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Die Welt · 1899-02-10 · 6 (10.2.1899) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
6 (10.2.1899)
Article
Industrielle Unternehmungen in Palästina
Date
1899-02-10
Page
6 (sequence 3)
Language
German
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Seite 6 „Die H Welt“ Nr. 6 Und bedeutet es nichts, feiernden Händen Arbeit zu sä) affen — Leben der schlafenden Heimat unserer Väter? In doppelter, ja in vielfacher Genugthuung leben jene unserer Brüder, denen es gelungen ist, im heiligen Lande etwas zu schaffen. Das habe ich miterlebt und sage es nun weiter. Zuckungen. Von Jacques Bahar Man wird sich wohl außerhalb Frankreichs fragen, ob denn der jetzige Feldzug gegen die Criminalabtheilung des Cassationsgerichtes die Errungenschaften der letzten Monate nicht zuschanden machen könnte. Manchen wird vielleicht gar um die tagtäglich so mühsam aufgestapelten Hoffnungen auf den Sieg der Wahrheit bange werden. Diese Befürchtungen sind jedoch ungerechtfertigt; sie entstammen aus einem einseitigen Nachdenken über die Kampfphilosophie, welche ja vor allem erheischt, dass erst dann eine Partei als besiegt zu betrachten ist, wenn sie alle ihr Angebote stehenden Kräfte erschöpft hat. Bedenkt man nun, dass es sich schon lange nicht mehr um Dreyfus, sondern um die Oberherrschaft des Clericalismus in Frankreich, um dessen Rolle in der ganzen Welt handelt, so wird es keinen Wunder nehmen, dass eine so überaus mächtige Organisation über immer neue und unerwartete Waffen verfügt. Dadurch verspäten die Herren freilich den Ausgang des Gefechtes, weil sie die Macht besitzen, jedes Tempo und jede Bewegung bis in das Unendliche zu zergliedern und zu zerspalten, ebensogut als man aus einer Mücke hunderte von mikroskopischen Präparaten Herstellen und ebenso wie man darüber hundert Bücher schreiben kann. Allein aus der Mücke wird deshalb noch kein Elephant und aus Beaurepaire kein gefährlicher, wenn auch noch so lästiger Gegner. Sich im Koth herumzuwälzen, um seinen Gegner zu bespritzen, oder sich in dessen Salon eine Kugel durch den Kopf zu schießen, um dessen Teppich zu besudeln — ist auch eine Taktik, gegen welche jeder wehrlos dasteht, dafür ist sie aber die der Verzweiflung. Warum wollen die Generalstäbler die höchste Gerichtsbarkeit zugrunde richten? Weil sie sich selbst als lebensunfähig erkannt haben, so lange noch irgendeine Einrichtung aufrecht steht. Eben weil sie bereits röcheln, müssen die anderen mit in den Tod hinein. Deshalb wollten sie mit England Krieg bekommen, damit die Seemacht vor ihnen vernichtet werde, deshalb wird jetzt von ihnen der deutsche Bund hochgepriesen, damit auch der Begriff einer Armee sie nicht überlebe. Diese Zerstörungswuth alles Bestehenden und seiner selbst, diese Autophagie, die man nur bei eingesperrte», dem Hungertode überlieferten wilden Bestien beobachtet, ist eben das untrüglichste Zeichen des Todesbewusstseins. Wir haben jetzt nur die reflectorischen Krümmungen und Zuckungen zu notieren — „bis wir sie scharren ein". — Die wunderbare Seelenruhe des Crssationshofes, die „himmlische Ruhe", möchte man mit dem seligen Paduaner sagen, die er dem krabbelnden Beaurepaire entgegensetzt, ist uns für den glücklichen Ausgang eine genügende Bürgschaft. Dass die Verschwörung von Felix F a u r e, Freycinet und Consorten angezettelt wurde, weiß man ja; ob es aber die Herren ernst damit gemeint, bleibe dahingestellt. Bisher hat man die Ministerien stets gegen die Wahrheit gehabt. Nichtsdestoweniger hat Brisson doch die Revision eingeleitet, Freycinet doch das geheime und das „übergeheime" Actenpaket herausgegeben. Die Dreyfusistischen Brüder wollten mir nie glauben, wenn ich behauptete, dass alle die Herren Doppelspiel treiben, indem sie den