Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 3 (20.1.1899)
- Article
- Nordaus "Doctor Kohn"
- Date
- 1899-01-20
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 14 Nr 3 Künftig wird man staunen und schaudern über die Verlogenheiten und Feigheiten, mit denen ein so ehrliches Stück Poesie zu kämpfen hatte, und all das wird nur den Ruhm des aufrechten Dichters vermehren. Die unterwürfigen Erfolghascher mögen sich ducken und vor der geltenden öffentlichen Meinung kriechen; wer ein Mann ist, findet seine höchste Lust darin, er selbst zu sein. Was wäre das Schreiben von Büchern und Stücken für eine elende Beschäftigung, wenn man nur die herrschenden Ansichten der Menge wiedergäbe. Manche kostbare und überfeine Poeten finden ja den geschickten Ausweg, dem Streite der Meinungen einfach auszumeichen. Sie schlagen sich vom Brande der Tagesfragen weg einfach seitwärts in die Büsche. Sie singen wie der Vogel singt. Die Kunst soll nur um der Kunst willen da sein, und was noch solchen Gefasels mehr ist. Wir aber meinen, dass die Kunst vor allem einen Sinn haben müsse, und das kann kein anderer sein, als der Sinn des wirklichen Lebens, das wir schluchzend und lachend durchmachen. Eine Beziehung auf denjenigen Theil des Lebens, der uns am vertrautesten ist, auf unsere eigene Gegenwart, die ja nicht nur aus Verlobungen und Ehebrüchen besteht, wird daher nichts Unpoetisches sein. Man hat es in den letzten Jahren allgemein sehr lobenswert gefunden, dass literarische Bühnenwerke die Localfarbe von Städten und Bezirken, ja sogar den Dialect getreu brachten. Aber die Darstellung der Zeitbewegungen ist verpönt. Und doch ist das nur eine chronologische Localfärbung menschlicher Schicksale. Zwar die Socialisten haben ihrem Gegenwartsdrama doch allmählich die bürgerliche Achtung erzwungen. Aber wenn auch die sociale Frage gedichtet und endlich gespielt werden durfte, so ist das noch lange nicht der Fall bei anderen Fragen. Unsere zum Beispiel, die Judenfrage, darf nicht in die höhere Literatur eintreten. Erstens, weil sie schon endgiltig behandelt ist in Lessings „Nathan". Zweitens, weil es eine Judenfrage überhaupt nicht gibt. Drittens, weil diese Frage die Eigenschaft besitzt, alle Leute furchtbar aufzuregen. Es ist, wie man sieht, ungefähr das bekannte Raisonnement um den zerbrochenen Topf, den der Entlehner erstens ganz zurückgegeben hat, der zweitens schon beim Ausleihen gebrochen war und drittens überhaupt nicht ausgeliehen wurde. Die Leute, welche Lessings „Nathan" für das letzte dichterische Wort in der Judensrage halten, sind ungefähr ebenso gescheit, als die, welche Freytags „Journalisten" für ein definitives Werk über die Zeitungsschreiberei mischen. Ah, gewiss, das waren merkwürdige Werke für ihre Zeit, aber die Zeit ist anders geworden. Für den Mendelssohnismus — wenn der Ausdruck gestattet ist — war „Nathan" wohl das letzte Wort, und keinem von uns fällt es ein, dieses Wort und die ihm corresoondierende Bewegung im Judenthum geringzuschätzen. Aber die Geschichte der Juden ist weitergegangen, nicht ohne große neue Schmerzen. Schon sind die Zeiten, die für den Dichter des „Nathan" die späteren waren, vorüber. Die Judenfrage sucht eine andere dichterische Gestaltung, und es ist im Zusammenhänge mit der ganzen Art, wie sich neuerlich die Geschicke unseres Volkes entwickeln, wenn es jetzt Juden selbst sind, die nicht mehr im Ghetto, nicht mehr im vertraulichen Flüstertöne der Jargondichtung, sondern vor aller Welt das poetische Wort zur Judenfrage ergreifen. So wie wir Zionisten zu Basel eine politische Tribüne in Europa aufgerichtet haben, wo wir sagen können, was uns am Herzen liegt, so suchen wir auch die literarische Gelegenheit für diesen gleichen Zweck zu schaffen. Die