Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 14 (7.4.1899)
- Article
- Massenmeeting in London
- Date
- 1899-04-07
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 14 „Die ft Welt“ Seite 7 Mr. E. Ish-Kishor gab der Hoffnung Ausdruck, dass alle kleinlichen Differenzen der Vergangenheit nunmehr verschwinden würden. „Wir alle sind durch das gemeinsame Ziel der Bankgründung geeinigt, die in die Zeit unseres Auszuges aus Aegypten fällt. Als Juden müssen wir Shares- Z.eichner sein! (Lebhafter Beifall.) Von dem allzu Armen wird kein Geld verlangt, wohl ab ei-, dass er diejenigen, die in besserer Lage sind, animiere. Vielleicht werden wir selber keinen Gewinn von unserem Gelde sehen, aber gewiss werden unser Volk und unsere Kinder glückliche Gewinner sein.“ Nach weiteren eindrucksvollen Ansprachen der Herren J. Lazarovitch und S. Gulebovsky ergriff, auf das Lebhafteste begrüsst, Chiefrabbi Dr. Gast er das Wort, und zwar, wie er ausdrücklich und gewohntermassen betonte, nicht im Namen seiner Gemeinde. Ja, er wisse wirklich nicht, ob er denn auch nur in seinem eigenen Namen spreche und nicht vielmehr im Namen eines ganzen Volkes. „Ich bin", fuhr Dr. Gaster fort, „keineswegs in der Absicht hergekommen, um die Flamme der Begeisterung noch mehr anzufachen, damit Ihr umso williger Shares kaufet und Euer Geld in dem finanziellen Unternehmen anleget, das der Baseler Congress zu einem dauernden Zwecke geschaffen hat. Nicht an Eure Tasche appelliere ich, sondern an Euren Verstand, ich spreche zu Euch ebenso, wie ich zu Euren Brüdern im Westend, wie ich zur ganzen Welt — wenn sie mich zu hören vermöchte — sprechen würde. Wie komme ich, der bisher jüdische Literatur in ernsten Studien getrieben, zu der Ehre des Vorsitzes über ein Meeting, das sich mit absoluter Finanz beschäftigt? Der Zionismus ist es, der so seltsame Bettgenossen zusammenführt und auch mich nöthigt, mich in fremden Gebieten umzuthun. Als ein Mitinteressent an der grossen zionistischen Bewegung spreche ich zu Euch, als Einer, der unsere Hoffnungen möchte verwirklicht sehen. Ich erwarte, dass Ihr mich fragen werdet: Wozu die Bank gut sein solle? Und ich will so antworten, dass man nicht sagen könne, ihr seiet getäuscht worden, die Sache sei Euch auf eine Unrechte Weise erklärt worden, oder gar, dass religiöse Begeisterung den Angelhaken abgegeben habe, um in trübem finanziellem Wasser zu fischen. Ein Gegner hat in der berühmt gewordenen Lastender Riesenversammlung in Dr. Herzls und meiner Gegenwart die Zionisten für Räuber erklärt, die auf den Raub des armen Volkes ausgiengen. Was damals in einer unparlamentarischen Weise gesagt worden ist, das haben Andere seither aufgegriffen und mit einem parlamentarischer! Anstriche wiederholt. Was hat ein Rabbiner, was haben Advocaten, Mediciner und Schriftsteller mit finanziellen Unternehmungen zu thun? Solche Fragen wurden gestellt und sie verlangen eine deutliche Antwort. Wir stellen bei einem entscheidenden Punkte unseres Weges — das heisst aber noch nicht so viel als: Zionismus und Bank sind dasselbe! Tausend Banken können zugrunde gehen, aber der Zionismus bleibt deswegen bestehen. Gewisse Leute leben in dem Irrthume, wenn es ihnen gelänge, durch anständige oder unanständige Mittel die neue Bank zu boycottieren oder zu verderben, so hätten sie damit den Zionismus getödtet. Solange es aber ein Judenthum gibt, solange wird der zionistische Gedanke nicht umzubringen sein. — Wie steht unsere Sache? Was geschieht, wenn unser Plan misslingt? Wer wird die Verantwortung für eine eventuelle Niederlage zu tragen haben? Meine Pflicht ist es, in einer Sache von so vitalem Interesse ganz offen zu meinen Brüdern zu reden und mich der diplomatischen Phraseologie ganz zu begeben. Was soll uns Euer Pfund Sterling? Und was wollen diejenigen, deren Namen die Frontseite des Prospectes zieren, mit der Bank anhingen? Die Antwort auf diese Fragen ist einfach: Dr. Herzl, Dr. Nordau und die anderen Führer sind ausgezeichnete Männer; wenn sie aber an die Regierungen heran treten, so wird man sie nicht allein fragen: „Was wollt Ihr?" sondern auch: „Welche Sicherheit vermöget Ihr zu leisten?" Der Sultan — odei irgendein anderer Monarch — wird doch wohl eine bindende Garantie dafür zu erhalten wünschen, dass unser Th ei! von den Contracten, die wir abschliessen möchten, pünktlich erfüllt wird. Wir müssen beweisen können, dass wir imstande sind, das, was wir versprechen, auch einzuhalten. Angenommen, es wird uns eine Concession zur Exploitierung Galiläas angeboten. Ein geschlossen wäre das Recht, Werfce, Hafen und Eisenbahnen zu bauen, Juden anzusiedeln und Juden zur Arbeit zu engagieren. Wo ist dann die Garantie, dass wir der tinanciellen Seite des Unternehmens gerecht werden? Wo ist dann die registrierte Institution, Gesellschaft