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Die Welt · 1899-01-20 · 3 (20.1.1899) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
3 (20.1.1899)
Article
Das Schlussgebet
Date
1899-01-20
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Skr. S Sette 5 Muthes die ganze Nacht thnn. So verhält es sich mit dem Opfer, das ja schließlich, seit Zerstörung des Tempels, ganz aus dem jüdischen Cultus verschwand, und zwar so, dass für verschiedene beseitigte Opferacte Gebetstücke eingelegt wurden. Dieser Vergeistigungsprocess bedeutete natürlich, wie immer in fvlchen Fällen, einen großen Fortschritt, hat aber sicherlich noch manche Reaction durchzumachen gehabt, und ganz gewiss auch jene eigenartige Romantik erzeugt, die sich das Neue durch die alten Bilder und Vorstellungsformen vertraut zu machen suchte. Vielleicht lebten die „Weisen" gerade in der Zeit des Ueberganges, vielleicht flammten in ihren Tagen noch zuweilen Opferaltäre empor oder waren kaum erst erloschen. Und so mit romantischem Sinn, gleich einem Lord Beaconsfield oder dem conservativen preußischen Politiker Stahl, halb der Vergangenheit zugewandt, erschien ihnen jedes, schlechterdings jedes Gebet ans alter oder neuer Zeit als ein Symbol des alten Opferdienstes, und darnach regelten sie auch ihre Vorschriften hinsichtlich der Zeit des Gebetes. Wenn das Fleisch und Fett des Opferthieres die ganze Nacht auf dem Altäre dampfen durfte, wenn es dem Priester erlaubt war, die ganze Nacht hindurch von diesem Fleische zu schmausen, dann konnte es füglich nicht verboten werde», wenn durch die ganze Nacht in den Herzen einzelner Juden Aläter errichtet wurden, und wenn von diesen Altären der Opferduft, nämlich das Gebet „Höre Israel", zum Ewigen emporstieg. Und ein Priester, ein echter Diener Gottes, hätte an solcher, ihm gebotenen Speise die ganze Nacht hindurch seine Freude haben müssen, statt eigensinnig diesen Opferdienst »ns eine ganz kurze Zeit einzuschränken. So die „Weisen". Sie hatten sich damit eigentlich ganz auf Rabbi Gamaliels Seite gestellt und hatten dabei, indem sie die Freiheit der Persönlichkeit retteten, doch auch das mittelalterliche Grundprincip der allgemeinen Volksreligiosität nicht preisgegeben. Dabei aber waren sie keine Wortklauber und Haarspalter, wie der bermuthlich sehr abstracte Gamaliel, sondern sie hatten ihre verhältnismäßig liberale Auffassung fundamentiert auf den Ueberlieferungen einer langen und ruhmreichen historischen Vergangenheit; sie waren Romantiker im guten und besten Sinne des Wortes, fast möchte man sagen, liberale Pories. Soweit könnten wir ihnen ganz gut folgen und finden für diese Tendenzen genug Analogien in den Entwicklungen der modernen Zeit. Nun aber tritt etwas Ueberraschendes ein, etwas ganz Individuelles, etwas specifisch Talmudisches. Die „Weisen" nämlich, nachdem sie dem Rabbi Ganialiel beigestimmt und ihn in wvhlthuender Weise modificiert haben, nehmen doch wieder mit der linken Hand halb und halb zurück, was die rechte so freigebig zu gewähren schien. Den Schluss des Nachtgebetes setzten sie nämlich, trotz aller theoretischen Beistimmung zu der Ansicht Gamaliels, dennoch schon für Mitternacht fest, so dass die rigorose Bestimmung des Rabbi Eliezer höchstens um zwei Stunden hinaufgeschvben wurde. Man staunt, man fasst sich an den Kopf und fragt unwillkürlich : Wozu? Warum? Eben erst wurde die Theorie Gamaliels nicht nur gebilligt, sondern noch viel tiefer erfasst und begründet, auf urwüchsiger nationaler Ueberlieferung und Historie rüstig aufgebaut — und im nächsten Augenblicke scheint diese geistvolle theoretische Arbeit nur ein Kartenhaus zu sein, das einstürzt, diese poetische Verklärung der Vergangenheit nur eine romantische Spielerei ohne Einfluss auf die Praxis der Gegenwart. Noch einmal müssen wir uns fragen: Wozu? Warum? Warum, in aller Welt, hielten diese vielgepriesenen „Weisen" nicht an der ganzen Nacht fest, >vie Rabbi Gamaliel, nachdem sie selbst dargethan hatten, dass auf diese Weise die besten und heiligsten Traditionen der Vergangenheit am vollkommensten gewahrt würden? Jawohl, immer wieder drängt sich die Frage auf: Wozu? Warum? Der Talmud hat darauf nur die kurze Antwort: Um die Menschen vor Sünde zu bewahren. Ein gläubiger Jude von heute, den der Talmudunkundige um die Interpretation dieser