Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 2 (13.1.1899)
- Article
- Beaurepaire
- Date
- 1899-01-13
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315799-3383824--10129-3383956- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 j*$wr Nr. % dass die Spitze der Bajonnette gegen sie gerichtet sei. Und das ist nächst der sichtbar gewordenen Abbröckelung im obersten Gerichte das Interessanteste an dem ganzen Vorfall. Die Republik scheint in einer ernsteren Gefahr zu sein, sonst wäre Cicero gegen Catilina. Manches, was wir in der letzten Zeit aus Frankreich hörten, spricht für diese Vermuthung. Plötzlich ist eine neue Liga entstanden. Sie führt einen so selbstverständlichen Namen, dass sie nur etwas Uneingestehbares im Schilde führen kann. Sie nennt sich die Liga „des französischen Vaterlandes". Ja, dazu gehören doch von selbst alle Franzosen. Schließt man einen Bund der Brotesser? Brot isst wohl jeder. Es muss was anderes dahinterstecken. Es steckt auch was anderes dahinter. Man sieht es gleich an den Mitgliedern des neuen Bundes. Cavaignac hat sich sofort angeschlossen. Kurz, die Ligue de la Patrie Fran^aise ist nichts anderes als die Cavaigne, die wieder die Boulange ist. Ein paar Schriftsteller halten die Fahne. Brunetiere von der Revue des deux Mondes, den man bei einer schwärzlichen Unternehmung nie vergebens suchen wird; der gerührte Biedermann Coppee, der Fümist Barres und endlich Jules Lemaitre, der mit Vorliebe und Behutsamkeit den Mantel nach dem Winde dreht. Die Herzoge der Akademie hinterdrein. Und noch der ganze Heerbann der vermischten Reactionäre, die Cürieaturisten Forain und Carand'ache nicht zu vergessen, bis zur putzigen Gyp, die ja eine wirkliche Marquise ist und in gerader Linie von jenem Komödien-Marquis abzustammen scheint, welcher sich lustig hinstellte, wenn es in der bürgerlichen Gesellschaft krachte, und rief: „Creve donc, Societe!“ In wenigen Tagen haben sich die Listen der neuen Liga mit tausenden von Unterschriften bedeckt. Eine andere Liga, die auch einen allzu selbstverständlichen Namen führt, die „Liga der Menschenrechte", sieht es mit Schrecken. All das erinnert an die Revolutionszeit, wo sich die Bürger auch in Clubs zusammenfanden: Jacobirrer, Cordeliers, Feuillants! Aber zur Liga vom französischen Vaterlande gehören auch die Führer der Armee. Und da zeigt sich, was die Republikaner verschuldet haben, der große Fehler, die erste Lüge dieser Republik. Statt eine Republik des Friedens zu schaffen, haben sie eine Revanche-Republik aufgezüchtet, all die Jahre her. Das regierende Personal wusste wohl, dass es keinen Krieg führen dürfe, weil jeder Ausgang das Ende der Republik wäre, der Sieg ebenso wie die Niederlage. Dadurch haben sie den Welttheit in dauernder Unruhe erhalten und ihre eigenen Feinde im Lande großgezogen. Nach Außen war ihre Schwäche auf die Dauer kein Geheimnis, und im Innern ließen sie die Armee sich über den Kopf wachsen. Schon hat es den Anschein, als hielten die politischen Vortheilsucher die Republik für verloren. Das wäre (in böses Zeichen, denn die sind in der Mehrheit. Wenn ein Opportunist wie Quesnay de Beaurepaire sich zur Cavaigne schlägt, dann ist es in Frankreich nicht mehr opportun, ein Republikaner zu sein. Aber auch solche Kluge können irren. (Neue Fr. Pr.) m Die Mchk. Wien, ll. Jänner 1889. Ein antisemitischer Abgeordneter hat im niederösterreichischen Landtag einen Antrag gestellt, welcher darauf abzielt, den modernen Schulstuben eine klimatische Wirkung zu verleihen, wie sie vielen Alpenthälern eigen ist. Die Schulstuben sollen Cretins erzeugen. In der Thal ist die Schulreform, die der Abgeordnete in Vorschlag bringt, sehr vielverheißend, und den gewissen Alpenthälern wird, wenn sie nicht von den bevorstehenden Schulstuben übertrumpft werden wollen, nichts übrig bleiben, als die eingeborene Bevölkerung im Frühling niit einer furchtbaren Krvpfepidemie, die einfach jeder Beschreibung spottet, zu überraschen. In ihrer neuen Gestalt soll die Schulstube das Vorzimmer für die antisemitischen Versammlungslocale