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Die Welt · 1899-05-05 · 18 (5.5.1899) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
18 (5.5.1899)
Article
Deutsche Colonialgedanken
Date
1899-05-05
Page
6 (sequence 3)
Language
German
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Seite 6 Nr. 18 „Die H Welt?4 türkischen Bauern des Landes selbst und die mohammedanischen Einwanderer von der Donau und vom Kaukasus her gegenwärtig nach den besten neu zu beackernden Gebieten fleissig zugreifen. Durch eine Besiedlungsgesellschaft und dieser sich anschliessende Industrie-Unternehmungen wären einzelne Etappen ins Land vorzuschieben, die Stützpunkte für späteren Nachschub abzugeben und einen Stamm in der Zukunft wohlverwendbarer Leute heranzubilden vermöchten. Das kommende Jahrhundert wird wahrscheinlich die Erscheinung eines Panamerika zeitigen und infolge der Abschlussprincipien des neuen Erdtheiles gegenüber der alten Welt den Gang des europäischen Handels nach den culturfähigen Landmassen des Orients bestimmen. Eine Fortführung des Netzes der Anatolischen Bahn über Angora nach Kaisari und Kharput zum Euphrat und Tigris und nach Bagdad zum Persischen Golf steht in nächster Aussicht. Wie das Abschwenken des Handels nach der neuen Welt seinerzeit Kleinasien verödete, so wird der abermalige Marsch desselben nach dem Osten, der nicht zum kleinsten Theil den genannten Bahnweg schreitet, eine neue Blüte Kleinasiens wachrufen. Die über Anatolien und die Euphratländer dann bestehenden Landverbindungen wären unter deutschem Einfluss und würden ein volkswirtschaftliches Gleichgewicht Mitteleuropas abgeben gegenüber den in russischen Händen befindlichen -Weltlinien durch Sibirien und durch den Kaukasus, sowie gegenüber der durch England beherrschten Wasserstrasse durch den Suezkana]. Die kürzlich mit deutschem Oelde von Uesküb durch Macedonien nach Solonichi gebaute Bahnroute beweist, dass wir auf den Handelsstrassen nach dem Orient sicheren Fuss zu fassen entschlossen sind. Arbeiten wir rechtzeitig und zielbewusst an dem Ausbau des deutschen Machtzuwachses im Orient, so werden wir selbst zwar nicht viel der reifen Frucht einheimsen, unseren Nachkommen aber eine grosse Ernte hinterlassen. . G Der Zionismus in Prag. Die von unseren Parteigenossen in Prag veranstalteten Agitationsversammlungen, über die wir bereits in unserer letzten Nummer kurz berichtet haben, erführen in der Prager Presse eine ausführliche Besprechung. Den Verlauf der am 24. März abgehaltenen Volksversammlung schildert das „Prager T a g b 1 a tt“ vom 25. März in nachstehender Weise: Die Prager Anhänger des Zionismus hatten für gestern Abend eine jüdische Volksversammlung einberufen, in welcher zum erstenmale seit dem Bestände dieser Bewegung die Ziele des Zionismus in Prag vor einem grossen Publikum erörtert werden sollten. Zwei Wiener Vorkämpfer sollten zum Worte gelangen: Herr Dr. Leopold Kahn, Hof- und Gerichtsadvocat und der Schriftsteller Y ork-Steiner. Aber nur dem Erstgenannten war es möglich gewesen, sein Referat: „Der Zionismus als Endglied der jüdischen Weltwanderung“ zu erstatten; der zweite Redner konnte wegen tumultuöser Vorgänge in der Versammlung nicht mehr zum Worte gelangen, und der Regierungsvertreter sah sich genöthigt, das Meeting nach ungefähr Inständiger Versammlung aufzulösen. Lange schon vor Beginn der Versammlung hatten sich Hunderte im grossen Saale der Productenbörse eingefunden, der bis auf das letzte Plätzchen gefüllt war. Auch viele Frauen sah man in der Versammlung. In drei Parteien zerfielen die Theilnehmer: die weitaus grösste Zahl stellten die Anhänger der zionistischen Bewegung, während die beiden anderen Parteien. . Socialisten und czechische Juden, die Minderheit bildeten; als die beiden letztgenannten Fractionen im Beginne der Versammlung Geschäftsordnungsanträge stellten, die von ihren Anhängern und Gegnern mit lärmenden Zurufen begleitet wurden, kam es zu überaus erregten Scenen, die minutenlang andauerten. Der Regierungsvertreter sprach bereits die Auflösung aus, und schon betrat Sicherheitswache den Saal, um ihn zu räumen, als der Gastredner Herr Dr. Kahn und ein Theilnehmer in czechischer Sprache an die Versammelten einen warmen Appell lichtete, im Interesse der Sache Ruhe zu bewahren und eine Verhandlung zu ermöglichen. Und es trat wirklich Ruhe ein und über die eindringlichen Bitten des Einberufers gestattete der Regierungsvertreter die Wiederaufnahme der kaum begonnenen Versammlung. Aber nach einer Stunde begann der Tumult von neuem in verstärktem Masse, und diesmal wurde das Meeting endgiltig von dem Schicksale der Auflösung ereilt. Die