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Die Welt · 1899-01-20 · 3 (20.1.1899) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
3 (20.1.1899)
Article
Das Schlussgebet
Date
1899-01-20
Page
6 (sequence 3)
Language
German
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Seite 6 ' Nr. 3 in jugendlichem Leichtsinn und Frohsinn die Grenze überschritt, nicht gleich der Hals abgedreht werden und seine Seele dem Höllenfeuer anvertraut werden, sondern so lange die Morgenröche noch nicht aufgegangen war, stand es ihm frei, seine „Sünde" wieder gutzumachen. „Allzu scharf macht schartig," . dachten die Weisen, die wohl fühlen mochten, dass das Uebermaß von Seiten eines Eliezer schließlich ein ebenso unsinniges Uebermaß der Reaction erzeugen musste, eine Hochfluth des Lebens- und Glücksverlangens, die, da das mittelalterliche Judenthum dafür nichts zn bieten hatte, schließlich zum allgemeinen Abfall, zur Vernichtung des jüdischen Volkes führen musste. Darum wurde klugerweise ein Ventil offen gelassen, durch welches sich überflüssiger Dampf zuweilen ausströmen durfte, ohne dass dieser Ueberfluss jedoch als allgemeiner Grundsatz Anerkennung fand. Indem die „Weisen" gleichzeitig bei dieser Gelegenheit auf die Bibel und die nationale Vergangenheit hinwiesen, gaben sie dem ästhetischen Bedürfnisse Gelegenheit, sich in Rückerinnernng, Sehnsucht und Hoffnung einigermaßen auszuleben, und nahmen dadurch gerade das leidenschaftliche Lebens- und Glücksverlangen, das so viele Gefahren enthielt, gleichfalls in den Dienst des Judenthums. Mir scheint, das ist überhaupt die Aufgabe des Talmud gewesen. Er zwang dem Judenthum einen Gesetzeszaun, einen asketischen starren Panzer auf, und brachte es trotzdem, vermittelst kluger und geschmeidiger Dialectik, dahiu, dass dem ästhetischen Lebensgebiete, der Hoffnung und dem Glücksverlangen, nicht ganz der Athem vergieng. Immer, wenn die Gegensätze schroff zusammenprallten und die Krisis unvermeidlich schien, kamen die Weisen und fanden eine ausgleichende Formel, die den Fortbestand des Judenthums in der Zeit des Schreckens verbürgte, und zugleich, wenn das Klima einmal günstig war, eine kurze ästhetische Glanzzeit ermöglichte, wie im mauretanischen Spanien. P Tribüne. Nordau-Vortrag. Am _5. Januar um halb acht Uhr abends, hält im großen Mnsikoereinssaale in Wien Herr Dr. Max Nordau aus Paris einen Vortrag: „Strömungen im Iudenthum". Karten zu dieftm Vortrag (ä 2 fl., 1 fl. und 50 kr.) sind in der Administration der „Welt", IX., Türkenstraße 0 zu haben. Nordau-Cominers. Am 26. Januar abends, findet im großen Saale des Hotel Continental, II., Taborstraße ein von der jüdischnationalen Studentenschaft der Wiener Hochschulen veranstalteter Festcommers zu Ehren des berühmten Gastes statt. Das Co mi t e. m Zangiviil-Anekdotei». Aus seinem Aufenthalt in Amerika. Mit Bezug auf die Thatsache, dass zu allen Zeiten der Jude als Typus einer heruntergekommenen Rasse galt, während man sich eine Jüdin als schön und romantisch vorstellte, fand Zangwill eine Aehnlichkeit in folgender Anekdote über einen Löwen und seinen Jungen. Ein alter Löwe, aus dem Walde kommend in Begleitung seines Stammhalters, näherte sich einem Wirtshause, darin ein Bild an der Wand lsieng, auf dem ein Mann abgemalt war, der einem Löwen mit seinen Zähnen den Garaus machte. Der junge Löwe fragte den Vater, was das Bild bedeute. O, sagte der alte Löwe, das ist das Bild eines Mannes, der einen Löwen auffrisst. Aber, das ist doch verkehrt; warum malt man denn nicht ein Bild, auf dem der Löwe den Mann verzehrt? Ja, meinte der Alte, wir Löwen haben keine Maler. * * * Eine Dame von sehr impertinentem Charakter fragte den Novellisten, ob nicht eine der Hauptgestalten in den „Kindern des Ghetto" ihn selbst darstelle. Er gab keinen Bescheid darauf, um die Dame im Glauben zu lassen, dass seine Personen nicht nach der Natur gezeichnet seien. „Gut," platzte die Dame heraus, „ich gebe Ihnen die Versicherung, ich bin kein Heldenverebrer". „Und ich bin kein Held," war die prompte Antwort. 5t= * * In einem Hause des Chicagoer Ghettos wurde ein Schnorrer beim Stehlen eines silbernen Löffels betroffen. Vor Gericht gebracht, vertheidigte er sich wie folgt: Indem ich den Löffel nahm, verletzte ich das achte Gebot „Du sollst nicht stehlen"; hätte ich aber den Löffel nicht genommen, so würde ich das zehnte Gebot verletzt haben, das da lautet „Du sollst nicht begehren". In dieser Zwangslage nahm ich den Löffel, ohne ihn zu begehren. * * * Ein Schnorrer flehte zum lieben Gott, er möge ihm 100.000 Dollars schicken, dann würde er davon 50.000 den Äraren geben. Wenn der liebe Gott ihm das aber nicht glaube, so möge er ihm 50.000 senden und die anderen 50.000 selbst den Armen schenken. * * *' Einem anderen Schnorrer, erzählt Zangwill, war eine Mitgift für die Tochter versprochen. Sie starb aber vor der Hochzeit. Einige Zeit nachher kam ersterer zu dem Banquier und verlangte das Geld. „Aber Eure Tochter ist ja gestorben," sagte der Banquier. „Was," antwortete der Schnorrer, „wollen Sie aus ihrem Tode Nutzen ziehen?" * * * Im Londoner Ghetto wohnen durchschnittlich vierundvierzig Parteien in einem Hanse. „In manchen," bemerkt Zangwill, „bewohnen bis vier Familien ein einziges Zimmer; wollen sie sich einen Scherz machen, so unterhalten sie sich über beabsichtigte — Astervermietnng." V Wellchmib. Palästinische Bahnen. Die Arbeiten auf der „Haiku Railwaysind wieder ausgenommen worden. Der Unternehmer und ein Ingenieur stellen eben an Ort und Stelle die Route fest. Die Bahn soll nordwärts brs Damaskus, südwärts bis Jerusalem geführt'werden. Jüdische Melodien. Ueber dieses Thema hielt unlängst Rev. F. L. Cohen vor den Mitgliedern der „Bne,i Zion Association“ einen interessanten Vortrag, zu welchem Mrs. Cohen die Notenexempel spielte. Jüdische Turner in Südafrika. In der Cbanuk.lwoche veranstaltete die Johanuesburger Jewisli Lads’ Brigade, eine viele jüdische Knaben umfassende Turnriege, eine festliche „Synagogen-Parade". Das Abzeichen des Davidschildes auf der Brust, marschierten die Jungen in strammer Haltung auf. Durch die ganze Stadt bewegte sich der lebhaft begrüßte Zug unter Musikbegleitung in musterhafter Ordnung. In der Synagoge hielt Rev. Wasserzug eine feurige Ansprache an die junge Schar. Er erinnerte sie an die Heldenthaten von Juden der alten und neuen Zeit. In dem Rufe „Vae victis!;‘

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