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Die Welt · 1899-03-10 · 10 (10.3.1899) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
10 (10.3.1899)
Article
Dreißig Tage vor Passah ....
Date
1899-03-10
Page
5 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10 „Die Welt« Seite 5 Ob die Weisen unserer Vorzeit mit vollem Bewusstsein einen Gesetzeszaun um den anderen errichteten, um nur ja die bedrohte, auf so weite Gebiete zerstreute Heerde Israel zusammenzuhalten? Vieles deutet darauf hin. Aber wie dem immer auch sei, die Gesetzeszäune, der „Aberglaube" der Nichtjuden, hat seinen Dienst gethan. Wir sind trotz der verschiedenen Sprachen und Schicksale das geblieben, was wir nach der Ansicht des unsichtbaren Lenkers unserer Geschichte bleiben sollten: ein einiges Volk. Mein armerOnkel! Wie viele Jahre hindurch habe ich Dich und Dein stilles Martyrium verkannt; jetzt glaube ich zu wissen, warum Du dreißig Tage vor Passah das Studium der Passah-Vorschriften beginnst. W Die Woche. Wien, 8. März 1899. Durch der Ostmark wind-weite Weide-Wiesen, über wipfel-wiegende, walküren-wohnliche Wetter-Eichen und Wurzel-Wälder, über Wisper-Wogen und Wate-Weiher wehet des weis-wägenden, werk-waltenden Wort-Wartes weckender Werbe-Wunsch : „Los von R o m!“ Unsere Deutschnationalen sagen sich vom römischen Katholicismus los. Um diese Abfallbewegung hat sich bereits in den katholiscli-clericalen und deutschnationalen Organen eine leidenschaftliche Fehde entsponnen, die Kanzelberedsamkeit hat sich hitzig des Themas bemächtigt, höheren Ortes werden Repressivmassregeln ergriffen, in der Luft sind schon die gespannten Gase des Glaubensstreites. — Wir dürfen dein Plänklerfeuer, das sich vor unseren Augen stärker und stärker entwickelt, mit der Miene des unbetheiligten Beobachters zuschauen, — aber die Los von Rom-Bewegung hat schliesslich Anspruch auf das Interesse, das man jeder anderen geschichtlichen Erscheinung entgegenbringt — sine ira et studio. Und wir können zudem an diesem Beispiel beobachten, in welch paradox verschlungenem Aderwerk unser „öffentliches Leben“ kreist. Und wahrlich die Losvon-Rom- Bewegung hat eine äusserst barocke Seite. Die Deutschnationalen geben für ihren Abfall nationale Motive an, sie wollen aus der katholischen Kirche aus springen, indem sie erklären, dass ein Glauben, der im Vatican erdacht wurde, nicht für den Teutoburger Wald passt, da letzterer doch so weit von den sieben Hügeln entfernt ist. Der Geist der katholischen Kirche, wie er sich im Mittelalter durch den Einfluss des Papstthums entwickelt hat, soll dem „deutsclivolklichen Geiste“ nicht entsprechen. Nun gut. Aber was thun jetzt die klugen Teutonen? In welches Bekenntnis übersiedeln sie? Setzen sie sich zum Runenstein und beten sie zAi Allvater Wotan? Der altgermanische Glaube dürfte doch gewiss dem „völkischen Geiste“ entsprechen, er ist ein Product dieses Geistes, unter dem schattigen Schauer deutscher Eicbenkronen ist er aus dem Gemüthe des germanischen Volkes hervorgequollen, und beim heimlichen Murmeln deutscher Waldquellen hat der Ahne die Lehre dem Enkel zugeraunt. Der Mythos Hesse sich etwa nach modernem Schnitte zustutzen und könnte vielleicht im Lichte des 19. Jahrhunderts ohne allzugrosse Scheu anftreten. Lesen wir doch täglich in den deutschnationalen Blättern in affectiertem Wortgedusel die Anlehnung an jene verschollenen Waldtage. Oder da die moderne Naturwissenschaft gegen das Vorhandensein einer himmlischen Walhalla irgend ein Bedenken äussern könnte, so erklärt sich die ganze germanische Jung-Mannsehaft wohl für comfessionslos? Nein, fehlgeschossen! Sie, die eine Reinheit des germanischen Geistes wollen, sie sitzen nicht beim Runenstein, sie blättern nicht in der Edda — sie kehren zur Bibel zurück. Der Protestantismus hat es ihnen angetlmn, der