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Die Welt · 1899-02-24 · 8 (24.2.1899) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
8 (24.2.1899)
Article
Das Land
Date
1899-02-24
Page
4 (sequence 3)
Language
German
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„Die H Weit“ Nr. 8 «Seite 4 zutreten, und was von außen kommt, wird beargwöhnt, gestört, gehindert. Doch das bringt uns vom wirtschaftlichen auf das politische Gebiet. (Schluss folgt.) Die Woche. Wien, 22. Februar 1899. Frankreich hat einen neuen Präsidenten bekommen. Das Fauteuil, in dem der Präsident bei seinem Arbeitstische zu sitzen pflegte, hatte noch nicht die letzten Spuren von Felix Faures Körperwärme abgegeben, da sass schon L o ub et just in demselben Fauteuil. Die Temperatur der Polsterung im französischen Präsidentenstuhl ist verfassungsmässig geregelt, so ungefähr 36 Grad R., und der Sitz darf nie ganz auskühlen. Wie bei einer Bruthenne. Die Staatsraison behandelt den weinenden Genius mit der gesenkten Fackel recht verächtlich; er wird im Palais de l’Elysöe, irgendwohin seitlich in einen Winkel geschoben, während durch alle Gemächer und treppauf und treppab ein Schwarm von gar klugen Staatsmännern geschäftig und geräuschvoll hinhastet. Im Hause dieses Todten geht man principiell nicht auf den Zehenspitzen; man meidet fast die dämpfenden Teppiche. Und zumal Felix Faure musste einen guten Schlaf haben, wenn er durch das pietätlose Summen nicht aufgestört werden wollte. Diesmal eilte der Schwarm doppelt nervös über den getäfelten Estrich, und vom Faubourg St. Honore und den anliegenden Strassen tönte ein beunruhigendes Rauschen herein. Besonders ein Ton, der etwas unheimlich Beängstigendes an sich hat. Wie das Knacken eines Hahnes im nächtlichen Walde, wenn der Wind in den Wipfeln schwatzt. — Wo? — Woher? — Wann knallt der Schuss? — Wird er überhaupt —- — —? Ein zager Schauer, umso zager, da er in den zwängenden Rahmen von 18 Stunden hineingepresst wird. Und auf tausend Drähten fliegt der Schauer über die ganze Erde, wie auf tausend Nervenfaden, und nun werden auch alle Länder nervös, man redet, man schreibt — Wo? — Woher?- Diesmal war eine andere Präsidentenwahl, als sonst. War sonst in der öffentlichen Physiognomie ei n e Sorgenfalte, so waren diesmal zwei, drei, vier Furchen da. Wie das wohl kam? — Drüben, jenseits des atlantischen Oceans stand auf seiner nackter Klippe der deportierte Ex-Capitän, und er schrie' herüber seine langgedehnten Rufe, wie er schon jahrelang'-schreit, vom Morgen bis zum Abend und auch die Nächte." Er ist nur ein gewöhnlicher Mensch, aber er steht auf‘dem unmassig hohen Postamente seines Unglücks, darum hört man ihn so weit, darum erblickt man ihn rings von überall her. Jetzt hat er schon ein heiseres Organ vom langen Schreien. Dürch Mark und Bein gieng es der Republik, ein. eisiger Orkan. Freilich: mit manchem gewichtigen Steine ist das Dach des Staatsgebäudes beschwert, ein Orkan kann' es nicht so leicht abheben und verwüsten. Als aber durch den Tod Felix Faures ein Stein vom obersten Giebel herunterglitt zur Erde, da schien es, als wollten die Schindeln Flügel bekommen — obwohl der Stein, der da in die Erdgrube rollte, doch gerade kein allzunaher Gevatter des Steins der Weisen war. Knapp und angestrengt mussten die anderen Steine das Dach halten. Die Republik von anno 187(1 ist vorläufig gerettet. Aber sie wäre nimmer so windfällig geworden, der Präsidentenwechsel wäre keine Präsidentenkrise geworden, wenn Dreyfus nicht auf seiner Klippe stünde. * A * Wozu es verschweigen? Man sagt durchaus keine Uebertreibung, wenn man behauptet: Frankreichs Juden sind Frankreichs Unglück. Wie machen sich die Sappeure, die Wind-Säer, welche die dritte Republik umreissen oder umbauen wollen, einen Heerbann? Ein uraltes Demagogenmätzehen wenden sie an, das in der Parteigeschichte aller Völker bis zu Ueberdruss weckender Monotonie vorkommt: sie sticken in ihr Panier den sinnigen Spruch: „Nieder mit den Juden!