Sitzung dauert fort! wie jener französische Kammerpräsident sagte. Max Nordau hat das Wort. Und wie in Basel für die Hörer, wenn dieser köstliche Redner die Rednerbühne besteigt, um in großartigen Zügen die Zustände der verstreuten Judenheit im abgelaufenen Jahre zu schildern, ist es ein festlicher Augenblick für den Leser des Buchdramas. „Doctor Kohn" ist das Trauerspiel der Assimilation. Einzelne alberne Bursche, die in verschämt - jüdischen Blättern darüber schrieben, haben den Sinn des Stückes natürlich vollkommen missverstanden. Oder will es der Schick der verschämt-jüdischen Blätter — das sind solche, die nur von Juden gemacht und zumeist von Juden gelesen werden — dass man die Sache nicht zu verstehen scheine. Sie meinten, es wäre dem Dichter darum zu thun gewesen, in der Gestalt und im Schicksal des Doctor Kohn zu zeigen, wie unangenehm es zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts sei, ein Jude zu sein. Ganz falsch. Der Dichter wollte vielmehr darlegen, wie unangenehm es — von der Nutzlosigkeit abgesehen — sei, wenn man sein Judenthum verleugne. Ein „bürgerliches Trauerspiel" heißt das Stück. Nun, das Bürgerliche darin ist der Fall des Julius Christian Moser, während die daneben einhergehende Tragödie des Dr. Kohn eigentlich eine romantische ist. Das Stück spielt in einer kleinen mitteldeutschen Universitätsstadt. Da lebt Julius Christian Moser, ein geheimer Commercienrath und Landwehrhauptmann a. D. Er ist ein gar stattlicher Herr, sehr angesehen, reich, mit der adeligen Officiersfamilie der Herren von Quincke verschwägert. Seine Frau ist eine geborene von Quincke, seine Söhne sind stramme Antisemiten, der ältere Lieutenant im Leibregiment, der jüngere Bursch im schneidigen Corps der Franko-Thuringen. Kürz, Herr Moser hat es so weit gebracht, als er es nur bringen konnte; jede Spur seines unauslöschlichen Geburtsmakels scheint verwischt zu sein. Denn Herr Moser hat mit seinem Namen einen gelungenen Buchstabenwitz gemacht — er hieß ursprünglich Moses! Er ist ein getaufter Jude, aber so herrlich assimiliert, dass ihm keiner, der es nicht wüsste, die Schande anthun könnte, ihn für einen Sohn des verachteten Volkes zu halten. Auf den jüdischen Wildling ist ein deutsches und adeliges Reis gepropftz und die Sprossen, die er getrieben hat, die Söhne, erinnern ihn in nichts mehr an den alten Stamm; sie wollen auch durch nichts mehr daran erinnert werden. Aber Herr Moser, ne Moses, hat auch ein Töchterlein, Christine, und von dieser Seite bricht das Ungemach herein. In der kleinen mitteldeutschen Universitätsstadt hat sich nämlich ein Privatdocent der Mathematik, ein gewisser Dr. Leo Kohn, habilitiert. Dr. Kohn lernt Christine kennen und lieben, und sie liebt ihn wieder. Er wagt es nicht, um sie zu werben, so lange er nur Privatdocent ist, und die Professur will man ihm nicht geben, weil er ein Jude ist und Kohn heißt. Aber bei der Preisausschreibung der Stockholmer Akademie gewinnt er den Weltpreis für Mathematik, und da ihm nun eine Professur, wenn auch nicht an dieser Hochschule, sicher ist, entschließt er sich, als Freier vorzutreten. Vorher hatte ihn der ihm übrigens wohlgesinnte Rector dcr Universität verständigt, dass der Senat Kohus Gesuch um Ernennung zum außerordentlichen Professor abschlägig beschieden habe, wei-l die Satzungen dcr Hochschule diese als eine christlich - evangelische hinstellen. Dr. Kohn beruft sich hiergegen vergeblich auf die Verfassung, welche Gleichberechtigung statuiert. Er meint aber, dass durch dieses Bekennen der Farbe doch etwas gewonnen sei. „Die Lüge der Gleichberechtigung ist vor aller Augen aufgedeckt, es wird amtlich verkündet, dass die Verfassung ein Fetzen Papier sei, an den man sich nicht zu kehren hat."