zahlreich aufgebotene Sicherheitswache hatte Mühe, das Versammlungslocale zu räumen. Bis auf die Strasse pflanzte sich die Erregung fort. Erst gegen zehn Uhr nachts hatte der Heuwagsplatz wieder sein gewohntes stilles Aussehen. Im folgenden der Verlauf der Versammlung. Präcise 8 Uhr begrüsste der Einberufer Herr pliil. Dr. Urbach die Versammlung als die erste jüdische Volksversammlung in Prag, in dem sich ein so hervorragendes Stück Geschichte des abendländischen Judenthums abgespielt hat, und es freue ihn, dass heute die Gelegenheit geboten sei, die alte Prager Judengemeinde mit dem Wesen und den Zielen der zionistischen Bewegung bekanntzumachen. Herr Dr. Kahn und Herr Y ork-Steiner werden hierüber die Referate erstatten. Als Herr Dr. Urbach Herrn Dr. Kahn das Wort ertheilen wollte, erhob sich grosser Lärm. Es wurden Rufe laut: „Cesky!“ (czechisch!) „Präsidium wählen!“ Minutenlang währten die Tumulte, bis sich der Socialist *G ehorsa m vernehmlich machen konnte, und den Antrag stellte, es möge nach dem Referate Dr. Kahns die Discussion eingeleitet werden. Der Antrag wurde einhellig angenommen und sodann über Vorschlag Dr. K ah n s Herr Rabbiner Dr. Neumark aus Rakonitz zum Vorsitzenden der Versammlung gewählt. Er bat eindringlich, die Verhandlungen ruhig zu führen; sie gelten ja keiner politischen Bewegung, sondern der Sache des ganzen unterdrückten und Hungers sterbenden jüdischen Volkes. In demselben Sinne spricht auch ein Theilnehmer in czechischer Sprache, worauf Ruhe eintritt, und der Referent Herr Dr. Kahn das Wort nimmt. Er erörtert in eingehender Weise den Begriff dos Zionismus und die Ursachen der Bewegung. Es gebe einen religiösen und einen politischen Zionismus; der erstere sei die Sehnsucht des aus seinem Lande vertriebenen aber doch durch achtzehn Jahrhunderte treu gebliebenen Judenthums. Er habe das jüdische Volk, das von einem Lande zum anderen getrieben, das in Ghettos eingezwängt wurde, aufrecht gehalten. Aber erst durch den politischen, praktischen Zionismns, auf den schon Spinoza hinwies, habe sich die Idee zur Realität durchgerungen. Diese nahm in jener Zeit ihren Anfang, als die verfolgten Juden Russlands und der Balkanstaaten die ersten Colonien in Palästina begründeten. Als die vormaligen türkischen Rajas, Rumänien, Serbien und Bulgarien sich zur staatlichen Selbständigkeit emporschwangen, erwachte auch in den modernen Parias der Gesellschaft, in den Juden, derselbe Gedanke. Und diese kleinen Colonien haben gezeigt, dass dieser Gedanke mächtig genug ist, um aller Welt zu zeigen, dass der Jude auch Bauer und Winzer sein kann, wenn er eine eigene Scholle besitzt. Dr. Kahn erörterte sodann die Grundzüge des Baseler zionistischen Programmes, das eine rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina und Syrien für alle diejenigen Glieder der jüdischen Nation erstrebt, welche sich anderswo nicht assimilieren können oder wollen. Er schilderte sodann das Elend der galizischen Juden, von denen 600.000 unter den traurigsten Verhältnissen ihr Dasein fristen. Die Lage der jüdischen Erdwachsarbeiter in Boryslaw sei die düsterste, die man Sich denken könne. Die Tragik des jüdischen Arbeiters liege darin, dass seine Löhne noch viel tiefer stehen als die der anderen Arbeiter, eben wegen seines Judenthums; der jüdische Arbeiter sei noch froh, für einen Taglohn von 30 oder 40 kr. überhaupt Arbeit zu finden. Auch die jüdische Intelligenz sei heute schlecht daran. Wenn es allen schlecht gehe, gehe es dem Juden immer noch schlechter, weil er ein Jude ist. Ais Abhilfe gebe es nur ein Mittel, den Zionismus. (Stürmische Unterbrechungen seitens der Socialisten.) Der Referent besprach hierauf in abfälliger Weise die Assimilationsbestrebungen und plaidierte für die jüdische Colonisation in Palästina und Syrien. Diese beiden Länder sind hierfür als die am meisten geeigneten. Palästina sei ja die Mutter des Judenthums, jenes Land, von dem alles Licht ausgegangen, und das der Weit einen Gott gegeben. Die Zionisten hoffen ihre Ideale verwirklicht zu sehen, indem sie zielbewusst an ihr Werk gehen. „Der Zionismus“, schloss Redner, „ist die Feuersäule, welche dem Judenthume vor an leuchtet.“ Stürmischer, langanhaltender Beifall lohnte die Ausführungen des temperamentvollen Redners. Der Vorsitzende dankt dem Referenten für seinen Vortrag und ertheilt dem zweiten Wiener Redner, dem Schriftsteller Y ork-Steiner das Wort zu seinem Vortrage „Die bestehenden Juden-Colonien Palästinas“. Nun bricht der Tumult von neuem los; die Socialisten verlangen stürmisch die Discussion über das Referat Doctor

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