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Die Welt · 1899-03-31 · 13 (31.3.1899) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
13 (31.3.1899)
Article
Die Millionen der Ica
Date
1899-03-31
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13 „Die s£r Welt“ Seite 3 arlig* ausgeüble Wohlthatigkeit d «s ökonomische Verkehrsmittel der Bank nicht entbehrlich maciil, lässt sich aus einem Beispiele erkennen, welches uns dieser Tage aus Palästina gemeldet wurde. Die auf wohlthätige Art hinverpflanzten Kolonisten leiden unter harten Creditbedingungen. Der Zinsfuss beträgt 24 bis 30 Percent für das Jahr. Eine Bank, die in solche Verhältnisse eintiitt, ist doch wohl ein Bedürfnis, und zwar ein umso grösseres, je mehr Geld schon für die praktische Golonisation vorhanden ist. Wollten die Colonial-Gesellschaften ihre Fonds nicht in der Richtung verwenden, welche den Wünschen des Volkes entspricht, so wäre die Bank eine Noth wendigkeit, und zwar als Ersatz. Wenn nun daher die verschiedenen grossen und kleinen leas aber in derselben Richtung marschieren, so ist die Bank erst recht eine Noth wendigkeit, und zwar als Ergänzung. Die Argumentation unserer Gegner wendet sich gegen sie selbst. Je mehr Millionen die Colonisations- Gesllschaften zur Verfügung haben, umso nothwendiger wird die Bank für die Ansiedlung im Grossen. Wer versteht das nicht? P Die Woche. Wien, 29. Marz 1899. In Rhynsburg bei Leyden wurde dieser Tage ein Museum feierlich eingeweiht. Das Museum gilt dem Andenken eines Mannes, der ein geschickter Glasschleifer und ein grosser Denker war — dem Andenken des Benedict Spinoza. Vielleicht ist dort in einem Zimmer ein Schrank, in dessen oberen Etagen altehrwürdige Bücher, solide Schweinslederbände, „Schulter an Schulter“ nebeneinander stehen — und in der untersten Etage liegen in zierlichen Sammtetuis blanke Glaslinsen mit gelber Messing- oder brauner Hornfassung. Thatsächlich, man könnte meinen, Spinoza habe nur sein philosophisches Forschen symbolisch andeuten wollen, als er sich zum Handwerkstische niedersetzte und Glaslinsen rundete. Es besteht ein sinniger Zusammenhang zwischen dem Glasschleifer und dem Denker Spinoza. Wenn über den Haag der Abend hereinbrach und seine Schatten in die Arbeitsstube des Glasschleifers sandte, wenn der Glasschleifer Spinoza aufathmend sich erhob, den Glasstaub von den Händen wegblies und die Lupe, die eben die letzte Glättung bekommen, weglegte — da legte er sie nur scheinbar weg. Der Philosoph Spinoza nahm dieselbe Lupe und untersuchte mit ihr beim Scheine der Lampe das verschlungene Fadenwerk, den Zick-Zack menschlicher Dinge. Wenn er den Tubus, in den er eben die Linsen eingerahmt, beiseite schob - so schob er ihn keineswegs beiseite. Er sass eine Weile später, mit demselben Fernglase und spähte herum in den dämmerigen Winkeln der Ewigkeit und Unendlichkeit, er drehte so lange an den Schräubchen seines optischen Instrumentes, bis er die verschwommensten Fernen des Welträthsels dicht an sein Auge herangerückt hatte, den Schöpfer sowie die Schöpfung, bis alles, was da himmelweit getrennt schien, im Gesichtsfelde des Fernglases eng zusammenrückte und schliesslich verschmolz. ,3Die Substanz denkt und ist ausgedehnt — die Ewige, Unendliche,“ sagte ruhig der Forscher, klappte den Tubus zusammen und griff nach dem Diamantspatel, der auf dem Tische zwischen dem Handwerkszeuge lag. Vor einer Weile hatte er mit dem Demantstifte Kreisschnitte in Glasplatten gegraben und die Ränder der Linse gefeilt, jetzt ritzte er mit demselben Griffel, das, was er durch die Linsen erschaut, in unverwüstliche Tafeln. Und fürwahr, wenn wir den Spinoza lesen, so sehen wir auf den Zeilen noch den Demantstaub, der sich