Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 3 (20.1.1899)
- Article
- Ein Brief Nordau's
- Date
- 1899-01-20
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 3 Seite S Volke allerlei. Wenn sie nun aber diese „Versprechungen" nicht halten? Die Geschichte lehrt uns, gegen derartige „Versprechungen" äußerst misstrauisch zu sein. Denn wenn das Unternehmen misslingt, so ist unsere Lage noch viel schlimmer, als sie vorher war. Darum bleiben wir ruhig, wie wir sind, und thun wir um Gotteswillen nichts, was neues Unheil über uns bringen könnte! Nun wohl. Hier meine Antwort auf diesen Einmand. Woher nimmt der Sclaven- und Hunde-Jude das Recht, von „Versprechungen" der Zionisten zu reden? Wo und wann haben wir dem Judenvolke etwas andes versprochen, als dass wir ihm alle unsere Kräfte und wenn nöthig auch unser Leben widmen wollen, dass wir für es arbeiten wollen, bei Tag und Nacht? Das haben wir versprochen und das werden wir halten. Etwas anderes haben wir nicht versprochen und konnten wir nicht versprechen. Wie oft sollen wir dies noch wiederholen? Zion ist kein Geschenk, das wir dem Judenvolke machen können. Das Judenvolk muss selbst arbeiten, muss sich selbst austrengen, um Zion zu erringen. Wir geben ihm nur ein Beispiel. Wir zeigen ihm nur die Richtung. Wir schlagen ihm nur ein Arbeitsprogramm vor. Der Verfasser des Aufsatzes spielt auf das „Beispiel der Geschichte an, das die Juden misstrauisch machen muss". Er ist nicht der erste, der diese Anspielung macht. Einige Protestrabbiuer haben es vor ihm gethan. Reden wir deutlich. Mit diesem „Beispiel der Geschichte" sind offenbar Sabbathai Zewi und sein entfernter Schüler Frank (Jankiew Leibowitz) gemeint. Es gehört aber ein ungewöhnliches Maß von Unverstand oder schlechtem Glauben dazu, den modernen Zionismus mit der Sabbathai Zewi- oder Frankisten-Bewegung zu vergleichen. Sabbathai Zewi und Frank behaupteten, der Messias zu sein, sie versprachen dem Judenvolke Wunder des Himmels und gaben vor, übernatürliche Gewalt zu besitzen. Wir aber haben nie ein einziges Wort gesagt, das an diese frechen Schwindler oder unheimlichen Wahnsinnigen erinnern könnte. In unserer Bewegung ist nicht die leiseste Spur von Mystik. Wir sind nüchterne Rechner. Allerdings stellen wir in unsere Rechnung den Wunsch des Judenvolkes, sich als Volk zu erhalten und zu diesem Zwecke eine Anstrengung zu machen, als eine der Zahlen ein. Wir behaupten nicht, Messias oder die kleine Münze des Messias zu sein. Wir wissen, dass wir keine übernatürliche Gewalt haben und glauben an keine Wunder des Himmels. Wie darf man sich also erdreisten, dem heutigen Zionismus das Beispiel Sabbathai Zewis und Franks zwischen die Beine zu werfen? „Und wenn der Zionismus misslingt, was dann?" Meinetwegen. Sprechen wir auch von diesem Falle. Wir glauben an das Misslingen nicht. Wir leugnen indes nicht, dass ein Misslingen denkbar ist. Ein Element von Wagnis, von Ungewissheit ist ja in jedem Unternehmen enthalten. Jedesmal, wenn man etwas beginnt, besteht die Möglichkeit, dass es fehlschlägt. Aber man würde niemals das Geringste thun, wenn man' immer nur an die Möglichkeit des Fehlschlagens denken würde, an diese eine Möglichkeit, der vielleicht zehn oder hundert Wahrscheinlichkeiten des Gelingens gegenüberstehen. Das einzige, was man von einem verständigen Menschen fordern und erwarten darf, ist, dass er sich auf kein Unternehmen einlässt, bei dem das mögliche Risico größer ist, als der wahrscheinliche Nutzen. Was ist das Risico des Zionismus? Stellen wir einmal die Rechnung auf. Der Zionismus verlangt vorläufig vom jüdischen Volke nur zwei Leistungeneine kleine materielle, eine große moralische. Erstens die materielle. Von den Aermsten verlangt man überhaupt nichts; von den Armen verlangt man. jährlich einen Schekel, von den Wohlhabenderen verlangt .man, dass sie Actien der jüdischen