Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 15 (14.4.1899)
- Article
- Die jüdische Colonialbank
- Date
- 1899-04-14
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
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<§eite 4 1* -ir. iS die H Weit** Warschau. Die hiesige Disc ontobanlc nimmt Beträge von 1 Rubel 90 Kopeken aufwärts für die Jüdische Colonialbank an. Die Subscription verspricht hier einen schönen Erfolg. M. Feld . . . n. Pinsk, 10. April (Telegramm). Bei uns wurden bisher hunderttausend Shares gezeichnet Beträgt unter zweihundert Rubel für die jüdische Coionialbank nehmen in Russland ausser der Discontobank in Warschau noch die Firmen : G e b r. G. & J. Lourie in Hornel und die Pinsker Gesellschaft gegenseitigen Credits in Pinsk entgegen. * Ein katholisch er Geistliche rin Ostpreussen begleitete seine Subscription mit folgenden Worten : „Erlauben Sie einem armen katholischen Priester, Ihnen seinen bescheidenen Share, seinen demüthigen Obolus für die Jüdische Colonialbank darzubringen. Ich habe nur das einzige Bedauern, dass ich nicht über Millionen verfüge — sie würden Ihnen gehören.“ Blätterstimmen. Die „ B aseler Nachrichten“ schreiben : Schon auf dem letzten Zionisten-Congresse in Basel wurden die Grundzüge dieser ins Leben zu rufenden jüdischnationalen Colonialbank besprochen und festgestellt. Nunmehr ist der Prospectus erschienen, der die Aufbringungen) es Grundcapitales von 2 Millionen Pfund Sterling zu 1 Pfund Sterling per Actie versucht und damit vorerst ein regelrechtes Bankgeschäft zu betreiben beabsichtigt, bis es ihm gestattet sein wird, in Palästina selbst Landerwerb, Industrie, Handel und Ackerbau zu befördern. lieber die Frage der einstweiligen Verwaltung und Rentabilität der Bank antwortete schon in Basel ein Mitglied des Vorstandes: „Ob er eine jüdische Leitung für fähig halte, ein Geldinstitut zu dirigieren, damit es finanziell gedeihe?“ Die Antwort konnte nicht anders als bejahend ausfallen, denn an Proben fehlt es wahrlich in der Welt der Finanzen nicht. Die Jüdische Colonialbank wird von einigen Kritiken irrthümlich als eine religiöse hingestellt. Das soll sie nach den Intentionen der Initianten nicht sein; sie wird im national-wirtschaftlichen Sinne zur Wirksamkeit berufen. Das arme, geplagte Volk der jüdischen Rasse ist in den. Ländern, in denen es sich niedergelassen hat, kaum geduldet, meistens missachtet und noch öfters den gröbsten Unbilden ausgesetzt. Dass einige hundert Familien zu grossen Reichthiimern gelangt, ein gewisses finanzielles Ansehen geniessen, dass wissenschaftlich Gebildete unter den Juden bei ihren Fachgenossen ebenbürtig behandelt werden, sind Ausnahmen von der Regel, die die grosse jüdische Volksmasse in Russland, den Balkanländern und in Nordafrika nicht besser stellt. Was der Antisemitismus in Paris, Berlin, Wien und anderen Orten erzeugt hat, kennen alle Zeitungsleser hinlänglich, Deswegen haben jüdische Männer die nationale Fahne aufgepflanzt, dem zerstreuten Volke der Juden eine Heimat zu finden, wo sie ungestört und unbehelligt Juden sein dürfen. Das nennt man : Zionismus, und zur Erreichung dieses Zieles braucht man u. a.: Geld: Darum eine Jüdische Colonial bank. Der Mainzer „I s r a e 1 i t“ enthält folgende Unwahrheit: „2000 Mark — sind als Gründerspesen d. h. ä fond perdu gezeichnet worden, mit diesem Gelde ist zunächt eine grosse Reclame in sämmtlichen jüdischen Blättern der Welt gemacht worden.“ Der Betrag, den die Garantoren des Gründungsfonds freiwillig gesteuert haben, ist natürlich ein weit grössere)*, mit der lächerlich geringen Summe, die der brave „Israelit“ nennt, war die Publicität der jüdischen Blätter, die uns zu bekämpfen pflegen, nicht zu erkaufen. Einzelne von diesen haben sich das Inserat umso theurer bezahlen lassen, als es sie eine „Ueberwindung kostetedem Prospecte Aufnahme zu gewähren.