in seinem formalen Princip als oberste Satzung die Hochhaltung der heiligen Schrift verlangt. * * * Um diesen Bockssprung der Deutschradicalen in seiner ganzen imposantenGrösse zu begreifen, muss man sich daran erinnern, dass auf dem teutonischen Programm in fettgedruckter Schrift das Gebot des Judenhasses prangt. Und jetzt begehen sie eine solche Abernheit. Weil ihnen Rom von Deutschland zu weit entfernt ist, entscheiden sie sich für Palästina. Teut, der Rassenanfisem.it besudelt den heiligen Boden und zur selbigen Zeit küsst Teut, der Lutheraner, mit heisser Inbrunst die Scholle Judäas. Man muss sich entsinnen, dass der Protestantismus ungleich jüdischer ist, als der Katholicismus. Der Grundzug der Reformation, der Los-von-Rom - Bewegung des 16. Jahrhunderts, ist eine Renaissance der biblischen Anschauung. Der jüdische Geist, wie er im alten Testament und in den Evangelien athmet, wird von abendländisch - mittelalterlichen Zuthaten gesäubert. Der Wittenberger Augustinermonch, der den Cölibat beseitigte, die Klöster wegblies, die härenen Gewänder und Geisselwerkzeuge verbrannte und das ganze Arsenal der Askese demolierte, wusste, dass er damit nur die Restaurierung altbiblischen Geistes durchführe, der nichts von einem hohlwangigen Spiritualismus weiss. Wein, Weib, Gesang — das ist ein Dityrambus, der an das Jauchzen des hohen Liedes gemahnt. Auf dass der Erdgeruch Judäas lateinisches Räuchenverk exorciere, darum übersetzte Luther die Bibel, darum trat Reuclilin durch die niedrige Thüre der dumpfigen Ghetiostube und lernte das semitische Idiom. An der niedrigen Thüre war die „Mesusa“ angeheftet, und der protestantische Reformator, der sich beim Eintreten bücken musste, bückte sich vor dem Geiste des Mosaismus. Der Scheiterhaufen, auf den Luther vor dem Elsterthore zu Wittenberg die päpstliche Bannbulle und das eanonische Rechtsbuch warf, ist eine Demonstration gegen die Scheiterhaufen, auf denen damals die Kölner Katholiken die hebräischen Bücher verbrannten. Jüdisch-völkischen Geist wollte Luther phönixartig aus der glimmenden Asche vor dem Elsterthore aufsteigen lassen, und er that das bewusst, mit klarer Absicht. An jüdischem Geiste erfreute sich der Uebersetzer auf der Wartburg, als er sich in die sinnigen Parabeln, in die holde Gleichniswelt der Bibel, in den süssen Zauber des Morgenlandes vertiefte, und ein jüdisches Messiasideal wollte er seinen Deutschen schenken, das sich verwandt an schmiegt an die traditionellen Bilder des Elias, Elisa und Moses. — Das alles that Luther bewusst; mit sicherem Fuss und offenem Auge machte er den imposanten Schritt von der Wartburg auf den Zionsberg. Die lächerlichen Miniatur-Reformatoren von heute aber taumeln mit einem „Nieder mit den Juden“ blindlings ins Judeiithurn hinein. Auf der Bibel, die der Teiito-Fanatiker jetzt ehrfurchtsvoll an sich drücken soll, findet er noch die staubigen Spuren seines gestrigen, verachtenden Trittes. Sie beziehen ein Gemach, dessen Wände sie mit plumpen Beschimpfungen über und über bekritzelt haben. — Mögen sie es dort wohnlich finden. •5* Ah, es ist ein eigener Zug der Vergeltung, der sich da in der Geschichte offenbart. Wie ein hohn volles Lachen der Schadenfreude klingt es heraus. Die erbittersten Feinde Judas werden von den krausen Wellen der Tagesströmung hingespült an den Strand Palästinas und steigen — sie wissen nicht wie — ans Land, um hier andächtig zu weilen. Sie ziehen aus, um zu fluchen, und plötzlich liegen sie segnend und bewundernd vor dem Geiste Israels im Staube. Die Stimme von Bileams Esel hören wir in dem Rufe „Los von Rom 1“ Auf der ersten Seite des deutschnationalen Blattes steht ein gewappneter Artikel gegen den schädlichen Einfluss des jüdischen Schriftthums auf die deutsche

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