Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 19 (12.5.1899)
- Article
- Eine Gerichtsverhandlung
- Date
- 1899-05-12
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 19 „Die A Welt?4 gelassen, sich ein maßvolles Gehaben, eine ruhige Form der persönlichen und publieistischen Auseinandersetzung anzueignen. — Herr Dr. Saul Raphael Landau hat diese wertvolle Zeit unbenützt verstreichen lassen. Es war seit jeher die Tendenz vorhanden, Herrn Dr. Saul Raphael Landau möglichst zu schonen. Aber Herr Dr. Saul Raphael Landau hat diese Tendenz missverstanden, er hat eine — vielleicht manchmal zu weitgehende — gutmüthige Schonung sür Schwäche angesehen, und hat sich nicht ändern wollen So lange er als Abladeplatz für seine Jnvectiven diverse Blättchen benützte, die sich sonderbar speckig anfühlen, so lange konnte man über ihn gleichgiltig zur Tagesordnung übergehen. Der sonderbar gefirnisste Rahmen der betreffenden Blätter hat die abgedruckten Jnvectiven jeder besonderen Aufmerksamkeit unwert gewacht Im Vollgenusse dieser Nachsicht hat es nun Dr. Saul Raphael Landau versucht, während des Berichtigungsprocesses, dsn er gegen die „Welt" jüngst angestrengt, Herrn Tr. Th. Herzl zu beleidigen. Aus diesen Versuch hin erhob der Vertreter der „Welt", Dr. Victor Rosenfeld, sofort die Ehrenbeleidigungsklage gegen Herrn Dr. Landau. Die Verhandlung, die mit einer Vertagung endete, fand am 9. Mai statt. Im Nachfolgenden einiges über den Verlauf der Verhandlung : Dr. Landau beginnt mittels eines sehr breiten Redestromes sich zu verantworten und spricht über dies und das. Ueber die verschiedenartigsten Dinge. Vom Baseler Congress erzählt er, vom Grafen Badeni, von der Jüdischen Eolonialbank, vom Abg, Wolf, von Bernhard Lazare, von einem Herrn Podwanski oder Podnanski aus Lodz, der Zuhörer des gemischten Vortrages empfängt den Eindruck, als gienge H. Dr. Landau darauf aus, durch winkelige Abschweifungen das Thema der Verhandlung zu deplacieren. Endlich wird die Sache dem Vertreter Dr. Herzls zu bunt. Dr. Rosenfeld: Verehrter Herr Richter! Bis jetzt hat der H. Angeklagte nichts Anderes gethan, als sich bemüht, Geschichten zu erzählen, die mit dem Gegenstände, auch wenn man sehr reiflich nachdenkt, nicht im geringsten Zusammenhänge stehen. Was uns angeht, was für Arbeiten der Herr Podvanski hat, weiß ich lnicht gut; was uns angeht, welches Urtheil H.Bernhard Lazare über die Colonialbank fällt, weiß ich nicht gut. Ich weiß nur, dass der H. Angeklagte sich bemüht hat, irgend etwas, was ein Bernhard Lazare über eine Colonialbank gesagt hat, zu erzählen. Ich glaube, dass es nicht angezeigt ist, den H. Angeklagten - so weiter Vorgehen zu lassen. Er soll sagen, welche Anträge er . stellt, um nachzuweisen, dass H. Dr. Herzl eiu Verleumder und Ehrabschneider ist. Richter: Ich bitte doch endlich in me<Has res zu kommen. Dr. Landau: Ich muss eine zusammenhängende Darstellung geben, weil sonst alles unverständlich ist. Ich muss eine historische Entwicklung des Ganzen geben. Richter: Also bitte vielleicht im Verlaufe dieser Darstellung pracise Anträge zu stellen. Dr. Landau setzt nun dort fort, wo er früher aufgehört hat. Der Redestrom wird immer breiter. Er erzählt wieder von der Jüdischen Colonialbank, von der Druckerei der ,Welt", von einer Ohrfeige, die er dort nicht erhalten haben will — Richter (unterbrechend): Ich bitte nun verschiedene Anträge zu stellen; inwiefern ist im Verhalten des Herrn Dr. Herzl - eine Verleumdung und Entstellung begründet? Welches waren die entstellten Behauptungen und inwieweit sind sie Verleumdungen?