“ * Leipziger Neueste Nachrichten! Die vorstehend genannte Corporation wird unter dein Namen „The Jewish Colonial Trust (Jüdische Colonialbank) Limited“ mit dem Capitale von 2,000.000 LstrL begründet, das in 1-999.900 Lstrl. in 1 Lstrl. Stammactien und 100 Lstrl. iü Gründeractien zerfällt» Die Letzteren, die keinerlei pecu* märe Ansprüche an die Gesellschaft begründen, werden vom „Council“ übernommen werden, einer aus circa 20 Personen bestehenden Aufsichtsbehörde, die sich aus Delegierten der zionistischen Organisati onen zusammensetzt. Dieser Behörde steht dadurch ein collectives Stirn mr echt gleich dem der gesammten Stamm actien zu, das ausschliesslich zur Währung der zionistischen Ziele, für welche die,Gesellschaft begründet wird, dien t. Der Erfolg der Emission scheint durch den Umfcing der bereits geschehenen Anmeldungen für Stamm - actien gesichert zu sein. Unter den Plänen, welche durch die Bank verwirklicht werden sollen, sind Eisenbahn-Unternehmungen an erster Stelle anzuführen, ferner die Förderung aller Industrien und Colonisationsunternehmungen in Syrien, Palästina und anderen- Theilen der Welt, wo dies dem jüdischen Volke zugute kommt. Die Ausbeutung der syrischen Kohlenlager, des Weinbaues, sodann die Errichtung industrieller Anlagen jeder Art, namentlich aber auch der Weizen bau im grossen Stile, sollen energisch betrieben werden, und es soll kurzum nicht sowohl die Erzielung ' grösserer Dividenden auf das Capital der Bank, als die finanzielle Unterst ü t z u n g allerpraktis eh en Zwecke des Zionismus gesichert werden. * * Die „Pall Mall Gazette“, eines der angesehensten Organe der englischen Presse, bringt einen, aus zionistischen Kreisen stammenden, grossen Bankartikel. „Nicht in allen Kreisen“, heisst es in demselben, „wird der Sinn des Unternehmens richtig erfasst. Mit unzureichender Kritik und billigem Witze begriissen die Weisen von der Presse das Erscheinen des merkwürdigen Bankprospectes, um sich dann, behaglich lächelnd, anderen Bankankündigungen zuzuwenden, die mehr in dem Bereiche ihres Verständnisses liegen. Die Herren sind zu entschuldigen. Die Abwesenheit all der Versprechungen, die man gewöhnt ist, in einem Aufrufe an das vertrauensselige, überflüssiges Geld besitzende Publicum zu lesen, erschwert diesen Herren die Ausübung ihrer kritischen Thätigkeit. Wie? Man verspricht keine Dividenden und verlangt von einem Volke, dem man alles eher nachsagen kann, als dass es in Finanzsachen zu wenig erfahren und geschult sei, zwei Millionen Pfund Sterling? Da müssen zwischen den Gründern und dem Publicum, an das sie sich wenden, Dinge sein, von denen sich die reinen Geldmacher nichts träumen lassen.“ Der Artikel gibt nun eine U eh ersieht des jüdischen Elends in der ganzen Welt und setzt fort: „Angesichts dieser traurigenThatsachen, die weder geleugnet noch abgeschwächt werden können, erhebt die Jüdische Colonialbank ihren Ruf in dem einzigen Lande, bis zu welchem der Judenhass nicht vorgedrungen, in dem viele, verhältnismässig wohlhabende Juden leben und volle Kenntnis von der Lage ihrer Brüder besitzen. Der Aufruf ist in einem würdigen und massvollen Tone gehalten, und obwohl die Shares vielleicht nicht gewinnbringender sein werden, als die einer Unternehmung, die man nur kauft, um sie sofort mit Profit weiter zu verkaufen, so wird man diese Shares doch viel lieber behalten wollen. Ob nun Dividenden kommen werden oder nicht, so ist doch das Eine gewiss, dass jeder Share eine Bestätigung der ehrenhaftesten Anstrengung bedeutet, die zur Lösung einer der brennendsten Fragen dieses Jahrhunderts vor dessen Abschlüsse unternommen wird. Geistig und moralisch stehen dieDirectoren der Bank auf einem für viele Männer in ähnlicher Stellung unerreichbaren Standpunkt. Das aus zwanzig Mitgliedern bestehende Council, welches die Bankoperationen zu leiten haben wird, ist in jeder Hinsicht beachtenswert. Die Judenschaft der ganzen Welt ist darin in vornehmster Weise vertreten. Selbst diejenigen, die sich über den Zionismus und die Bank lustig machen» wagen nicht die Integrität und Tüchtigkeit der Councilmitglieder anzuzweifeln oder zu behaupten, dass in den Verlautbarungen des Council irgendein Anlass zu Missverständnissen gegeben sei.“ Es werden nunmehr die bisherigen. Versuche zur Lösung der Judenfrage besprochen. Weder die Colonisationsversuche Baron Rothschilds und Baron Hirsch’, noch die Thätigkeit der Anglo-Jewish Association und des Russo-Jewish Committee haben eine dauernde Lösung zur Folge gehabt. „Man muss nun erwarten, dass vernünftiger-» und ehrlicherweise die englische Judenheit, all jener Missgriffe und Misserfolge eingedenk, den enthusiastischen Männern, die die schwere Bürde auf sich genommen, die Hand zur Hilfe bieten werden. Philanthropie und Selbstschutz gebieten es ihnen. Denn die Stellung der englischen Juden verträgt keinen weiteren Zufluss russischer Flüchtlinge. In unseren Tagen einer ungesunden Speculation empfiehlt sich dieses Bankunternehmen, das vielleicht Gewinnsfee, sichei1 aber eine gründliche Verbesserung der Lage der armen