Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-01-20 · 3 (20.1.1899) · p. 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
3 (20.1.1899)
Article
Nordaus "Doctor Kohn"
Date
1899-01-20
Page
15 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315800-3384091--10402-3384186
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 3 Seite 15 „R ector Kielholt: Regen Sie sich nicht unnütz aus, mein guter Dr. Kohn. Ich meine. Sie sollten dieses Farbebekennen nicht so eifrig wünschen. Maßgebende Persönlichkeiten, die heutzutage die Gleichberechtigung wenigstens noch theoretisch und grundsätzlich anzuerkennen heucheln, verdienen dafür immerhin einigen Dank. Denn sie üben Rücksicht zu ihrem eigenen Schaden. Sie verzichten auf sichere Volksthümlichkeit, wenn sie sich die Mühe nehmen, um den Brei zu gehen, statt stramm zu erklären: Juden haben nichts zu fordern und nichts zu erwarten. Kohn: Nun ja. Das ist wenigstens ein klarer Standpunkt. Ich ziehe ihn der Zweideutigkeit vor." Und an einer späteren Stelle: „Kielholt: ... Wenn Sie in Fechterstellung fallen und im Namen der Gleichberechtigung vom Leder ziehen, so ist dies der größte Fehler. Ich wollte, ich konnte dies allen Ihren Stammgenossen beibringcn. Sie thun, als hätten Sie etwas zu fordern. Schließlich haben Sie uns doch die Gleichberechtigung nicht mit bewaffneter Faust abgetrotzt. Sie ist doch kein zweiseitiger Vertrag. Wir haben sie Ihnen freiwillig zugestanden, sie ist ein Geschenk, und den Umfang des Geschenkes hat der Geber allein zu bemessen. Kohn. Das ist das tragische Missverständnis zwischen uns. Wir bilden uns ein, in unserer Eigenschaft als Menschen den vollen Anspruch aus alle Menschenrechte zu haben, und Sie sind überzeugt, dass Sie uns eine Gnade erweisen, wenn Sie den Juden als Menschen anerkennen. Ihre stillschweigende Voraussetzung ist, dass der Jude die Menschenwürde nicht natürlich besitzt, sondern sie erst erlangt, wenn Ihre Gnade sie ihm ausdrücklich verleiht. So lange selbst die gerechtesten und wohlwollendsten Christen so fühlen, ist der Abgrund zwischen uns freilich unüberbrückbar." Dr. Kohn wirbt also auf Grund des errungenen Preises, der ihm eine gesellschaftliche Stellung verbürgt, um Christine. Herr Moser ist davon nicht angenehm berührt, aber in einer großen Unterredung, die mehr ein Kampf, als ein Gespräch ist, ringt ihm Kohn Achtung und Zustimmung ab. Nun beginnen die Kämpfe in der übrigen Familie. Frau Moser, geborene von Quincke, ist entsetzt, weil ihre Tochter dasselbe thun will, was sie einst that: einen Juden heiraten! Freilich, der Jude Kohn, der ein Jude von heute ist und das zionistische Ideal in seinem Kampfgespräche mit Moser wie eine Fahne aufrollte, will nicht unterducken, während der Jude Moses zu jeder Selbstpreisgebung bereit war, um Fräulein von Quincke heimführen zu dürfen. Frau Moser ruft ihren Bruder, den Superintendenten von Quincke, zu Hilfe. Dieser macht alle Anstrengungen, Moser von der Verbindung mit deni Juden Kohn obzubringen. Aber das Merkwürdigste tritt ein. Von jedem Grunde, den der geistliche Herr gegen Kohn anführt, fühlt sich Moses in seiner Person getroffen. Kohn sei ein Fremder, ja, dann ist es auch er, Moser, geborener Moses. Man dürfe Kohn nicht in die Familie anfnehmen, ja dann ist auch Moses hier nicht zuhause. Der Gedankenaustausch wird zum Streite, führt zum Bruche zwischen den beiden Männern, die ein lebenslängliches Compromiss geschlossen zu haben wähnten. Moser weist in höchstem Grimm seinem Schwager und Widersacher die Thüre. Kohns Sache ist ihm zur eigenen geworden. Da stehen ihm in seinen Söhnen die Gegner auf und da erreicht das Trauerspiel der Assimilation den Höhepunkt. Die beiden jungen Herren lehnen sich wider ihren Vater auf, weil er einen Juden zum Schwiegersöhne nehmen will. Der Student