Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 3 (20.1.1899)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1899-01-20
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- address
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315800--10362-3384181- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 10 Nr. 3 Mit sehr gemischten Gefühlen muss man die Bemühungen betrachten, welche in den verschiedenen Städten der Nordamerika-, nischen Union gemacht werden, darauf hinzielend, eine allge.-. meine Weltreligion zu schaffen. Namentlich in den nord-" westlichen Staaten sind solche, von religiösen Vereinen der verschiedenen Glaubensrichtungen — wobei natürlich auch jüdische — arrangierte Gebetsversammlungen an der Tagesordnung. Toleranz zu üben ist gewiss sehr schön, und wollte Gott, unser Jahrhundert hätte das niemals vergessen. Aber man kann eine jede Sache zu weit treiben, und das ist hier der Fall, selbst wenn man die amerikanischen Verhältnisse in Betracht zieht. * Einen riesigen Erfolg, wie er wohl nur in Amerika möglich ist, hatte der jüngst abgehaltene jüdische Wohlthätigkeits- Bazar in Chicago. Rund 100.000 Dollars war das Reinergebnis, wovon allein 40.000 Dollars auf Vorverkauf der Logen und Geschenke in barem Gelde kommen. Es ist der größte Betrag, der jemals bei einer derartigen Gelegenheit von einem jüdischen Vereine erzielt worden, dank der Hingabe der Mitglieder der „Young Mens Hebrew Association“, die monatelang die Vorarbeiten besorgt und, wie man sieht, zu einem guten Ende geführt haben. Wie manche Thräne wird, dank solch allgemeiner Theil- - nähme, im Laufe des Winters gestillt, wie manche Sorge verscheucht werden. Die jüngst erfolgte Wahl Joseph Levys aus Portland zum Senatorder Vereinigten Staaten findet allseitige Zustimmung. Der Neugewählte stammt aus Bayern, steht im 48. Lebensjahre und gehört seit dem Jahre 1872 dem Anwaltstande an. Er ist der vierte Jude, dem dieses Ehrenamt zutheil wurde; der erste war David Levy für Florida, der zweite I. P. Benjamin für Louisiana, und der dritte Benjamin F. Jones von Neu-Orleans. Deutschland leidet an chronischen Schächthetzen, heute hier und morgen da tauchen Bestrebungen auf, die sämmtlich auf eine Erschwerung in Hinsicht auf die Ausübung des Schächtens hindeuten. Jüngst stand die Frage in Aachen zur Debatte; man wollte die zu schächtenden Thiere, wie im nahen Rheydt, auf eine bestimmte Anzahl pro Woche beschränken. Dagegen stemmten sich aber auch die christlichen Metzger, die entweder selbst schachten lassen oder von Juden die Hinterviertel bekommen. Endlich kam es zu einem Eompromiss, dahingehend, das beim Werfen (Niederlegen) des Viehes in Anwendung kommende Verfahren nach bestimmten Anordnungen zu modisicieren, damit jede, einer Thierquälerei ähnelnde Manipulation vermieden werde. — Wenn doch die Bemühungen auf Thierschutz mit denen auf Menschenschutz Hand in Hand gehen möchten. In Berlin wurde die 25. Jubiläumsfeier des Rabbiner- Seminars festlich begangen. Sie gipfelte in Ovationen herzlichster Art für den Gründer, den greisen Rabbiner Dr. Israel Hildesheimer. * In den Spalten des „Jewish World“ ist ein — unblutiger — Kampf entbrannt zwischen Anhängern und einem Gegner der Wiedererweckung ^der hebräischen Sprache als Umgangssprache, wobei letzterer behauptet, dass sich unübersteigbare Schwierigkeiten entgegenstellen. Einer der lYo-isten macht nun den originellen Vorschlag zu einer Eonversation über ein Thema von allgemeinem Interesse, wobei der Gegner sich der englischen Sprache bedienen solle. Als Schiedsrichter schlägt er vor: Dr. Adler, Dr. Ga st er und den Ehefredacteur des „Jewish World“. Ein unblutiges Duell mit — zweifelhaftem Ausgang. * In welch hohem Grade der Wissensdrang der nach England gekommenen russischen Einwanderer entwickelt ist, beweist ein Brief Lord Rothschilds an die Juden des Londoner Ostends. Der Schreiber spricht von Ueberbürdung mit Schularbeiten — sowohl was den Unterricht als solchen anbelangt, wie die häuslichen Aufgaben und verlangt, dass die Eltern ihre Kinder aus den sogenannten „Chedarim“ herausnehmen. In den öffentlichen jüdischen Gemerndeschulen sei der Unterrichtsplan ein in jeder Beziehung reichhaltiger, für alle Disciplinen sei gesorgt, Hebräisch-lesen, Uebersetzen, biblische Geschichte, Religion und vor allem Ethik und Moralgesetz, und das müsse genügen. „Es genügt nicht," antworten die Eltern. Der alte Kampf zwischen „Gut" und „Besser". Wollen aber die Antisemiten eine Erklärung für die hohen Eigenschaften der Juden und warum sie überall und unter allen — selbst