Clericalen die Ruder zur Ausfahrt anvertrauen, sich aber das Steuer Vorbehalten, um behutsam und tückisch das Boot dem Hafen der Gerechtigkeit zuzulenken. Sie müssen den Clericalen scheinbar nachgeben, weil diese noch viel zu mächtig sind und gewiss einen Gewaltact verüben würden, was ja das Ministerium verhüten will. Es muss aber auch der Wahrheit der erkämpfte Boden belassen und ihr, wenn auch noch so karg, mit dem täglichen oder wöchentlichen Futter gedient werden, sonst würden die Clericalen sich wiederum ermannen. Die Parole ist also: „Keinem das Seine, doch jedem etwas, das Uebrige, wie es Gott gefällt." Wer also Eile hat, möge sich eben in Geduld fassen. Wir führen einen dreißigjährigen Krieg. Unsere Gegner sind bewaffnet mit Kanonenstiefeln. Säbelbeinen und Revolverblättern. Bei uns ist nur die Lanze des Wortes scharf zugespitzt. A propos von Lanze. Wir haben wieder unseren Rational-Uhlanen verloren. Ich wollte, die Affaire wäre schon zu Ende, um diese geschichtliche Figur in aller Gemüthlichkeit würdigen zu können. „Auch in einer Pfütze spiegelt sich die Sonne," sagt, glaube ich, Börne. Wer wird es je anerkennen, dass Esterhazy durch und durch Dreyfusard ist? Es ist gewiss, dass er aufrichtig bezeugt und gar aus der Schule geschwatzt hat. Er gehört zu der Abart von Lügnern, die sich nicht verstellen können. Als er einst mit Marguerite P a y s und einer anderen Dame namens Mariette Karten spielte, wendete er mehrmals den Pikebuben um, der in dem Manillespiel „der Verräther" heißt. Schließlich sagte ihm Marguerite: „Das ist aber zu toll. Du wendest Dich immer um!" „Schweig!" sagte der Uhlane, „ich habe die faulen Späffe satt!" „Ich aber nicht" fiel Mariette ein. „Du weißt, dass ich eine Jüdin und Dreyfusardin bin. Wenn Du mir den armen Kerl weiter auf der Teuselsinsel lässt, so raufe ich Dir den Schnurrbart aus und lasse Dir keine Ruhe mehr!" „Willst Du den echten Verräther nun kennen?" sagte Esterhazy und nahm den Pikebuben, kratzte den Namen „Roger" aus und schrieb eigenhändig: Esterhazy. Sodann befestigte er die Karte unter dem Nagel und mit einem Stüber schleuderte er sie ihr ins Gesicht. „Da hast Du ihn," fügte er hinzu. — Die Karte wurde aufbewahrt. Bei manchen anderen Gelegenheiten hat Esterhazy der Sache von Dreyfus auch genützt — wäre er doch sonst kein richtiger Verräther! Wer unbestreitbar. einer ist, das ist der Herr Cahn, Premierlieutenant im 74. Infanterieregiment, bei dem auch Esterhazy gedient hatte. Herr Cahn wurde von Herrn Zadoc Kahn auf ganz discrete Weise um Auskunft über Esterhazy gebeten. Das verweigerte er schroff und obendrein erstattete er einen entrüsteten Bericht an seinen Obersten, worin er den Großrabbiner denuncierte. Es erfolgte hieraus ein Scandal, von welchem sich jeder eine Vorstellung machen kann. Bei dem ersten Blick schien mir die Nachricht erfunden, denn Herr Zadoc Kahn soll ihn gefragt haben, ob Esterhazy nicht auf das Manöver vom Jahre 1894 gegangen sei — was doch ohnehin schon lange weltbekannt ist. Dagegen machte mir der Umstand, dass ein jüdischer Officier einen Großrabbiner verrathen habe, die Sache höchst plausibel. Diese Generation von judenscheuen Juden hat der Großrabbi eigenhändig gezüchtet und geliebkost. Wo es nur eine Gelegenheit gegeben hat, das Heer und die Fahne anzuschwärmen, hat er sie von jeher mit Wollust ergriffen. „Das Heer", sagte er 1892 in einer Ansprache an die zum Regiment ziehenden Schüler des Rabbinerseminars, „das Heer ist für jedermann eine wunderbare Schule der Biederkeit, der Geradheit, der Hingebung und der Selbstaufopferung, es stärkt den Charakter, befestigt den Willen, drückt in des jungen Menschen Seele das heilige Pflichtbewusstsein und entwickelt darin die Gefühle der

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