Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 9 (3.3.1899)
- Article
- Die Anglosachsen, das Volk Israel
- Date
- 1899-03-03
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
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Zeitc 0 „Die Eine brüte Serie dieser Publicationeu erscheint in Zürich; die am meisten verbreitete Schrift ist wohl die Broschüre: „Israel, das Wunde r v o l f." In derselben kommt die gleiche Tendenz, wie in den englischen und amerikanischen Schriften, jedoch in anderer Form zum Ausdrucke. Es werden die Vorzüge der Juden aufgezählt, und es wird die brutale und unkluge Methode getadelt, mit welcher mail die Juden zum Abfalle von ihrem Glauben gewöhnlich zu verleiten sucht. Die Schrift nimmt von der zionistischen Bewegung mit großer Bewunderung Notiz: „Eines aber muffen wir noch besonders hervorheben, das Erwachen eines überaus mächtigen und zielbewussten Nationalgefühles, wie es in unseren Tagen sich im Judenthum kundgibt. Noch vor 20 Jahren konnte man sich mit ernsthaften Reden von der nahen Möglichkeit der Aufrichtung . eines jüdischen Staates und der Wiederherstellung einer israelitischen Nation höchstens lächerlich machen. Darob haben sie selbst damals noch ungläubig den Kopf geschüttelt, und die Christen sich lustig gemacht. Und siehe da, ein Rauschen! Gott, der Herr, lässt die Geißel des Antisemitismus schwingen. Im Judenthum fängt's an, sich gewaltig zu regen. Die zionistische Bewegung entsteht und hat eine bedeutende Literatur. In allen Ländern ist sie verzweigt. Es wird ernst und eifrig agitiert re. re." Wir können dem Verfasser für soviel Freundlichkeit nur dankbar sein. -i- * Beim Überblicken des hier Mitgetheilten ist die Thatsache merkwürdig, dass die Publicationen von London, New- Aork und Zürich, obgleich von einander unabhängig, dennoch dasselbe Thema mit fast ganz gleichen Mitteln verarbeiten. Das lässt ans eine an verschiedenen Punkten der Erde bestehende, fast gleichzeitig auftretende Bewegung schließen zu dem Zwecke, die Welt auf das große Ereignis, die Rückkehr der Inden in ihr Land, vorzubereiten. Wie sehr man in nichtjüdischen Kreisen sich für den Zionismus interessiert, habe ich hier in Italien, wo es doch eine „Jndenfrage" nicht gibt, erfahren. Ein hochgeachteter Philanthrop mtt) Gelehrter (Italiener) sagte mir: „Sie haben keine Vorstellung von der Aufmerksamkeit, mit welcher d e zionistische Bewegung in den christlichen Kreisen verfolgt wird. Wir beobachten alles, was dort geschieht und begleiten alle darauf gerichteten Bestrebungen mit aufrichtiger Sympathie itub den besten Wünschen. Wir hoffen auch auf das Gelingen derselben, denn es vollzieht sich alles genau so, wie es in Ezechiel und Daniel prophezeit ward; und die Zeit der Erfüllung ist nicht mehr ferne." Man kann einen hohen Grad von Genuglhuuug darüber empfinden, dass, während in einem großen Theile von Mittel- und Osteuropa die Juden verfolgt werden und verachtet sind und sogar von einem Theile ihrer eigenen Glaubensgenossen . gerne verleugnet werden, sie in anderen Theilen umworbeir sind, und dass von Angehörigen der mächtigsten Reiche der Welt dafür gearbeitet wird — „t h e p r i n c e 1 y u a m n o f Israel^ — „d e n f ü r st l i ch e n Namen Israel" — zu besitzen. Das alles soll uns in unseren Bestrebungen nur bestärken. Und so wollen wir die Rückkehr in die alte Heimat aus eigener Kraft bewerkstelligen, im Vertrauen auf die Hilfe desjenigen, der uns trotz aller Verfolgungen während einer 2000jährigen Leidenszeit in so wunderbarer Weise erhalten und vor Auflösung bewahrt hat. Floren z, im Februar 1899. T. M. Der Zionismus in England. „Die zionistischen Versammlungen, die in dieser Woche in Liverpool. M anches t e r und L e e d s abgelullten wurden, erbrachten den (freilich fast überlliissigen) Welt“ Nr. 9 Beweis dafür, welchen