- Dr. Landau: Ohne den Zusammenhang der Thatsache kann ich das nicht. Richter: Hat er das behauptet, was Sie sagen und wieso hat er Sie dadurch verleumdet? Dr. Rosenfeld: Man kann zuerst die Anträge stellen und dann die „historische Entwicklung"geben. Wir wollen wissen, welches ist die Verleumdung und Entstellung. Dr. Landau: In Basel hat mich der Privatankläger in . einer nicht entsprechenden Weise behandelt, er hat mich verhöhnt. Es ist dies mehreren Herren ausgefallen, und es wurde mir sogar das Wort entzogen. Es begaben sich die Herren zu Dr. Nordau und fragten ihn, warum ich so behandelt werde. Nordau erklärte den Herren, wenn sie wüssten, was der Landau dem Dr. Herzl alles angethan, so würdem sie sagen, dass das alles noch zu wenig sei. Ich beantrage dafür als Zeugen Dr. Nordau aus Paris und Herrn Dr. Friedemann aus Berlin. Richter: Ich yabe verstanden/dass Dr. Nordau zu den Herren gesagt hat, wenn sie es wüssten, dann würde alles noch zu wenig sein. Also gut! Dr. Landau: Daraus geht hervor, dass mich Dr. Herzl in nicht ehrenhafter Weise erwähnt und gegen mich ausgesagt hat. Dr. R o s e n f e l d : Also eine Aeußerung des Dr. Nordau? Dr. Landau: Aber daraus geht hervor/dass Dr. Herzl verschiedene nicht ehrenhafte Dinge von mir ausgesagt hat. Tags darauf kam wieder ein guter Freund zu Dr. Herzl-und fragte ihn ebenfalls, was haben Sre denn eigentlich gegen Landau? Darauf sagte Dr. Herzl wiederholt: „Ich kann es Ihnen nicht sagen." Wie diese Mittheilung vom Herrn Privatkläger auf den Zeugen, den ich sogleich namhaft machen werde, gewirkt hat, geht „daraus hervor, dass dieser Mann, der mir sonst zweimal in der '* Woche schrieb, zwei Monate nichts von sich hören ließ und erst vdr fünf Wochen, als ich in Paris war, mir sagte, weshalb das erfolgt ist. Der Name dieses Herrn ist Jaques Bahar. und zu ihm . hat Herr Dr. Herzl gesagt, dass ich Briefe unterschlagen und erbrochen hätte. Dr. R o s en f el d: D a s werd en wir nicht leugnen! (Sensation.) Dr. Landau: Es war Ende August 1898> als Dr. Herzl diese Aeußerung gethan hat. — Dr. Landau benützt nun die Gelegenheit, um ein bisschen über eine angebliche Wahlreform des Aetionscomites zu plaudern. Dr. Herzl: Das ist vollständig erfunden! Dr. Rosenseld: Er agitiert jetzt ein bisschen. Dr. Landau bemüht sich noch auseinanderzusetzen, dass er nicht für Geld in antizionistische Blätter schreibe und keineswegs ein gesinnungsloser Journalist sei. Nun ergreift Dr. K. O r n st e i n (Vertreter des Dr. Landau) das Wort zur Formulierung der Anträge: Dr. Nordau wird als Zeuge darüber geführt, dass beim Congresse Nordau sich geäußert hat, die Wortentziehung durch . Dr. Herzl sei viel zu wenig, wenn man wüsste, was Dr. Landau dem Herzl angethan. Man würde sagen, dass dies viel zu wenig sei. Aus dieser Aeußerung wird nun folgender Schluss gezogen: Es ist offenbar und unzweifelhaft, dass von Dr. Herzl an Dr. Nordau Mittheilungen gekommen sind über unwahre und entstellte Thatsachen, welche geeignet sind, den Dr. Landau auf das Entschiedenste