bilden. Dass gerade der Abgeordnete Steiner sich für eine durchgreifende Heranbildung von Idioten einsetzt, ist sehr begreiflich. Er ist nämlich von Beruf Malermeister. So wird seine Vorliebe für „Pinsel" erklärlich. * * Im niederösterreichischen Landtage hat der Abg. Schneider erklärt, die Juden seien keine Menschen. Demgegenüber wollte der Abg. Dr. Ofner, ein Anhänger der alten anthropologischen Schule, auf Grund einer verstaubten, spinnwebigen Anschauung nach Scholastenart deducieren, dass die Juden gleichwohl Menschen seien. Stat baculus in angulo, ergo pluit. Der interessante Sonderling suchte mit Citaten aus Plato, Albertus Magnus, dem Kirchenvater Augustin und anderen verschollenen Größen unter allgemeiner Heiterkeit seine pathologische Schrulle zu verfechten, verbiss sich mit der hartnäckigen Verstocktheit des weltfremden Büchergelehrten, der sich gegen die warmen Argumente des Lebens feindselig verschließt, in seinen grauen Urväterwust und gerieth selbstverständlich zum Schluss in eine logische Sackgasse, aus der ihn nur der kräftige Ordnungsruf des Landmarschalls zu befreien vermochte. Ueber und über schamrvth setzte sich der sonderbare Magister unter dem Siegesgeschrei der neuen Anthropologenschule nieder. Aber recht geschieht ihm, dem Abg. Dr. Ofner. Warum schlägt er sich nicht endlich seine antedilnvianischen, komischen Lehrsätze aus dem Kopf! * * Ein Berliner Blatt plaidiert für die Ausweisung jüdischer Trafikanten aus Berlin. Man wird diesen inhumanen Antrag milder benrtheilen, sofern man die Gefühle würdigt, denen er entsprungen. Wenn der leidenschaftliche Raucher bei jeder Cigarette, die er in den Mund steckt, sich mit dem Gedanken ängstigen muss: „Diese Cigarette hat ein Jude mit seinen Händen berührt; diese Cigarette hat vielleicht im Dunkel der jüdlschen Trafiken eine rituelle Zubereitung erfahren; in biefeit Schnupftabak hat mir der Jude Rattengift oder gar Niespulver gemischt" u. bergt. — dann wird man es begreiflich finden, dass der nervöse Cnlturmensch, der sich trotz aller gruseligen Vermuthnngen von seiner Nicotinleidenschaft nicht lossagen kann, die Juden aus dem Lande jagen will. Es liegt aber auch die Vermuthung nahe, dass der bekannte Agitator Ahlwardt hinter dem Answeisungsantrage steckt. Rector Ahlwardt ist bekanntlich vor einige Zeit in Berlin als Cigarettenhäudler zugrunde gegangen. Es ist naheliegend, dass er jetzt in einer Anwandlung posrhumen Geschäftsneides die Maßnahmen gegen seine ehemaligen Berufsgenossen angeregt hat. Auf dem Trümmerfelde Ahlwardt'scher Cigarettenschachteln soll kein Jude seine Cuba oder Havana triumphierend aufpflanzen. * -p * Das Selbstbewusstsein der österreichischen Juden hat in letzter Zeck einen argen Stoß erlitten. Sie haben sich immer soviel tmf die Zähigkeit unb Unverwüstlichkeit der jüdischen Rasse eingebildet, die mit unglaublicher Lebenskraft allen Angriffen standhielt und sozusagen als unsterblich bezeichnet werden konnte. — Und auf einmal ist ihnen ein gefährlicher Coucurrent entstanden, der in puncto Unzerstörbarkeit das ganze Judenthum in Schatten stellt — der österreichische Zeitungsstempel. * * Ta die Sitzungen des Wiener Gemeinderathes und des niederösterreichischen Landtages den hohen Anforderungen, die der ausgebildete Kunstsinn des Wiener Publikums an eine packende theatralische Darbietung stellt, doch nicht ganz genügen, und da andererseits die Leitung des neuen Jubiläumstheaters den Erwartungen, die man an einen antisemitischen Vertretungskörper knüpfen kann, auch nicht vollständig entspricht, so haben sich die Wiener entschlossen, im Bezirke Landstraße noch ein Theater zu erbauen, wo sowohl der Stammgast der Landtagsgallerie als auch der Galleriebesucher des Jnbiläumstheaters seine hochgespanntesten Ansprüche erfüllt sehen soll. Damit der Kothurn der neuen Bühne, der hauptsächlich für einen carikierten jüdischen Plattfuß berechnet ist, btefer seiner Bestimmung auch stets treu bleibe, wurde zum Theaterdirector der Herausgeber des „Figaro", eines Wiener antisemitischen Witzblattes, bestimmt.