Enthusiasmus diese Bewegung im Volke hervorzurufen die Kraft hat Ja, wir gestehen, dass hinter dem Zionismus zu allen Anstrengungen bereite Volksr niassen stehen. Und ebenso gehen wir zu, dass durch die neue Nationalbewegung die zerstreuten Gruppen unserer Basse einander genähert werden." Wissen Sie, wer so .schreibt? Der „J ewi sh Chronicl e“! Allerdings, nachdem das antizionistische Organ auf diese Weise seine Unbefangenheit scheinbar bewiesen, kommt es aus Angst, das Lob könnte von harmlosen Lesern ernst genommen werden, mit den bitteren Tropfen hinterdrein und macht den Trank zu einer siissbitteren Widerlichkeit. Es sei kein Wunder, wenn das Volk begeistert sei, habe man ihm doch die Rückkehr in die alte, gesegnete Heimat in glänzenden Bildern geschildert. Das ist der Preis der Lächerlichkeit, um den der Zionismus diesmal von einem blindwiithigen und erfolggeärgerten Gegner erschlagen wurde. Denn als jener Tlieaterkritiker ein Stück, das allgemein gefallen hatte, besonders verreissen wollte, schrieb er auch: es sei kein Wunder, dass man viel geklatscht habe, denn das Stück sei derart, dass man klatschen müsse. Jedoch den Scherz, mit dem man solche Gegnerschaft am liebsten abthun möchte, beiseite gelegt, tragen wir mit der bescheidenen Miene glücklicher Sieger: Was muss unsere zionistische Provinzcampagne für Erfolge errungen haben, wenn die sogenannte Logik der gegnerischen Presse so sehr aus dem Häuschen gerathen konnte? „Wir lebten“ — so schildert ein Theilliehmer der Agitationsreise seine Eindrücke dem „Jewish World“ — „in diesen herrlichen Tagen von Freitag morgens bis Montag nachmittags in einer Von Enthusiasmus elektrisierten, überschwängerten Athmosphäre. Wo die zionistische Werberschar erschien, wurden die Rednertribünen von Beifallsstürmen umtost, die einem die Thränen der.Rührung in die Augen lockten. Man glaubte sich nach Basel versetzt, so elementar und wuchtig war die Begeisterung, die aus der Volksseele aufstieg und alle Zweifel nie der warf. Die Deputation, die uns in Manchester empfieng, diente uns gleichzeitig als Führer und Herold. In Liverpool und Leeds kamen uns die theuren Brüder mit ebenso stürmischer Herzlichkeit entgegen. Und als wir am Montag nach London heimkehrten, da waren wir inniger als je überzeugt von dieser wunderbaren, echten Brüderlichkeit, die das Werk des Zionismus und zugleich sein werbendes Verdienst ist. Während des ganzen Sabbathtages war Dr. Gast er ganz deutlich — der Cliacham. Freitag abends und Samstag morgens predigte er vor Riesengemeinden in seiner schlicht überredenden, zum Herzen dringenden Art. Samstag nachts eilten wir nach Liverpool und fanden eine ungemein grosse Versammlung, darunter einige hunderte von Frauen, vor,, die mit Spannung der Botschaft harrten, auf die man sie vorbereitet hatte. Diesmal war Dr. Gaster nicht mehr der Chacham, er war der Held des Volkes, das er in eine unbeschreibliche Begeisterung versetzte. Wacker secundierte ihm Mr. Halpern, der als „ein Sohn des Volkes“ eine eindrucksvolle Rede hielt. Sonntag morgens traf das Executive omitö in Manchester zusammen, später in reichlicher, ganz Nord-England umfassender Vertretung das CentraU comitd der „English Zionist Federation“. Am Abend fanden dann die Meetings statt. Die grosse Halle des „Jew;s Free School" erwies sich als zu klein, um alle die Hörer aufzunehmen. Man müsste also eine Parallel-Versammlung in einem Nebenraume installieren, so dass die Redner vom Beifall buchstäblich umbraust waren. Sir Francis Mo nt efior e erwies sich wieder als glänzender Redner, der sein Publicum von- An- . fang bis zu Ende zu fesseln, fortzureissen* versteht. Männer und Frauen erwachen unter dem Weckrufe dieser klaren Stimme, wie aus einem langen Schlafe, und hängen an diesen Uppen, die mit jeder Bewegung eine neue Welt zu öffnen