“ Die Juden leben gewiss nicht in der schmeichelhaften Einbildung, dass sich all diese französischen Fractionen, die den Sammelnamen „Antisemiten“ „Antirevisionisten“, etc. führen, als erstes oder gar als einziges Ziel die Verheerung des Judenthums gesteckt haben. Die Juden sind nicht so unbescheiden, das zu glauben. Ohne Zweifel: die Gegner der heutigen französischen Staatsform, welche sich als „Antidreyfusards“ zu einem bunten Allianzwust zusammengeballt haben, haben auf der Innenseite ihres Banners ganz andere Programmsprüchlein. Aber die wissenden Köpfe dieser Gruppen sind sich darüber klar, dass sie am raschesten und sichersten einen Anhang zusammenrotten können, wenn sie als Marschziel den Holzstoss, auf dem der Jude schmort, angeben. Zu solchem Schauspiel drängt sich alles Volk mit Behagen. Wie Mückentanz zur Laterne. Mob muss ja nicht wissen, was hinter dem Scheiterhaufen liegt. Träg, wie Mob ist, würde er sich ohnehin nur schwer aus seiner faulen Siesta aufräkeln, wenn man von ihm forderte, er solle hin gehen und dem Prinz Victor Napoleon, dem Herzog von Orleans, irgendeinem General oder Kuttenfreund, oder sonst einem Prätendenten der Republik, Liebesbeweise* darbringen. Viel eher ist Mob zum Hasse zu haben. Und am ehesten zum Judenhasse. — Gieng einer in christlichen Landen mit der Werbetrommel umher, so war die höhnische Münze, auf der das gedemüthigte Israel und die Titussäule geprägt sind, von jeher das lockendste und wirksamste Handgeld, das er zu vertheilen hatte. — Reeruten in Hülle und Fülle. * 4- * Die innerpolitische Lage der derzeitigen französischen Republik ist ein geradezu classisches Beispiel für die unfreiwillig destruetive Rolle, welche die zerstreuten Juden im Inneren der Staaten zu spielen gezwungen sind. Jede einzelne Sippe des Staatsstreiches hat ihr Programm mit einem mehr oder weniger dicken Tropfen antisemitischen Oeles gesalbt, und dieser sympathische Firniss wirkt wahrhaft fascinierend auf die französischen Bevölkeiungsschichten. Heisshungrig sitzen Imperialisten, Royalisten, Nationalisten, Clericale, um die grosse Suppenschüssel, in der die Dreyfus-Affaire, dieser dunkle Misch-Masch, dampft, und schlürfen die stärkende Brühe, zu der ein deportierter Jude seine Lebenskraft hergibt; Man sieht förmlich die fettglänzenden' Lippen und Mundwinkel. Zwischen jedem Löffel rufen sie : „Nieder mit den Juden“, und neue Scharen schieben sich heran zum leckeren Schmaus und verstärken die Ümsturzparteien. Hinter dem Wagen des neugewählten Staatschefs,der den Fortbestand der heutigen Republik zu sichern verspricht, hetzt man den Sansculotten einher, und damit der Meute die Hatz auf der Landstrasse zur imbeschwerlichen. Annehmlichkeit werde, lässt man sie „Nieder mit den Juden“ schreien, Das beflügelt die Beine wie Soldatenlieder. Nach der Präsidentenwahl will man Demonstrationen veranstalten. Wann rafft sich der Pöbel am hurtigsten zu einer Demonstration auf? Wenn es gilt, den Juden die Scheiben zu zerschlagen. Man lässt also den Janhagel auf die Glastafeln des Juden Rothschild los und erzielt so am leichtesten eine Kundgebung gegen das Staatsoberhaupt, zu der die .Bevölkerung“ sonst-nicht allzu flink bereit gewesen wäre. Kurz, an die Radachse eines jeden Streitwagens, der gegen das bestehende Regime aufgefahren wird, wird ein Jude angeseilt und dem geschundenen Mitgeschleiften folgt johlend die frohe Menge — gegen die Staatsgewalt. So sind die Juden durch ihren blossen Aufenthalt , im Lande ein ausgezeichnetes, fast unfehlbares Agiiationsmittel in der Hand Cntilinas. die leidenden und besten Bundesgenossen

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