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Die Welt · 1899-01-20 · 3 (20.1.1899) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
3 (20.1.1899)
Article
Ein Brief Nordau's
Date
1899-01-20
Page
4 (sequence 3)
Language
German
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Sfcitc 4 Nr. 3 Zionismus zu entdecken, das er in der Gegenwart vergebens sucht; aber für solche pilpulistische Spielereien habe ich wirklich nicht genug freie Zeit. Seien Sie brüderlich gegrüßt von Ihrem ergebensten D r. Max N o r d a u. Paris, 8. November 1898. P Wk Woche. Wien, 18. Jänner 1899. Also am 13. November 1899 wird die Erde untergehen. Dieses Ereignis, welches hoffentlich des Reizes der Neuheit nicht entbehren und mancherlei Beachtung finden dürfte, wird sich in folgender Weise abwickeln. An dem frostigen Novembertage wird ein mit einem imposanten Schweif ausgestattrter Stern, ein sogenaniiter Komet, unserer Erde über den Weg laufen. Dabei wird sich der fahrende Gesell« leider nicht enthalten können, mit seiner dem Thierreich abgelauschten Extremität einige Capriolen auszuführen. Im Thierreich ist das Schweifwedeln gemeiniglich als Ansdruck des Wohlwollens, ja der zarten Zuneigung, gebräuchlich, aber ein Komet verbindet mit einer solchen Gesticulation immer die schlimmsten Absichten. Die bösen Folgen bleiben nie aus. So wird auch die arme Mutter Erde von dem hinterlistigen Schlage des Kometenschweifes tödlich getroffen werden und in der Blüte ihrer Jahre aus unserer Mitte scheiden. Das prophezeit ihr der bekannte Gelehrte Falb, der schon so oft erfolgreich mit Laubfröschen, Hühneraugen, Grillen, gichtigen Kniegelenken rc. in der Erforschung des Wetters Um die Palme gerungen hat. Es mag übrigens keine allzu große Kunst sein, einem plumpen Kometen in die Seele zu schauen und seine verstecktesten Pläne schon lange Zeit vorher zu errathen. Denn offenbar verräth sich ein wüthender Komet schon von weitem durch dasselbe leicht deutbare Symptom, das der gemeingefährliche, bösartige Hund offen zur Schau trägt. Er lässt wahrscheinlich auch verdächtig den Schweif hängen. * * * Man kann getrost eine Wette eingehen, dass bis. zum 13. November 1899 die Affaire Dreyfus noch lange nicht erledigt sein wird. So wird sich denn glücklich das erfüllen, was wir alle immer vorausgesagt haben: dass die Affaire Dreyfus bis zum jüngsten Tage dauernwird. * * * Prinz Carneval hält seinen Einzug. Sehr viele Juden werden den Lustigen Ankömmling nnt großer Gleichgiltigkeit, wenn nicht mit offener Verachtung begrüßen. Was kann ihnen der bunte Schalksnarr Neues und Schönes bieten? Etwa das bisschen Mummenschanz? Lächerlich! Wozu brauchen sie ^azn erst den Carneval? Sie haben ja das ganze Jahr Fasching. Zwölf Monate lang widmen sie sich im Schweiße ihres Angesichtes den abenteuerlichsten Fastnachtspossen, tummeln sie sich in den curiosesten Verkleidungen durchs Leben. Wenn so ein Jude zufällig auf einen Maskenball kommt und irgend einem Hanswurst begegnet, der sich weidlich plagt, um mit viel Würde einen verschimmelten alttentonischen Bärenpelz oder irgend ein auswärtiges Nationalcostüm zu tragen, daun lächelt der Jude überlegen, wie der Meister lächelt, der über die täppischen Anstrengungen des Dilettanten spöttisch die Lippen verzieht: — „Bah! Stümper! Wir Juden sind doch bessere Hanswurste." * * * Ebenso wird eine andere, etwas größere Gruppe von Juden, — auch abgesehen von confessionellen Erwägungen — den Carneval für eine ganz überflüssige Institution erkläre» «affe«. Garne vale! Adieu Fleischtöpfe! Die Fastenzeit ist da! — Die beträchtliche Masse von Juden, die nur sehr