Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 7 (17.2.1899)
- Article
- Aus dem Palais Bourbon
- Date
- 1899-02-17
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 6 „Die # Welt“ Nr. 7 doch jedem klar sein. Heute ist die Verdächtigkeit der Strafkammer sozusagen behördlich anerkannt. Warum sollten die anderen Senate sich nicht bei näherer Prüfung auch als bemakelt und käuflich erkennen lassen? Auch das sind Menschen, die vielleicht auch lächeln oder mit den Achseln zucken und zuweilen den Weg gehen, den Chambareaud gieng. Beaurepaire wird unter sie treten und fürchterliche Musterung halten. Denn er, er prüft die Herzen und — die Nieren. Er ist eine Art Connetable der Verleumdung geworden, der Großlügenbewahrer von Frankreich. Herr Dupuy hat sich als ein Thatsachen-Politiker dareingefunden. Er verdankt sein Bleiben im Amte dem Herrn v. Beaurepaire. dem Angestellten des Herrn Blanc von Monte-Carlo. Herr v. Beaurepaire wird dem Ministerpräsidenten morgen vielleicht einige gütige Worte dafür sagen, dass der Cassationshof im Wege einer Regierungsvorlage geschändet wurde. In der Kammer fand sich eine schöne Mehrheit für die gegenwärtige Regierung. Jawohl, Herr Dupuy ist gerettet. Frankreich nicht. „N. Fr. Pr.“ Der Jargon. Von B. Tag. Es fällt beinahe schwer, mit Ernst vom Jargvll zu reden, von ihm, dem es dem Anschein nach so ganz an Ernst gebricht. Der Jargon erregt ja vor allem Heiterkeit; Lachen ist sein bester Theil. Komik, Ironie, Humor, Satire sind in jeder lllldebett Sprache von einer besonderen Anlage bedingt, von einer individuellen Befähigung; im Jargon siniM sie sich von selber ein. fast ohne persönliches HmzuthuN: sv voll von ihnen ist schon der sprachliche Ausdruck. Versucht man es, ernste Dinge auch ernst auszudriicken, so will es nicht recht gelingen; ein jedes Wort sträubt sich, eine jede Wendung protestiert dügegrm Allerdings wird diese wunderliche Wirkung nicht von jtzdeManll, nicht in gleicher Weise verspürt. Und verschieden wie die Wirkung ist auch das Urtheil über den Jargon. Es ist ja heute fast nicht möglich, in naiver Betrachtung bei dem bloß Charakteristischen einer Erscheinung zu verweilen, zumal wenn sie das Judenthum betrifft. Hier wird alles einer socialen Wertung unterzogen. Thun wir es nicht, so thun es andere, nicht für, sondern gegen uns. Der fremden Kritik, sie mag Noch so objectiv sein, fehlt in der Regel ein Element, das auch die strengste Selbstkritik hat und stets haben wird: das liebevolle Verständnis für jede Aeußernng im Leben unseres Volkes. Wir haben vor kurzem gehört, wie ein hervorragender Gelehrter, der polnische Philologe und Literarhistoriker Malecki sich über den Jargon geäußert hat. Es geschah dies bekanntlich anlässlich eines Interviews über die Judenfrage. Da meinte der Gelehrte: Bei den Bestrebungen der Juden, in Polen eine selbständige Nationalität heranszubilden, werde der Jargon einen bedeutenden Factor abgeben. Aus den Ghettowinkeln habe er sich bereits Bahn gebrochen in die öffentliche Arena, habe sich ein Volksdrama geschaffen und werde ohne Zweifel noch mehr vorwärtsdringen. Die Aussprüche des gelehrten Philologen sind von den Juden stillschweigend zur Kennlnis genommen worden. Im Jargon wird wohl viel geschrieben, aber über ihn wenig. Die Jargonfrage ist aber auch eine Cultnrfrage, und es ist für uns nicht nur wichtig, zu ivissen, welche Rolle der Jargon in der Gegenwart des Judenthums einnimmt, sondern auch, wie es damit in Zukunft werden könnte. Wir wollen versuchen, auf diese Frage ein wenig näher einzugehen. Die orthodoxen Juden, also diejenigen, die zumeist den Jargon rede», haben sich in denselben so sehr eingelebt, dass sie die Zeit und die Art seiner Entstehung ganz und gar vergessen haben. Es ist nicht Sache der Orthodoxen, nachzudenken über die geschichtliche Entstehung und Entwicklung der Enscheiimngen. Der Geist der modernen Denkweise ist ihnen meist fremd und das ist begreiflich; denn