Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 18 (5.5.1899)
- Article
- Deutsche Colonialgedanken
- Date
- 1899-05-05
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 18 „Die H Weit« Seite 5 nicht nur die dem colonisatorischen Volksinteresse willig dienenden Finanzinstitute sind für Deutschland eifrig an der Arbeit In welcher Weise die Bevölkerung über den Nützen der Colonialpolitik aufgeklärt wird, zeigt ein unlängst in den „Münchener Neuesten Nachrichten“ erschienener Artikel von Dr. L. H. Grothe über die Zukunft Kleinasiens als Colonisationsgebiet. Wir finden in diesem bemerkenswerten Aufsatze, den wir vollinhaltlich wiedergeben, Vieles, was sich mit den Gedanken des politischen Zionismus geradezu deckt. Es ist ein Programm der Culturausdehnung auf einem jetzt vernachlässigten Boden. Dr. Grothe schreibt: In Anbetracht der jüngst der Anatolischen Bahn zugefallenen Concession dös Hafenbaues von Haidar-Paseha darf wohl die Frage in Fluss gebracht werden, inwieweit die Colonisation Kleinasiens durch deutsche Volkselemeilte in die Wege geleitet werden könnte. Die Fruchtbarkeit zahlreicher Gebiete Anatoliens lockt auf das lebhafteste zu solcher Unternehmung an. Schon Feldmarschall. Moltke schrieb 1839 in seinen „Briefen“: „Wieviel Naturkräfte sind hier noch ungenützt, wieviel Bäche brausen dahin, welche Mühlen und Werke treiben könnten, welch endlose Wälder stehen unangerührt aus Mangel an Strassen, wieviel Baumaterial liegt hier umhergestreut, welche mineralischen Schätze verschliessen diese Berge, wieviel derselben liegt offen zutage und wartet nur der Ausbeutung!“ Den Gedanken, dass gerade Deutschland zur Uehernahme solcher Culturaufgaben berufen sei, begründete 1850 Ludwig Ross in seiner Schrift „Kleinasien und Deutschland, Reisebriefe und Aufsätze mit Bezugnahme auf die Möglichkeit deutscher Niederlassungen in Kleinasien“. Zu gleicher Zeit sprach Wilhelm Roscher die Ansicht aus, dass Kleinasien zu den Ländern gehöre, die in Zukunft das Erbe Deutschlands bilden sollten. Hier sei ein geeigneteres Land für deutsche Auswanderungen als Amerika, wo deutsches Capital und deutsche Kraft nur zu bald von dem neuen Lande aufgesaugt und der alten Heimat entfremdet werden. Aehnlich schrieb Rodbertus, er hoffe, die Zeit noch zu erleben, wo die türkische Erbschaft an Deutschland gefallen sein werde und deutsche Soldaten- und Arbeitsregimenter am Bosporus stünden. Leroy-Beaulieu erklärt unumwunden, dass zur Europäisierung Kleinasiens deutsche Ackerbauer sicher wertvoller seien, als russische Kosaken. Diese Ideen fanden erst in den beiden letzten Jahrzehnten lebhafteren Widerhall, v. Südenhorst in seiner Broschüre „Die Eisenbahnverbindungen Centraleuropas mit dem Orient und deren Bedeutung für den Welthandelsverkehr“ und der bekannte Wilhelm Pressei nahmen dieselben zuerst wieder auf. Seitdem haben alle, die das erwachende Kleinasien mit eigenen Augen zu sehen Gelegenheit hatten, Leute aller Berufsclassen und Parteien, sich für solche Pläne erwärmt und sie nach allen Richtungen hin ausgesponnen. Ich nenne v. d. Goltz Pascha, den bekannten militärischen Reorganisator der Türkei mit seinen anschaulichen „Anatolischen Ausflügen“, den Geologen Eduard Naumann, Verfasser des für die Landeskunde geradezu klassischen Buches „Vom goldenen Horn bis zu den Quellen des Euphrat“, den geistreichen Publizisten Friedrich Dernburg, dessen Werk „Auf deutscher Bahn in Kleinasien“ eine Fülle von Anregungen bietet, Major v. Diest, Lieutenant v. Kannenberg mit der gediegenen Sammelarbeit „Die Naturschätze Kleinasiens“, Roman Oberhummer und Professor Zimmerer, deren sorgfältiges Werk „Kleinasien und Syrien“ erst kürzlich erschienen ist, den Colonialtechniker Kaerger mit seiner scharfsinnigen Studie „Kleinasien, ein deutsches Colonisationsfeld“. Ich muss mit einer langen Reihe von Namen und Büchertiteln aufwarten, aber diese sollen dazu dienen, den Beweis zu schaffen, dass es sich nicht um Phantasiegebilde einseitiger und kurzsichtiger Schwärmer handelt. Als Resume aller jener Betrachtungen und auf Grund eigener Beobachtungen darf ich folgende Schlüsse ziehen : Die Landstriche, in denen die deutsche Colonisation einzusetzen hätte, wären der nordwestliche und der centrale Theil Anatoliens : In dem mit Mittelmeerklima ausgestatteten Tieflande die Gefilde des Sabandjasees, die Gelände der Höhenzüge am Saccaria von Adabasar bis zum schwer bestellbaren Terrassenland, das bei Ak-Hissar, etwa 40 Kilometer südlich von Adabasar beginnt. In dem etwa 000Meter über dem Meere gelegenen Hochplateau das wellige Land zwischen Eskischehir und Kutahia, infolge beträchtlicher Waldbestände gesund und keineswegs wasserarm, ferner die leicht zu bewässernden Uferzonen des Pursak von Eskischehir bis Beylik-Ahur, sowie östlich vom Zusammenfluss des Pürsak und Saccaria