Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 8 (24.2.1899)
- Article
- Das Land
- Date
- 1899-02-24
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Ar. 8 Seite 3 „Die Welt“ zeugung, dass Palästina zu den sterilsten Ländern zähle. Und die meisten Touristen sehen nichts anderes. Genau zu demselben Urtheile käme ein Araber über Oesterreich, wenn er nur von Triest über den Karst nach Laibach reiste oder nach Fiume und dann heimführe. Jerusalem fehlen alle Bedingungen für eine modern bewirtschaftete Stadt, für die Hauptstadt eines nach den Gesetzen der Staatswirtschaft geleiteten Landes. Darin gleicht es Rom, seiner einstigen Bezwingerin, in dessen unfruchtbaren Schoß die Italiener vergeblich zahlreiche Millionen versenkten. Und dennoch wird es immer Menschen geben, die nach Rom ziehen, und Leute, deren inbrünstige Sehnsucht sie nach Jerusalem leitet, denn beide sind sie spirituelle Schwestern, Welthauptstädte im Geiste. Jerusalem, die ältere, weist auch trotz seiner räumlichen und künstlerischen Geringfügigkeit, ein universaleres Gepräge auf. Nicht nur alle christlichen Culte gravitieren hierher, nicht nur Juden vieler Schattierungen, auch den Mohammedanern ist diese Stadt heilig. Diese Empfindung drückt sich auch wirtschaftlich aus, ja. sie ist die einzige Hilfsquelle dieser steinernen Stadt auf felsigem Boden. Die geistlichen Stifte, Spitäler, Hospize und Lehranstalten zieren die ueuentstehenden Vororte, ohne sie in ihrer starren Abgeschlossenheit zu beleben, und die Pilger aus Neugierde oder Frömmigkeit dringen Geld und Bewegung in das ruhige Nebeneinander von religiösen Ansiedlungen. Juden und Christen befleißen sich der größten Unduldsamkeit untereinander, die zahlreichen Seelen und Landsmannschaften bekriegen und bedrohen sich, dassman bald vergessen hat, Jerusalem als die Wiege der drei großen Offenbarungs-Religionen des Gesetzes der Liebe zu betrachten. Das Licht, das von hier ausstrahlte, kam verdunkelt zurück. Das Leben in der christlichen Gesellschaft ist das unerquicklichste, und alle officiellen Persönlichkeiten streben weg. Seit etwa fünfzehn Jahren strömen zahlreiche Juden zurück in die Heimat ihrer Patriarchen: Flüchtlinge aus Marocco, aus Persien, Russland und aus dem Armen. Die meisten entflohen blutigen Verfolgungen oder politischem Drucke, aber sie tauschten jenes Elend mit dem des Hungers und anderer Entbehrungen. Auch freiwillig kamen viele, die in stiller Gottseligkeit an der Klagemauer, dem letzten Reste des alten Heiligthums, ihre Tage beschließen wollen. Aber auch wer zu sterben kam, will leben. Wohl fließen Unterstützungen aus aller Herren Ländern, sie vertheilen sich jedoch auf so viele, dass dem Einzelnen ein Kampf ums Dasein aufgedrängt wird, so hart und grauenhaft, düster und hässlich, dass man von der Schilderung absehen muss. Noth lehrt nicht nur beten, sondern auch arbeiten. Die Juden von Jerusalem sind freudig bei jeder Arbeit; über dreitausend üben Gewerbe, von der leichten Schneiderarbeit bis zum harten Dienste am Steinbruche, und alle suchen Bethätigung. Fast jeder Bauplatz außerhalb des Jaffathores, wo jetzt die neuen Häuser entstehen, ist zugleich ein Fundort für das Material. Der Stein wird an Ort und Stelle gebrochen, behauen und verbaut; die entstandenen Höhlungen nützt man zu Cisternen, die alles Wasser liefern auf diesem quellenlosen Gebiete. Niemand kann sich jedoch dem Zauber entziehen, der über dieser Stadt der Vergangenheit ruht, nicht dem seltsamen Reize, den die starre, aber großzügige Steinwelt übt. Wenn man abends vom Oelberge die zinnenumgürtete Stadt beschaut, aus der die Grabeskirche und die Moscheen auf dem ehemaligen Tempelplatze sich am schärfsten abheben, beleuchtet von der klaren