ihr Antheil an der Bildung der Zeit ist ein gar geringer. Was sie von den Vätern übernommen haben, muss doch von jeher so gewesen sein. Dies ist wenigstens ihre unbewusste Anschauung von den Dingen. Ihnen gilt der Jargon als eine Sprache, so natürlich wie jede andere, als eine echt jüdische Sprache, als ihr ureigenes Product; und es wäre nicht unmöglich, dass sie auf die Frage, wann denn die Inden begonnen hätten, jüdisch zu reden, kurzerhand antworten würden: in Aegypten, am Berge Sinai, oder schon zu — Noahs Zeiten. Es ist ja so sonderbar bestellt um das historische Gedächtnis des naiven Volkes, und gar des jüdischen. Auch verleugnet sich hiebei die alte Eigenthümlichkeit der Inden nicht, jede Erscheinung, sobald sie ins nationale Leben anfgenvmmcn worden, allmählich der Sphäre des Profanen zu entrücken. Das wunderliche Gewächs, das man Jargon nennt, in anderer Form vor Jahrhunderte» den Deutschen entlehnt, dann im Laufe der Zeiten besonders auf slavischem Boden umgewandelt und umgestaltet, ist so nach und nach zu einem förmlichen Bestandtheile des jüdischen Cultus geworden. Im Familien- und Gemeindeleben der strenggläubigen Juden ist Msch sprechen, man kann säst sagen, ein Glaubensdogma. Jede moderne Sprache, gleichviel welche, ist hier ganz eigentlich verpönt. Man gebraucht sie — soweit man sie schlecht und recht gebrauchen kann — nur wo es sein muss, also im Verkehre mit Andersgläubigen, im Handel- und Grwerbsleben. Dieser äußerste Flügel des orthodoxen Judenthums, obschon von der Strömung der Zeiten am wenigsten berührt, erfährt doch auch manche Wandlung, weüigev freilich unter dem Anstoß socialer, als innerer, nationaler Ereignisse. In den mittleren Schichten, dein numerisch größten Thetle des Judenthums, ist der Jargon nicht mehr vom religiösen Nimbus umgeben. Man gebraucht ihn, weil man ihn braucht, aber man erkennt hier auch die Nothwendigkeit der modernen Sprachen ulld pflegt sie mit Vorliebe und Fleiß. Wo einmal tzäs Priueip moderner Bildung Aufnahme gefunden hat, dort tritt der Jargvll immer mehr in den Hintergrund. Die jüdische JMllitzetch in den letzten Jahrzehnten hat ihn ganz abgethan. Neuerdings wird man freilich hier eine klssinss Wandlung htllierken, Es Will nicht geleugnet werden, däss angesichts der Mkidnalen Betvegnng im Jndenthum dir Bedeutung des Jargons eine größere geworden ist. Eignet er sich dvch vortrefflich äls ein Kittel zur Verständigung mit lM BoM. Die jüdische Jnteüigenz, soferne sie rat der Bewegung theilnimmt und das Volk an sich heranziehen will, benützt den Jargon zunächst einfach als Agitationsmittel., und unversehens wird ihre Beziehung zu ihm eine freundlichere. Aber eine Sprache, und wäre es die wunderlichste Sprache von der Welt, wie es ja der Jargon in Wirklichkeit ist, mag sich mit der äußeren Rolle bloßer Vermittlung nicht begnügen, vielmehr wird sie sehr bald aus sich heraus gar manche Blüten treibe». So sehen wir denn, kaum dass Jargonblätter zum Zwecke der nationalen Propaganda entstanden sind, wie auch schon die Poesie des Jargon sich zit regen beginnt. Es erscheinen Gedichte, Skizzen, Erzählungen. Immer mehr Jargonschriftsteller treten auf. Was früher unbeachtet und zerstreut in den Ghettotvinkeln sich barg, wagt sich ans hellere Tageslicht hervor und gruppiert sich um den lebendigen Mittelpunkt der nationalen Idee. Vor modernen, vor zarten Ohren werden jüdische Lieder gesungen, ohne dass der Unwille sich regte. Und das einigende Band bewirkt es, dass die sonderbaren Klänge — für einen Augenblick — auch dem modernen Empfinden nähergebracht werden. Im Leben des Volkes war das poetische Element des Jargon von jeher lebendig. Bald äußerte es sich mündlich in lustigen Scherzsprüchen und Anekdoten, bald schriftlich in größeren Erzählungen. Auch der Jargon hat seine Volksliteratnr. Wer, der in diesen Kreisen ausgewachsen ist, hat nicht als Kind schon gehört oder gelesen die .Wunderbaren Geschichten" vom Bal-Schem,