zeitweil^ zu den Carnivoren gehören, bedarf durchaus nicht erst des Carnevals, um hinsichtlich der Mahlzeiten einer erstaunlichen Enthaltsamkeit zu fröhnen. Das Hungertuch ist ja ihr tägliches Brot. 4- * * Und auch sonst gibt es Lustbarkeiten des Carnevals, die der Jude zu jeder Zeit genießen kann. Da ist z. B. das Confetti-Werfen, das Goethe in seiner „Italienischen Reise" so anziehend beschreibt. Der Jude hat es bequem, er muss dieser Ergötzlichkeit halber nicht erst nach Rom fahren. Freilich sind die Confetti, mit denen er in Paris, Nm-Sandec, Algier, Prag rc. beworfen wird, nicht ganz so niedlich wie in der ewigen Stadt, sie sind bisweilen faustgroß und können sogar Kindskopfgröße erreichen, auch bestehen sie aus einem viel solideren Material als die römischen Gipsconfitürchen. * * : -i- Jn der letzten Woche grenzen wieder bei zahlreichen Inden die Fensterscheiben in Scherben, die Wohnhäuser von Juden wurden verwüstet, eine erkleckliche Zahl von Juden erlitt Verletzungen. Natürlich wird jedermann auf den ersten Blick errathen, dass von Judenexcessen die Rede ist. Aber das ist seltsamer Weise diesmal eine falsche Vermuthung. Ein bedeutend selteneres Elementarereignis, ein Sturmwind, der in vielen Orten Europas wüthete und bei Inden und Christen ohne jedwedes Rassenvornrtheil Verheerungen anrichtete, hat die Excesse auf dem Gewissen. — Gewiss ein komischer Ausnahmsfall, welcher vermerkt zu werden verdient. * * * In Paris wird, wie die Zeitungen melden, eine Schönheitsconcurrenz für Damm ausgeschrieben. Die Siegerin, die den Parisapfel erhält, wird Weltchampion. Wenn auch eine Schönyeitsconcurrenz wie anno dazumal, wo Quasimodo den ersten Preis bekam, derzeit in Paris viel mehr Erfolg hätte, so kann auch das jetzige Unternehmen eine ganz hübsche Ausbeute holder Mägdelein liefern. Selbstverständlich wird sich die sachverständige Jury nicht nur ruf die Abschätzung der concreten körperlichen Schönheit beschränken dürfen, sondern auch der geistigen Schönheit das wohlverdiente Theilhaberrecht einräumen müssen. Die Preisrichter werden dann bei der engsten Stichwahl nur zwischen zwei weltberühmten Prachtexemplaren französischer Weiblichkeit schwanken: Artemis Madame Pays und Aphrodite Anadyomene Gyp. Die dritte Beaute, die noch in Betracht kärne und den beiden letztgenannten reizenden Käfern den Triumph sehr sauer machen könnte, wird wohl zu verschämt fern, um ihr herziges Gesichtchen vor dem Richtercollegium zu enthüllen. — Wir meinen die verschleierte Dame. r Erwin Rosenberger. m Das Schlrrjsgeüet. Eine talmndifche Diskussion. Von S. Lublinski. ' (Schluss.) ' Die „Weisen" traten auf und nahmen eine selbständig« Stellung zwischen und über den hadernden Parteien ein. Jtt dev Hauptstreitfrage gaben sie freilich dem Rabbi Gamaliel Recht: es sollte erlaubt sein, die ganze Nacht hindurch das Schlussgebet zu verrichten. Aber schon die Begründung ist eine andere, indem die „Weisen" entschlossen die Wortklauberei Gämaliels über Bord werfen und sich an wirklich historische Thätsachen und sehr reale Ueberlieferangen der Vergangenheit halten. Im dritten Buche Mose steht viel von Brand-, Schuld- und Sühnopfern, die das Volk Israel dem Ewigen darzubringen hat. Es ist nun festgesetzt, dass das Fleisch und Fett der Opferthiere bis zum Dämmern der Morgenröthe, also die ganze Rächt hindurch, auf dem Altar dampfen soll. Für den Priester werden Fleischtheil« des Opfers znrückgelegt, die er, wenn die Sterne am Himmel scheinen, zu verzehren beginnen darf, und wenn fein Appetit dazu reicht, so mag er es getrosten

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