Sonne, die im Westen die Kette des Gebirges Juda in eine melancholische Farbenharmonie taucht, dann bedarf es nicht einmal der Einnerung an jene heroischen Menschen, die hier gelebt und gelitten, um einen heiligen Schauer durch die Seele zu jagen. Der Boden bestimmt die Menschen. Der Nilschlamm hat eine weiche, nachgiebige, sich stets leicht anschmiegende Rasse geschaffen, auf dem „Stein der Juden", wie die Araber das jerusalemitische Baumaterial nennen, gediehen Naturen ganz anderer Art. In diesem Boden ruht eine geheimnisvolle Kraft. Wo die Berge terrassiert werden und die Terrasse eine dünne Humusdecke erhält, lohnt reichster Psllanzenwuchs die Mühe. Wo gar Wasser quillt, sprießen alle Früchte des Westens und des Ostens, des Nordens und des Südens. Alle Getreidearten und Zuckerrohr, alle Kinder der Orängenfamilie lohnen reichlich den Anbau. Wein bester Sorte gedeiht in sandigem Boden, der bei uns nur Kartoffeln liefern würde, und findet als Karmelwein Abnahme in aller Herren Ländern. Der Oelbaum fristet noch im Gerölle auf hohen Bergschroffen ein gedeihliches Leben. Welch schöne Zukunft diesem Lande winkt, das beweisen die drei deutschen Templergemeinden und die achtzehn jüdischen landwirtschaftlichen Colonien. Was Palästina fehlt, das sind moderne Gesetze, wirtschaftliche Sicherheit. Der Boden des Arabers liefert kargen Ertrag, weil er ihm nur lehensweise überlassen wird, uud zwar alljährlich in anderen Parcellen. Er kennt nicht das starke Bauerngefühl des angeerbten Grundbesitzes, er wird zum landwirtschaftlichen Freibeuter erzogen. Der ländliche Besitz theilt sich in Emirieh und M u l k. Emirieh, das mit dem Schwerte gewonnene Land, gehört dem Reiche, ohne Ferman Seiner Majestät kann daher fast im ganzen Lande kein Stall, kein Haus gebaut werden. Palästina untersteht keinem Vali, sondern einem Mutessarif, der zur hohen Pforte direct ressortiert. Welch mühseligen Weg muss dennoch solch ein Gesuch zurücklegen, ehe die Bewilligung einlangt. Der jetzige Machthaber in Jerusalem, ein persönlicher Vertrauensmann des Sultans, gilt übrigens als ein absolut unbestechlicher Ehrenmann. Dem Einflüsse Deutschlands ist es gelungen, die Templercolonie Saron in Mulk in Privatbesitz umzuwandeln, aber selbst diesen belastet der unhaltbare Zehent von der Originalernte, eine Steuer, die Anlass zu zahllosen Quälereien und Streitigkeiten bietet. — Industrielle Anlagen stehen zwar außerhalb dieser Gesetze, aber sie leiden doch manchmal durch Willkür und Regellosigkeit. Im Jordanthale konnten die Bauern keine Grundsteuer bezahlen, der Sultan nahm daher das ganze Gebiet vom See Genezareth bis zum todten Meere in seinen Privatbesitz, den er gegen ein Fünftel des Ertrages verpachtet. Er will so die Araber zu steter Arbeit erziehen, plötzlich gut machen, was durch das falsche Wirtschaftssystem eines Jahrtausends verdorben wurde. — Ein gerechter und gütiger Mamur in Jericho sucht den Intentionen seines hohen Herrn gerecht zu werden. Aber es fehlt an Wasser, an Wasser in diesem Thale. das der wasserreiche Jordan durchströmt, auf einem Boden, dessen Weinstöcke zweimal im Jahre Trauben liefern. Die Bodensenkung des Jordanthales, das „Ghor" genannt, kann durch ein gutes, modernes Stauwerk in ein Paradies verwandelt werden, in einen „Garten gleich dem Egypterland", der es in biblischer Zeit war. Ein Ingenieur hat bereits ein Project ausgearbeitet. Da dessen Ausführung jedoch 1,500.000 Francs kosten würde, dürfte das Jordanthal noch lange dem Sultan ertraglos bleiben. — Das ist das Schicksal aller anderen Länderstriche, die in der alten Zeit durch reiche Erträgnisse sich auszeichneten. Aus eigener Kraft vermag Palästina nicht in die Reihen der modernen Wirtschaftsstaaten ein-