Antwort bittet, pflegt Erklärungen abzngcbcn, die an und für sich plausibel klingen. Wer beim Abendmahle oder sonst in froher Gesellschaft geweilt hatte, konnte, wenn er heimwärts gieng, gar leicht den Kopf voll farbiger Bilder und das Herz voll wallender Hochgefühle ganz angefüllt haben, so dass er sich, versunken in das Meer seiner Empfindungen, halb bewusstlos niederlegte und in einen Schlaf verfiel, der ihm Träume vorgaukelte, die nichts waren, als ein matter und doch berauschender Abglanz der eben verlebten Herrlichkeit. Wehe aber dem Unseligen, wenn er erwachte und sich erinnerte, das hochheilige Nachtgebet vergessen zu haben. Um ihn »or solchem Schicksal zu bewahren, darum steckten die „Weisen" einen bestimmten Zeitpunkt mitten in der Nacht, gleichsam als eine Warnungstafel, als ein Erinnerungszeichen auf, damit sich der Gläubige kurz vor Mitternacht, oder, was schon viel bedenklicher war, kurz nachher seiner Verpflichtung erinnerte und dadurch der Gefahr, sie gänzlich zu vergessen, glücklich entgieng. Wie gesagt, diese Erklärung scheint sehr plausibel und hat ftir den ersten Anblick etwas Bestechendes. Mir aber will scheinen, als könnten solche Gedankenreihen nur in Zeitaltern aufkommen, die sich bereits gegen den Sturmlauf eines andrängenden Unglaubens zu bewahren haben. Denn alsdann, weil die Ideen wie Bacillen durch die Luft schwirren, kann es schon Vorkommen, dass sich der böse Feind auch im Herzen eines nichtahnenden Frommen festnistet, und dass zum mindesten ein ganz kleiner Leichtsinn emporwuchert, der schüchtern zu ahnen wagt, dass es doch nicht gleich Höllenverderbeir wäre, wenn man von den heiligen Gebräuchen jezuweilen das Tüpfelchen auf dem I vergäße. In solchen Zeiten heißt es allerdings für die Wächter des Gesetzes, Vorsicht zu üben und ängstlich jedem Rauschen eines fallenden Blattes, jedem leisen Luftzug zu lauschen, weil allerdings die Gefahr besteht, dass diese so unscheinbare Brise zum vernichtenden Sturme anschwillt. Wer in der Frühzeit des Mittelalters gab es eine solche Gefahr des theoretischen Unglaubens noch keineswegs, wie ja die Söhne des Rabbi Gamaliel beweisen, die auch nach dem Gastmahl ihren Vater bestagten, ob sie noch beten dürften: „Höre Israel, der Herr, Dein Gott, ist ein einziges und ewiges Wesen." Ich glaube daher, dws die kluge Hygiene und Vermittlerrolle der „Weisen" nach einer ganz anderen Richtung zielte. Wohl bestand damals eine Gefahr für Israel, die allerdings insoferne auch den Mosaismns bedrohte, als sie überhaupt den Bestand der jüdischen Nation in Frage stellte. Der nationale Staat war zerstört, das Volk zerstreut, und der Druck, den die umliegenden Nationen und Religionen auszuüten begannen, machte sich bereits in einer Weise bemerkbar, die alle Schrecknisse der Zukunft vorausahnen ließ. Seinen Angehörigen hatte Israel große und stolze Güter des Lebens kaum mehr zu bieten: keine nationalen Großthaten, keinen nationalen Staat, keine hohe und ruhmreiche Stellung innerhalb der Völkerfamilie. Wenn trotzdem in starken und stolzen, leidenschaftlichen Naturen der Drang nach solchen Gütern, das Verlangen nach ästhetischer Lebensführung im großen Stil elementar und allgemein emporschoss, dann freilich war das Schlimmste für die Zukunft zu fürchten, dann freilich ließen die Jahre und Jahrzehnte sich zählen, wo das Judenthum von den fremden Völkern ausgesogen würde. Der Grundsatz de§ Rabbi Eliezer, der sozusagen die Juden schon um zehn Uhr in das Bett schickte, der jedes ausgedehnte Gast- und Nachtmahl im eigentlichen Sinne ächtete oder mit einem schweren Druck belastete, musste allerdings folgerecht jede Lebensfreude, jedes Uebermaß an Hochgefühl aus der jüdischen Brust verbannen,. wie umgekehrt die Praxis eines Gamaliel diese köstlichen und für den damaligen Fortbestand des Judenthums gefährlichen Güter in reicher Fülle säen und pflanzen musste. Darum konnten die „Weisen", diese klugen Vermittler und Erhalter, dem Rabbi Ganialiel nicht ganz folgen und fixierten darum die Mitternacht als eigentliche Schlusszeit für das „Höre Jsracl"-Gebet. Das sollte die allgemeine Sitte werden, die zu durchbrechen und zu verletzen immerhin schon als verdächtig galt und mit einem gewissen Makel behaftete. Immerhin sollte dem reuigen Uebertreter, der

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