den drückendsten — Verhältnissen vorwärts kommen, so mögen sie sich im Londoner Last-Lnd-Ghetta sie holen. In Frankfurt a. M. kam es in einer Versammlung von Handlungsgehilfen zu Auseinandersetzungen wegen eines Verbotes der Polizei an diejenigen jüdischen Engros- und Bankgeschäfte, welche Samstags geschlossen sind und denen bisher am Sonntage eine Inständige Arbeitszeit gestattet war. Es wurde eine Resolution angenommen, welche die Polizei um stricte und allgemeine Durchführung der Verordnung ersucht als Vorläufer für gänzliche Aufhebung der Sonntagsarbeit auch in den Detailgeschäften. — Damit käme man auf den englischen Puritanismus; ob der für Großstädte wie Frankfurt passend ist, wo namentlich am Sonntag das Landvolk seine Einkäufe zu besorgen pflegt ganz abgesehen davon, dass die auf den Fremoenverkehr an gewiesenen Geschäfte darunter leiden —? Diese Frage kann jeder leicht beantworten. Wirtschaften re. sind doch auch geschäftliche Betriebe, diese einzuengen, daran denkt aber niemand. Und so sucht man auf Umwegen den jüdischen Geschäften zu schaden, wo nur immer möglich! * In S t. Louis (Ver. Staaten von N.-A.) kam es jüngst zu einer kleinen Judenhetze ä la Galizien. Neger übersielen das jüdische Viertel und schlugen alles Erreichbare kurz und klein. Warum? wissen sie wahrscheinlich selbst nicht. Man sagt, sie seien aufgehetzt wegen Wählerangelegenheiten. Als die Polizei erschien, ergriffen die „Niggers" das Hasenpanier. Der jüngsten Hamburg im hohen Alter verstorbene Klausrabbiner Jesaias Wohlgemuth war ein durch ein phänomenales Gedächtnis ausgezeichneter Talmud gelehrter. Er hatte thatsächlich die ganze Talmudliteratur im Kopse. Schon mit 18 Jahren wurde er Rabbiner in Memel, welches Amt er fast 50 Jahre innehatte, und wirkte später gemeinsam mit Dr. Rülf für die Interessen der aus Russland vertriebenen Juden. Sein Begräbnis gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung. * In seiner Antwort auf die Neujahrswünsche des Berliner Magistrats sagte der deutsche Kaiser u. a., „dass die städtischen Behörden Berlins stets erfolgreich bemüht sein mögen, das Gemeinwohl der Bürgerschaft zu fördern ohne Rücksicht auf politische und confessionelle Gegensätze, um auf allen Ge-; bieten der städtischen Verwaltung, besonders auch in socialer und; wirtschaftlicher Beziehung, Mustergiltiges zu schaffen. In Lemberg „ritualmord et's" wieder. Wie wär's, wenn anstatt Untersuchungen mit Bezug auf angeblichen Mord die Anstifter in Untersuchung wegen „groben Unfugs" gezogen würden? Die angeblich verschwundenen Mädchen re. kämen wohl bald wieder zum Vorscheine. Dem Herrn Staatsanwalt zur gütigen Erwägung. * Aus einem Aufruf der „israelitischen Allianz in Wien" ist zu ersehen, dass die galizifche Hilfsaetion des abgelaufenen Jahres im ganzen 60.000 Gulden betragen hat, incl. einer Spende von 20.000 Francs der „Alliance israelite universelle“. Der Vorstand appelliert an die werkthätige Hilfe aller jüdischen Kreise. Die erste Sitzung des deutschen Reichstages gestaltete sich zu einer kleinen antisemitischen Demonstration. Nach dem bekannten Worte, dass, wo Argumente fehlen, sie durch Geschrei ersetzt werden müssen, musste die Fleischnoth in einigen Theilen Deutschlands dem „jüdischen Zwischenhandel" zur Last geschrieben werden. Derartige antisemitische Narreteien sind nun nichts neues, aber bedenklich war das Schweigen der liberalen Abgeordneten zu diesen in jeder Weise haltlosen Behauptungen. Man geht wohl nicht fehl, wenn man die Ursache darin findet, dass einige der Ihren sich getroffen fühlten und nun lieber schweigen, als jenen beizuspringen, welche grundlos angegriffen und' verdächtigt wurden. Sie sind einander eben überall gleich, die — Liberalen. * Fast sollte man der preußischen Regierung rechtgeben wegen der Schwierigkeiten, die sie ausländischen Juden macht, wenn man die folgende Mittheilung der „A. Z. d. I." aus Brem en liest. Dort soll der Vorstand der jüdischen Gemeinde russischen zahlungsfähigen Juden die Aufnahme in den Gemeindeverband verweigert haben. In Bremen ist — im Gegensätze zu Preußen — kein Zugehörigkeitszwang zur jüdischen Gemeinde, aber Bremen ist — Freistaat und der Vorstand der dortigen jüdischen Gemeinde handelt nach dem bekannten: Freiheit, die i ch meine ..... Der preußische Unterrichtsminister hat eine Verfügung ergehen lassen, wornach jüdische Lehrer in der Obst-und Gartenbaukunde sich Kenntnisse anzueignen verhalten werden sollen, resp. da, wo solche Eurse eingerichtet werden, auf Theilnahrne von jüdischen Lehrern in erster Reihe Rücksicht zu nehmen. Die Ver-