Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 6 (10.2.1899)
- Article
- Industrielle Unternehmungen in Palästina
- Date
- 1899-02-10
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 6 Seite 5 „Die H Welt« Resultate meiner Nachforschungen, soweit sie dem Kleincapital nützen können, der Oeffentlichkeit. Mögen Privatunternehmer, die sich in Palästina ansiedeln wollen, einigen Nutzen daraus ziehen. I. Butter und Käse. Ein jüdischer Schweizer, ein Mann, der die Butter¬ und Käseerzeugung versteht, könnte eine vorzügliche Stellung in den Colonien finden. Jerusalem und Jaffa leiden Mangel an guter Butter, namentlich an solcher deren Erzeugung unter Garantie der Reinlichkeit vor sich gienge. Käse wird gar nicht erzeugt. Wenn die Colo nisten auf dem Wege der Association zu Milchgenossenschasten diese Erzeugnng in die Hand nehmen würden, je drei oder vier Orte vereinigt, so ergäbe dies große wirtschaftliche Vortheile. Auch ein Unternehmer, der sich nur der Viehzucht, der Butter- und Käseerzeugung widmen wollte, fände alle Verhältnisse günstig. Allerdings wären dann die Kosten der Stallfütterung zu berechnen, eventuell des künstlichen Futters für manche Colonien und die Viehrasse nach und nach zu ändern. Unter allen Umständen wolle sich ein jüdischer „Schweizer" bei mir melden. ' II. Cognac. Wenn auch in Risch on le Zion nebst dem vortrefflichen Wein ein guter Cognac erzeugt wird, glauben doch die Colonisten der unabhängigen Colonien, dass eins oder die andere Cognacfabrik sich vortrefflich rentieren würde. Eine sorgfältige Calculation, die hier folgt, soll Fachleuten Gelegenheit geben, sich zu orientieren. Nähere Auskunft über den passenden Ort ertheile ich gerne. Der Cantar — 300 Kilo Weintrauben, der billigen und für Alkoholerzeugung passenden Sorte, kostet 25 Francs. Das Ergebnis an Cognac wird verschieden angegeben. Von Colonisten 50 Liter, von der Verwaltung in Rischon le Zion 40 Liter 50percentiger Ware per Cantar. Bei der großen Erfahrung und Sachkenntnis der Herren in Rischon le Zion nehme ich ihre Angaben als richtig an. Regie und Amortisation sind mit 28 bis 30 Centimes per Liter ziemlich genau fixiert. Gesammtpreis an Ort und Stelle daher ca. 1 Frcs. per Liter, 15 Percent Steuer eingerechnet. Erforderliches Capital sammt Betriebsfond 100.000 Francs. Da das Weinerträgnis ziemlich wächst, ohne dass der Consum sich entsprechend vermehren würde, könnten durch diese Fabrik die Keller entlastet werden, und von vielen Colonisten würde das drückende Gefühl genommen werden, als seien sie Kostgänger der Humanität. III. Ziegel, Cementwa re n. Das Baumaterial des Arabers ist luftgetrockneter Ziegel, der Beduine wohnt unter halboffenen Zelten, die Europäer und die europäisierten Eingeborenen besitzen schöne, hohe Steinhäuser. Das Baumaterial dieser Classe ist der im Lande, oft auf der Baustelle gebrochene Stein. Abweichend vom Thema dieser nüchternen Arbeit, füge ich hinzu, dass z. B. in Jerusalem fast ausschließlich Juden den Stein gewinnen und zu Werkstücken behauen. Gewisse Zwischenwände, obere Stockwerke und zierliche Anbauten würden in Ziegel viel günstiger herzustellen sein, und außerdem beginnen selbst die Araber moderne Häuser zu bauen, besonders in der Nähe der jüdischen Colonien. Die Dächer werden mit Ziegeln gedeckt, die aus Frankreich kommen. Ein Fachmann würde bald ein geeignetes Thonlager finden. Der Bedarf an Dachziegeln soll jährlich etwa 3,000.000 Stück betragen nnd steigert sich von Jahr zu Jahr. Cementplatten werden stark als Bodenbelag gebraucht und auch von einem deutschen Templer