in der Oeffentlichkeit herabzusetzen. Natürlich ist Landau nicht in der Lage anzuführen, was Nordau wörtlich gesagt hat; allein das Gericht kann wohl die von Herzl mitgetheilten Aeußerungen erfahren. Dem Privaten ist die Möglich- - feit nicht gegeben. Durch dasjenige, was Herr Dr. Nordau, als Zeuge vernommen, bestätigen wird, will Herr Dr. Landan Nachweisen, dass gegen ihn in derselben Weise, wie in der „Welt" — es wird vermuthet, dass Herr Dr. Herzl selbst der Verfasser aller anonymen Artikel in der „Welt" ist, oder wenigstens, dass dieselben mit seinem Wissen erschienen sind — dass also in derselben Weise wie in der „Welt" gegen Herrn Dr. Landau agitiert wurde, auch durch Mittherlungen von Herrn Dr. Herzl an Herrn Dr. Nordau, . die uns coneret nicht bekannt sind, agitiert wurde. Darüber also soll insbesondere Herr Dr. Nordau als Zeuge geführt werden. Außerdem wird die Verlesung sämmtlicher Artikel beantragt. Sollte es in Abrede gestellt werden, dass dieselben von Herrn Dr. Herzl gelesen wurden, so würde ich die Einvernehmung des Herrn Dr. Herzl beantragen, dass er die Artikel gelesen hat. Es wird ferner noch zu besprechen sein die Affaire mit Herrn Dr. Werner. Denn es wird Herrn Dr. Landau vorgeworfen, dass er ein Mensch ist, der unter ganz merkwürdigen Umständen entlassen werden musste. Ich beantrage also die Einvernahme des Herrn Dr. Werner darüber, dass derjenige Theil der Artikel, welcher sich auf die Scene mit Herrn Dr. Werner bezieht, unrichtig und entstellt ist, und beantrage ferner als Zeugen hierfür den Herrn Müller einzuvernehmen, welcher gleichfalls zu bestätigen in der Lage sein wird, dass der Theil der Artikel, welcher sich auf die Affaire mit Herrn Dr. Werner bezieht, vollkommen unrichtig und entstellt ist. Ich. erlaube mir schließlich den Antrag, dass sämmtliche Artikel und der Brief des Herrn Dr. Herzl an Herrn Dr. Landau verlesen werden. Dr. Rosenf.eld: Wir können das, was hiervorgebracht wurde, nicht unerwidert lassen, weil sonst davon Gebrauch gemacht werden würde. Der Herr Angeklagte beantragt die Vernehmung der Herren Dr. Nordau in Paris, Dr. Friedemann in Berlin und Bahar in Paris. Man nennt solche Zeugen in Galizien „Luftzeugen" Nun, ich will dem Herrn Angeklagten die Sache leicht machen. Es wird zugegeben, dass Herr Dr. Herzl diesem Herrn Bahar gesagt hat, dass Herr Dr. Landau Briefe unterschlagen und erbrochen hat, und es wird diese Behauptung, dass Herr . Dr. Landau Briefe unterschlagen und erbrochen hat, hiermit von Herrn Dr. Herzl ausdrücklich aufrecht erhalten (Sensation), um Herrn Dr. Landau die Möglichkeit zu geben, gegen Herrn - Dr. Herzl wegen der Behauptung, dass Herr Dr. Landau Briese unterschlagen und erbrochen hat, .die Ehrenbeleidigungsklage einzureichen. (Sensanon.) Es wird ferner zugegeben, dass Herr Dr. Herzl Herrn Dr. Landau den Vorwurf gemacht hat, dass er zur Zeit, als er bei der „Welt" iu bezahlten Diensten gestanden ist, gegen Bezahlung für gegnerische Blätter Artikel geschrieben und dieselben eingesendet hat. Es wird-diese Behauptung aufrecht erhalten, damit Herrn Dr. Saul Rafael Landau Gelegenheit gegeben werde, wegen der Behauptung, dass er zur Zeit, als er bei der „Welt" in bezahlten Diensten gestanden ist, gegen Be- . zahlung für gegnerische Blätter Artikel geschrieben und dieselben