in feinsten Tbcileben von der Griffelspifze losgelöst hat: darum leuchten auch diese Schriftzüge so im Dunklen, darum sind sie so fest und dauerhaft. Und vielleicht hat gar der Optiker Spinoza bei seiner Schleifbank symbolisch ausdrücken wollen, was den Philosophen Spinoza schmerzlich bedrückte. Er hat vielleicht eine Kritik des beschränkten menschlichen Erkenntnisvermögens geben wollen, als er Gläser schliff, mit denen die kurzsichtigen stumpfen Augen der Menschen bewaffnet werden sollten. Es ist ein eigenartiges Bild: Der Denker, der durch die Ewigkeiten rasen möchte, stösst bei jedem Schritte an die kläglichen Grenzen einer enggezogenen Erkenntnis, und der Optiker, als wollte er dem ein gekerkerten Denker zu Hilfe kommen und das sinnliche Hauptthor einer einströmenden Erkenntnis gewaltsam erweitern, hockt auf dem Stühlchen und schleift und schleift.— Zur Zeit, als er die Lehre von der Undeutlichkeit und Verschwommenheit der Sinneswahrnehmung, seine Lehre von den „inadäquaten Ideen“ schrieb, — zu jener Zeit hat er wohl besonders eifrig sich aufs Gläserschleifen geworfen. — Es ist ein erkenntnistheoretischer Zug in diesem Abschaben der Glasscherben, etwas wie eine ironisch-wehmüthige „Kritik der reinen Vernunft“. Benedict Spinoza; — — aber er hat ursprünglich anders geheissen. — Baruch Spinoza. — „Baruch“ — so beginnen die meisten hebräischen Segensformeln. Doch die damaligen Cleriker — es müssen das wohl eine Art Protestrabbiner gewesen sein — waren der Ansicht, dass die Formel „Spinoza“ nicht wie ein Segensspruch ein geleitet werden dürfe; es passe vielmehr ein kerniger Bannfluch recht gut zu ihr. Und sie fluchten. Dumpf und hässlich. Da legte auch Spinoza das Baruch weg, gleichmüthig und ruhig, wie er alles that, und hiess sich Benedict. — Warum wohl, wenn wir den Namen Benedict Spinoza vor uns hinsprechen, schleicht sich immer das Baruch auf unsere Lippen und will das Benedict verdrängen? Und ein heimlicher Stolz, der sich seine Eitelkeit nicht eingestehen will und nicht zugeben will, dass er eigentlich eine Schwäche ist — ein heimlicher Stolz flüstert uns zu: Der Jude Spinoza! Unser Spinoza! — Wohl, es ist wahr, wenn der Jude von Spinoza spricht, so sagt er mit Vorliebe : „Der Jude Spinoza“; der Jude reclamiert mit Selbstbewusstsein den grossen Mann für das Judenthum. Es mag sein, dass sich hinter solchem Selbstbewusstsein manches Stück Selbstgefälligkeit birgt, es schmeichelt, wenn man einem grossen Manne dasselbe Attribut verleihen kann, das man selbst trägt, das Attribut Jude. Etwas Gemeinsames mit dem gewaltigen Geistestitanen — man ist recht angenehm berührt von so einer Erwägung. Nun, dieser Stolz, der so gerne auf die grossen Volksgenossen hinw-eist, ist ja allen Völkern eigen, die sieben Städte, die sich um den Ruhm zanken, einen Homer geboren zu haben, sind auf der ganzen Erde jederzeit vorhanden — aber wenn die Juden, wie man ja oft bemerken kann, irgendeinen jüdischen Geisteshelden fast habgierig für das Judenthum reclamieren, so hat es damit eine eigene Bewandtnis. * H * Die Juden haben nämlich eine ganz besondere Ehrfurcht vor geistiger Grösse. Der Jude, der typische Jude, wird' seinen ganzen übrigen Körper vernachlässigen, um das Gehirn zu pflegen und zu verfeinern; bei einem anderen wird ihm nichts so sehr imponieren, wie geistige Ueberlegenheit. Er wird vielleicht vor einem Geldsacke einen servilen Knix machen, weil er sich von der Freundschaft des Geldsackes persönliche Vortheile erhofft; er wird vielleicht, wenn ^er auf der Landstrasse mit dem Hausier* hündel wandert, mit Hochachtung auf die entblössten Armmuskeln eines Fleischergehilfen blicken, der im Wägelchen

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