oder Bank, mit der die Regierung verhandeln und die einen Check zeichnen könnte, der auf Verlangen zu honorieren wäre? Die Bank soll diese Garantie bieten. Auf sie muss hingewiesen werden können, wenn gefragt wird: Werdet Ihr den Preis für das, was Ihr zu kaufen wünscht, zu leisten imstande sein? Denn Geschäft ist Geschäft. Ja, wenn wir so einfach zum Sultan gehen und einen kleinen Firman verlangen dürften! Dann könnten wir soviel Geld bekommen, als wir nur wollten. Viele reiche Juden haben nämlich gesagt: Zeigt uns ein Stück Papier mit der Unter- . schrift des Sultans, und wir geben Euch das Geld! Gut, man wird sich diese Versprechungen für die Zukunft merken. Aber die Türkei gibt nichts auf blosse Versprechungen für die Zukunft! Deutschland, dieses starke, reiche Deutschland, hat von der nach dem Kriege des Jahres 70 erhaltenen Kriegsentschädigung zwei Milliarden in Spandau hinterlegt. Dort liegt die Riesensumme seit mehr als zwanzig Jahren müssig. Wozu thut Deutschland das? Und Russland geht ebenso vor: es hält Geld für den Kriegsfall bereit. Freilich, Russland kann durch eine Kriegssteuer Millionen einheben, aber Deutschland sowohl als Russland wollen eben gerüstet sein: Ich habe meinen reichenFreunden gesagt, sie sollten sich nicht einbilden, dass die Kriegssteuer nicht würde erhoben werden. Wenn wir die Concessionen erhalten, so werden wir auf die Erfüllung jener Versprechungen dringen. Inzwischen müssen wir unsere Kriegscasse füllen — für den Frieden. Denn wir können nicht in einem kritischen Momente, den Hut in der Hand, zu diesen „Freunden" hingehen, um vielleicht abgewiesen zu werden und nicht zu wissen, was zu thun. Unsere Pflicht ist es, uns unabhängig zu stellen, so dass wir die erste Sprosse der grossen Leiter erklimmen können. Die erste Sprosse — denn die Leiter, die zu der vollen Verwirklichung hinaufführt, hat viele Sprossen. Stellt sich einer vielleicht vor, Palästina Hesse sich mit 2 Millionen Pf. St. kaufen? Nicht einmal hundert Millionen reichen dazu aus. Aber man darf sich andererseits die Sache auch nicht so vorstellen, dass das jüdische Volk ohne Ende werde zu geben haben. Wir haben beschränkte Börse, beschränkte Verantwortung. Um den Rest können wir uns an unsere reichen Freunde wenden, die, einmal im Besitze der sicheren Erkenntnis, dass sie absolut unvermögend sind, den Bankplan pum Scheitern zu bringen, von selber kommen — und willkommen sein werden. Nicht, dass ich allezeit und unter jeder Bedingung gegen die Reichen wäre. Aber in diesem Falle thun sie wirklich nicht das Rechte. Nicht recht und nicht ehrenhaft ist es, dass sie sich weigern, mit der That zu der Sache ihrer Brüder zu stehen. Werden sie es unternehmen, im Falle, dass die Bank nicht zustande kommt, die Lage der Juden in Russland, Rumänien, Galizien oder Algier zu verbessern? Werden diese Armen nicht noch ärmer werden, nach dem unberechenbaren Verluste an Enthusiasmus, Hoffnung und Idealen? Wird nicht ihre Enttäuschung sich in Hass wandeln gegen diejenigen, die die Bankgründung hintertrieben haben? O, Juden und Christen werden aufschreien vor Empörung über die Niedertracht dieser reichen Schädlinge! Das Volk vergisst nicht. Eine neue Welle der Verfolgung wird kommen. Dann erwacht eine schmerzliche Erinnerung, und der Hass schwillt... Noch hoffe ich, durch meine Worte gewisse heimtückische Leute von den Angriffen abzuschrecken, die sie im Rücken unserer Hoffnungen planen, und sie zur Ahnung ihrer Verantwortlichkeit zu bringen. Man verleitet Euch nicht durch blendende Gewinn sthoffnungen, und ich für meine Person habe weder mit der internen Arbeit der Bank zu thun, noch verstehe ich mich auf Bankgeschäfte. Ich bin nur willens, das Opfer zu bringen, das jeder Jude bringen könnte und sollte. Vielleicht wird das Pfund Sterling, um das wir Euch angehen, verloren sein. Dann werdet Ihr Euch erinnern, dass wir Euch nicht von Goldminen, von Courssteigungen, von Profiten die Ohren vollgeschwatzt haben. Nichts von dem allen! Wozu wir auffordern, ist, dass Ihr einen Trust mitgründet, der einzig und allein den Zweck verfolgt, Concessionen zur Erfüllung des zionistischen Ideals zu gewinnen und eine gesicherte Heimstätte in Palästina zu erwerben. Freche Worte sind laut geworden. Man hat von Trug, Täuschung, Schwindel gesprochen. Was ist’s damit? Sind vielleicht die Namen, die auf dem Prospecte stehen, die von Schwindlern?“ Es folgte nun eine markante Scene. Dr. Gaster, der sich in Erregung gesprochen, verlas die ganze Namensliste, hielt nach jedem Namen inne und fragte: Ist das vielleicht ein Schwindler? Hundertfältig scholl es zurück: Nein! Nein! „In der That", setzte Dr. Gaster fort, „das sind keine Schwindler! Das sind Leute, die gesagt haben: Wenn die Reichen, die Banquiers nicht helfen wollen, nun, dann helfen