bei Jerusalem erzeugt. Andere Cementwaren, als Röhren, Bassins rc. werden importiert. Material ist im Lande zu finden. IV. Getränke. Die Furcht vor schädlichem Wasser ist so groß, dass die bemittelten Leute Sodawasser — aus England beziehen. Ich spreche von reichen Leuten und von den Touristen, die eine große Rolle im Consum spielen. Bier wird auch importiert aber auch im Lande erzeugt, doch sehr mittelmäßig in kleinsten Betrieben. Wer nun eine gute Quelle in den judäischen Bergen gewinnt oder in Galiläa, nahe einem Hafen, diese Quelle von einigen bakteriologischen . Capacitäten untersuchen lässt, für die reinliche Bereitung und Füllung sorgt, kann mit einem solchen Tafelwasser nicht nur in Palästina, sondern auch in Aegypten und im übrigen Orient gute Geschäfte machen. Damit ließe sich eine Biererzeugung sehr wohl vereinen. Gerste wird in vielen Schiffsladungen exportiert, nur Hopfen wäre einzuführen. V. O e l, S e i f e, P a r f ü m. Die Olive wird in großen Quantitäten produciert und das Oel auf recht primitive Weise gewonnen. In Jaffa und in Haifa haben Deutsche moderne Anstalten eingerichtet, trotzdem soll noch immer Raum für Oelmühlen fein, denn das feine Speiseöl kommt aus Frankreich — nach Palästina. Jedenfalls aber ließe sich aus den Oelrückständen eine vorzügliche Seife erzeuge», die mehr als gewöhnlichen Marktwert besäße. Sie wäre koscher, gienge als Scheuerseife in alle jüdischen Häuser und hätte in feinerer Ausführung als Toilletteseife einen Affectionswert für Juden und Christen, für diese besonders in England u. s. w. Orientalische Gerüche besitzen noch immer großen Wert und Parfümerien aus Palästina fänden im Privatpublicum der ganzen Welt genügend Käufer. Ganz ordinäre Seifen werden erzeugt, es gälte nur mit modernen Maschinen zu arbeiten, blau äo Cologtie destilliert ein Jude in Sichron Jacob; es ist von bester Qualität. Es gälte jedoch, anstatt europäische Parfüms zu imitieren, rein orientalische mit eigenem Namen zu gestalten. Schon an den Touristen im Orient und Aegypten fände man willige Käufer. VI. Leim, Leder, S p o d i u m, k ü n st l. Dünger, Wichse. Die Knochen vermodern ungenützt, die Felle gehen ins Ausland. Man könnte durch das Sammeln und Reinigen der Abfälle viele arme Leute beschäftigen und Leim, sowie künstlichen Dünger erzeugen. Für diesen wird bei der stets steigenden intensiven Landwirtschaft bald großer Bedarf sein. Als Nebenartikel käme Wichse in Betracht und andere chemische Producte. Am Jordan, am See Genezareth, an vielen Stellen Galiläas ließen sich Gerbereien mit Vortheil anlegen. VII. Verwertung von Früchten. Die „Gems" und „Gelees" die in den Hotels und sonst seilgeboten werden, kommen alle aus England. Man denke: die Orange geht von Jaffa nach London und kommt als theure Marmelade zurück. Ein Fachmann könnte sich den ganzen Orient erobern und vielleicht nach England exportieren, denn alle Früchte der gemäßigten Zone gedeihen, wie die subtropischen. in diesem Lande; es gilt nur, sie zuzubereiten. Und welcher Wert läge oft in der Etikette „Früchtegelee aus palästinensischen Früchten". „Im heiligen Lande zubereitete Compots"? Die Hotels von Aegypten und Kleinasien allein können eine solche Fabrik erhalten, weil zu jedem Frühstück conservierte Früchte verzehrt werden. Das sind so einige Anregungen, die ich vorläufig unseren Freunden biete. Vielleicht finden sich unternehmungslustige Männer, sie zu benützen. Man soll in einem neuen Lande sehr vorsichtig sein, doppelt auf der Hut im Orient. Aber die Arbeit trägt reiche Früchte, die Arbeit an rechter Stelle.