen sind, und ferner nicht der Darstellung jener maßvollen Klugheit, welche aus tiefster Erkenntnis der sachlichen Grenze heraus der leidenschaftlichen und gewaltigen Empfindung Schweigen gebietet. Adolph Donath hat gleich zwei, also geartete Gedichte in die Sammlung seiner „Judenlieder" hineingestellt, und es ist darum billig, dass ich ihn, ohne diese Versuche zu überschätzen, als einen Bahnbrecher auf diesem Gebiete begrüße. Vorläufig sind diese beiden kleinen Lieder noch der beste poetische Ausdruck für den modernen specifischen Juden schmerz und die moderne specifische Judenhoffnung. Schlicht und einfach genüg ist der Dichter 'dabei vorgegangen. Die gesellschaftliche Analyse verwandelte und verdichtete er zu einem leidvollen innigen Familienerlebnisse,