Colonialbank zeichnen. Zweitens die moralische Leistung. Von den Juden, die chem Judenthum entfremdet sind, verlangt man die Rückkehr zu ihrem Stamme. Von allen verlangt man Studium der hebräischen Sprache, Pflege der jüdischen Ueberlieferung, Vertiefung in die jüdische Geschichte, Beschäftigung mit den Angelegenheiten des jüdischen Volkes. Nehmen wir nun an, der Zionismus schlagt fehl; das heißt, wir müssen uns nach fünf, nach zehn Jahren überzeugen, dass wir nicht imstande sind, das Wohlwollen des Sultans und die Unterstützung der Großmächte zu erlangen und Rechte in Palästina zu erwerben, oder dass das jüdische Volk in seiner ungeheuren Mehrheit gegen unsere Bemühungen gleichgiltig, für unsere Weckrufe taub bleibt und nicht mit uns geht. Wer wird bei diesem Ausgang der Besiegte sein? Wir allein, die Arbeiter der ersten Stunde. Wir werden unsere besten Lebensjahre und unsere Lebenskraft verloren haben, wir werden gebrochene Männer sein, wir werden verhöhnt, verleumdet, verachtet werden, unsere Gegner werden uns jubelnd den Fuß auf den Hals setzen, und die Sclaven- und Hunde-Juden am wildesten, am unversöhnlichsten; uns wird nur der einzige Trost bleiben, dass wir das Gute gewollt, an unser Volk geglaubt und unseren Jrrthum mit unserem Lebensglück bezahlt haben. Was aber wird das jüdische Volk verloren haben? Fünf oder zehn Schekel, das heißt einen Geldbetrag, den der einzelne Schekelzahler nicht fühlen wird. Das Geld für die Colomalbank-Actien wird auch dann, formt der Zionismus fehlschlägt, in keinem Falle verloren sein. Es wird sorgsam gehütet und ängstlich verwaltet werden. Dafür bürgen uns die treuen und geschäftskundigen Männer, die wir zur Leitung der Bank berufen werden. Und die moralischen Leistungen der Zionisten werden doch wohl den Zionisten nicht geschadet haben. Das brauche ich hoffentlich nicht zu beweisen. Selbstverständlich ist, dass wir keinem einzigen Juden zurufen werden: „Verlasse Dein Geburtsland und folge uns nach Palästina!" — ehe wir ganz sicher sind, dass wir ihm in Palästina sofort mindestens ebenso gute Daseinsbedingungen bieten können, wie in seinem Geburtslande, und in absehbarer Zeit erheblich bessere. So lange wir diese Sicherheit nicht haben, werden wir uns sorgfältig hüten, auch nur einen einzigen Juden zur Auswanderung nach Palästina zu bewegen. Diese Sicherheit werden uns gewähren: 1. die genaue wirtschaftliche Erforschung Palästinas, die unsere nächste Aufgabe ist; 2. das Recht, an dessen Erwerbung wir jetzt arbeiten; 3. das Geld, das unsere Bank besitzen wird. Haben wir die Kenntnis, das Recht und das Geld, so bedeutet das den Erfolg des Zionismus. Erlangen wir diese drei Dinge nicht, so bedeutet dies den Misserfolg des Zionismus, aber dann wird kein Jude davon den geringsten materiellen und moralischen Schaden haben, kein Jude, ausgenommen — wir, die unsere Kraft und unseren Ruf in den Vorarbeiten anfbrauchen. Das ist meine Antwort auf die unerhörte Frage: „Wie, wenn der Zionismus misslingt?" Wenn mir die Sache nicht so heilig wäre, würde ich an eine lustige Anekdote erinnern. Einem schmutzigen mtd krätzigen Judenjüngling wurde eine Brautschau vorgeschlagen. Nur verlangte der Schadchen, dass der junge Mann, ehe er sich seiner Zukünftigen vorstrlle, ein Bad nehme und die Krätze heilen lasse. Da protestierte der Jüngling: „So? Wie aber, wenn aus der Heirat nichts wird?" . „Wie, wenn aus dem Zionismus nichts wird?" Dann werden einige Inden ein Bad genommen und ihre Krätze geheilt haben. Das ist ja freilich ein schweres Opfer, aber dieses Opfer müssen wir dem Jüngling schon znmuthen, wenn er eine. Braut gewinnen will. . . Ich könnte noch auf den Widerspruch Hinweisen, den der Verfasser, des. Aufsatzes begeht, wenn er zuerst erklärt, der Jude dürfe niemals in die Zukunft blicken, dann aber sehr weit in die Zukunft blickt, um dort eiw-Argument gegen den