benimmt sich ungezogen und wird von seinem Vater dafür mit körperlicher Züchtigung bedroht. Karl, der Officier, aber lehnt sich in einer artigeren kälteren, freilich noch unerträglicheren Form auf. „Karl: Wenn wir in einer Gesellschaft leben wollen, so haben wir uns ihrem Ehrbegriff zu unterwerfen. Der Ehrbegriff unserer Gesellschaft gestattet keine Verschwägerung mit einem Juden. Moser: Das sagst Du, der Du selbst Jude bist? Karl (ausrufend): Ich?! Moser: Ich denke! Karl (sich beherrschend): Du willst mich demüthigen, Vater. Moser. Dein Vater ist Jude und Du bist es genug, dass Du Dich schämen solltest, derartige Redensarten zu wiederholen. Karl (finster): Das hast Du mir nie gesagt. Moser: Es war das Unrecht meines Lebens." Soweit ist also der Geheimrath und Landwehrhauptmann a. D. gelangt, dass er sein verleugnetes, vergessenes Judenthum selbst hervorholt und es seinem Sprössling ins Gesicht wirft. Dieser freilich will sich nicht ergeben. Ms Kohn erscheint, beschimpt ihn der Lieutenant. Das Duell ist unvermeidlich. Kohn wird von der Kugel des Lieutenants getroffen. Die armen Eltern des zu Tode Verwundeten kommen nun in das Moser'sche Haus, wo er liegt. Er stirbt. Als Moser diese beiden in ihren alten jüdischen, ihm selbst fremdgewordenen Gebräuchen erstarrt und verknöchert sieht, meint er, dass sie seinem Abfall vom Judenthum Recht gäben. Mit solchen Leuten habe er nichts gemein. Das ist der Punkt, auf den: es schwer wird, dem Dichter Recht zu geben. Moser, den wir in einerzunehmenden tragischen Läuterung kennen lernten, darf nicht zu einem solchen Schlussraisonnement geführt werden. Mit armen Leuten aus dem Lebenskreise des Ehepaares Kohn hätte der Geheimrath auch dann keine Interessen- und Gedankengemeinschaft, wenn sie keine Juden wären. Ihre Beschränktheit,Armseligkeit,jaihreLächerlichkeitund sogar ihre Verächtlichkeit kann diehistorischeThatsachederVolksgenossenschaftnie und nimmer aufheben. In einem Volke gibt es verschiedene Leute mit verschiedenen Gewohnheiten, Gedanken, Gefühlen, Tugenden und Niederträchtigkeiten. So eng ist die Gemeinschaft der Einzelnen im Volke nicht, dass eine völlige oder auch nur annähernde Uebereinstimmung gefordert werden könnte. Von einer Partei kann man sich lossagen, nachdem man ihr angebört hat; von seinem Voke nicht, wenigstens nicht, solange es bedrängt ist. Da muss vielmehr jeder zu den Fahnen heimeilen, wie weit er sich auch entfernt habe. Dass nun Herr Moser sich zum Schluss mit dieser Ausrede von der Verschiedenheit zwischen seinen und den fromm-jüdischen Anschauungen beschwichtigt, lässt ihn schwächlicher erscheinen, als er sich im Verlaufe der Handlung zeigte. Und dem energischen Lehrsätze des Stückes wird im allerletzten Augenblicke die Spitze abgebrochen. Dennoch wollen wir unsere Freude an diesem mächtigen Drama haben. Den Leuten außerhalb des jetzigen Ghettos wird es sagen, dass das Judenthum nicht tobt ist, weil es in einer Zeit schwerster moralischer Leiden noch imstande ist, Blüten zu treiben, welche nur ein unverzagtes, unverwüstbares Volk hervorbringen kann: nationale Kunstwerke. Dr. Kohn sagt in dem Stücke, bevor er verschwindet: „Vielleicht bin ich nur darum in dieser unglücklichen Lage, weil nicht immer jeder einzelne Jude sich gegenwärtig gehalten hat, dass der Hass der Feinde ihm die Würde eines rechtmäßigen Vertreters seines ganzen Stammes aufnöthigt. Was heute in diesem Raume aufeinanderstieß, das waren Jahrtausende alte Strömungen der Weltgeschichte ..." Nicht besser lässt sich der gewaltige Inhalt dieses zionistischen Dramas kennzeichnen. Was im Raume seiner Handlung aufeinandergeräth, sind Jahrtausende alte Strömungen. Es ist voll von Geschichte und Gegenwart, und ergreifend ist es, wie die Wahrheit. G

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.