nach dem gutbevölkerten Agora hin die Thalsohle des Engrissu. Ueber die Culturterrains längs der zuletzt vollendeten Bahnstrecken von Kutahia über Afiun - Karahissar liegen noch keine genaueren Untersuchungen und Urtheile vor. Die südwestlichen und südlichen Partien Kleinasiens wären für deutsche Culturarbeit kein sonderlich geeignetes Feld, da dort das Griechenthum überwiegt, das durchaus zum französischen Einfluss hinneigt. Auch sind da seit längerer Zeit französische und englische Capitalien vermittelst der von diesen geführten Bahnlinien in der Uebermacht. Ein Ausgangspunkt vom Schwarzen Meere widerspricht der geographisehen Lage, die Deutschland und die Türkei zu einander einnehmen. Russland wird hier wohl auch in der Vorhand bleiben müssen. Das Eingangsthor für die deutsche Civilisationsarbeit wird Haidar-Paseha sein, wo die künftigen deutschen Quais für maritime und territoriale Unternehmungen den sichersten Stützpunkt leihen. Den Concentrationspunkt im Inneren bietet das überaus gesunde und aufschwungfähige Eskischehir. Die Marschroute für den Culturangriff sind die Linien der Anatolischen Bahn. Schon heute ist diese wirtschaftlich ein colonialer Vorposten. Deutscher Einfluss hat sich an den Hauptstationen unverdrängbar festgesetzt. Die nichtdeutschen Beamten sind nach deutschem Geiste erzogen. Den von den Anatolischen Bahnen bebauten Musterterrains werden sich weitere Plantageschöpfungen anschliessen können. Und nicht der Ackerbauer allein wird lohnenden Erwerb finden, sondern auch der industrielle Unternehmer mit Getreidemühlen, O eipressen, Seidenspinnereien, Bergwerkbauten. Die Interessensphäre der Anatolischen Bahnen ist eine gewaltige. Sie umfasst das Mutissariflek (den Kreis) Ismid und die Vilajets Brussa, Angora, Konia, eine Fläche von 255.000 Quadratkilometer und 2l/4 Millionen Einwohnern. Der einzelne Ansiedler in Anatolien muss unbedingt den Schwierigkeiten erliegen, die das fremde Land, die fremde Bevölkerung, die fremde Sprache an ihn stellen. Nur wer mit deutschen Knechten und deutschen Mägden ins Land zieht, bei deutschen Händlern seine Erzeugnisse absetzen kann, an einem Dutzend deutscher Nachbarn gegen Drangsalierungen .Hilfe findet, an autorisierten Vertretern seiner nationalen' und wirtschaftlichen Interessen gegen Uebergriffe der wenig scrupellosen Bearntenclasse festen Rückhalt besitzt, kann im Lande dauernd Fuss fassen. Der klein asiatische Grund und Boden, sorgsam getränkt und beackert, wird mit seinem Ertrage keinen Landmann im Stich lassen. Vom ehrlichen und fleissigen türkischen Bauern wird der Deutsche, der ihm durch eine gewisse Verwandtschaft des Naturells nahe steht, wenig Neid und Anfechtung erfahren. Nur vor dem kaufmännisch raffinierten Griechen und Armenier wird er sich zu hüten haben, eine Gefahr', die wohl zu umgehen ist, wenn zugleich für die Handelsvermittlung durch deutsche Elemente gesorgt ist. Am besten Hesse sich die Besiedlung der anatolischen Gebiete durch eine corporative Organisation erzielen, ein Vorgehen, das schon Kaerger in der genannten Schrift vorgeschlagen hat. Eine Colonisationsgesellschaffc, von der türkischen Regierung mit gewissen Privilegien ausgerüstet, im möglichsten Anschluss an die Eisenbahngesellschaft gebildet, vermöchte unschwer die nöthigen Capitalien zu sammeln. Als unentbehrliche Vorrechte hätte solche Gesellschaft sich zu sichern: 1. autonome Gemeindegliederung und Verwaltung, 2. Steuerfreiheit für einen gewissen Zeitraum, 3. Bewahrung der deutschen Nationalität der Ansiedler, 4. unentgeltliche Ueberlassung geeigneter Culturstrecken, da die Landpreise in den Strichen des Hochlandes, mehr noch in denen des Tieflandes im Verhältnis zu amerikanischen, afrikanischen und australischen Ländereien nicht unbedeutende sind. Gelegentlich des Besuches des deutschen Kaisers in Constantinopel soll Abdul Hamid sich in dem Sinne geäussert haben, dass er die Hoffnung hege, deutsche Colonisten würden sich längs der Linien der anatolischen Bahnen, der neuen internationalen Handelsstrasse, zahlreich niederlassen und den klein asiatischen Bauern und Handwerkern durch ihren Fleiss und ihre Intelligenz ein nachahmenswertes Beispiel geben. Sonach dürfte es wohl möglich sein, nachdem deutsche Loyalität das türkische Misstrauen beseitigt hat unter Benützung dieser Stimmung im Serail die Concession einer Gesell sch aftsblldung auf der entwickelten Grundlage zu erreichen. Der Deutsche Handelsverein in Berlin hatte schon vor zehn Jahren den Gedanken planmässiger Colonisation in Anatolien erwogen, aber nicht zur Reife gebracht. Heute verlangen diese Ideen ernstliches Prüfen und schnelles Handeln, ehe es zu spät ist. Schon jetzt wäre es angezeigt, für kommende Unternehmungen Terrain zu sichern — die Anatolische Bahngesellschaft fände sicher Mittel und Wege hierzu — da die